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Ausgabe - vom (Datum): 11-17.03.2002




Der US-amerikanische Bestsellerautor John Hoyer Updike wird 70

Der Glaube an Gott und die Macht des Eros

Er produziert durchschnittlich einen Titel pro Jahr und schafft regelmäßig den Sprung in die Bestsellerlisten. Es vergeht kaum ein Bücherherbst, in dem er nicht als heißer Kandidat für den Literatur-Nobelpreis gehandelt würde. Der US-amerikanische Schriftsteller John Hoyer Updike, der in Beverly Farms bei Boston (Massachusetts) lebt, feiert am 18. März seinen 70. Geburtstag.

Updike wird in Shillington (Pennsylvania) als Sohn eines Diakons und Mathematiklehrers geboren. Als Kind leidet er an einer Schuppenflechte und stottert. Zuflucht und Trost vor der Hänselei seiner Schulkameraden und den mitleidigen Blicken der Nachbarn findet er beim Schreiben. »Seit frühester Kindheit haben mich Bleistifte, Papier, später die Schreibmaschine und die gesamte Druckapparatur fasziniert«, bekennt er 1985 in einem Interview mit der französischen Zeitung »Lib‚ration«.

1950 beginnt der hoffnungsvolle junge Autor, für den »das Verdichten von Erinnerungen, Fantasien und kleinen Entdeckungen zu dichten Zeilen auf Papier wie ein magischer Akt ist«, ein Literaturstudium in Harvard. Da er Trickfilmzeichner bei Walt Disney werden will, geht er 1954 für ein Jahr an die Ruskin-Kunstakademie im englischen Oxford. Dann erhält er überraschend ein Stellenangebot der Zeitschrift »New Yorker«. Zwei Jahre lang brilliert er dort mit Gedichten, Erzählungen und literaturkritischen Arbeiten.

Als 1959 Updikes erster Roman »Das Fest am Abend« erscheint, reagiert die Kritik zurückhaltend. Zwar wird die stilistische Leistung des Debütanten gelobt, eine Botschaft, eine tragende Idee sei in der Geschichte über ein Altersheim jedoch nicht auszumachen. Das ändert sich ein Jahr später schlagartig, als der erste der vier Rabbit-Romane erscheint, »Hasenherz«.

In den Rabbit-Romanen, die wie alle seine Arbeiten in den Neuengland-Staaten spielen, entfaltet Updike im Stil eines Milieumalers sein Hauptthema: die protestantische kleinstädtische Mittelschicht, verstrickt in die Banalitäten des Alltags und Ehelebens, ständig auf der Suche nach Orientierung und Lebenssinn. Und er lässt zwei weitere Grundthemen anklingen: die Macht des Eros und die - zunächst von der Kritik vermisste - Sinnebene, den Glauben an eine höhere Instanz, an einen Weltenschöpfer.

Protagonist von »Hasenherz«, »Unter dem Astronautenmond« (1972), »Bessere Verhältnisse« (1981) und »Rabbit in Ruhe« (1990) ist Harry Angstrom, ein Buchdrucker und früherer Basketball-Star, der ein Leben lang schwankt zwischen Weglaufen und Standhalten. Rabbit, so sein Spitzname, ist ein lieblos erzogenes Unterschichtskind ohne Welt- und Selbstvertrauen. Auch sein unverdienter beruflicher Aufstieg ändert nichts an der Rolle des Befehlsempfängers und Getriebenen.

Die Romane »Ehepaare« (1968) und »Heirate mich« (1976), in denen es um Ehebrüche und sexuelle Freizügigkeit geht, tragen Updike den Ruf eines »Pornografen der Ehe« ein. Die Literaturwissenschaftlerin Judith Shulevitz stellt ihn gar mit Philip Roth, Norman Mailer und Harold Brodkey in eine Ecke und nennt die vier die »dirty young men« der amerikanischen Literatur der 60er und 70er Jahre.

Die Religion beschäftigt Updike schon als Kind. Besonders beeindruckt ist er von der Frömmigkeit seiner Eltern, die der presbyterianischen Kirche angehören. »Das Christentum war eine lebendige Erfahrung für mich«, schreibt er in seiner 1987 erschienenen Autobiografie »Selbst-Bewusstsein«. Diese Erfahrung prägt ihn bis ins Alter. Der englische Buchtitel »Self-Conciousness« spiegelt in seinem oszillierenden Doppelsinn das Verhältnis von schonungsloser Selbstaufklärung, Unsicherheit und Gewinn an Selbstsicherheit noch deutlicher. Für Updike korrespondieren seine Leidenserfahrungen, seine Krankheiten mit einer jeweils ganz bestimmten spirituellen Bedeutung.

Das Metaphysische in Updikes Werk ist einmal als eigenständige Ebene angelegt, ein anderes Mal assoziativ über den Bilderreichtum seiner Sprache. Häufig zitiert er Thomas von Aquin, Sören Kierkegaard, Albert Schweitzer und Paul Tillich. Karl Barth, dessen dialektische Theologie ihn besonders anspricht, und dem Apostel Matthäus widmet er lange Aufsätze.

Auch in den großen Romanerfolgen »Der Zentaur« (1963), »Der Sonntagsmonat« (1975), »Das Gottesprogramm« (1986), »Gott und die Wilmots« (1998) und zuletzt »Gegen Ende der Zeit« (2000) diskutieren seine ganz und gar unamerikanischen Helden über Glauben und Zweifel, Gott und Sexualität, Alter und Tod sowie das Verhältnis von Naturwissenschaften und Religion.

Updike hat für die beiden letzten Rabbit-Romane den Pulitzer-Preis erhalten. Er ist auch Träger zahlreicher weiterer Literaturauszeichnungen wie des National Book Award in Fiction (1964), des American Book Award (1982) und der National Medal of Arts (1989). Kein Wunder, wenn es auch bald mit dem Nobelpreis klappen würde.

Dieter Schneberger


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 John Updike
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