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Ausgabe - vom (Datum): 19-12.05.2002




Sumaya Farhat-Naser

»Friede ist schwer wie nie«

Sie ist die Botschafterin der palästinensischen Sache und der arabischen Christen im Heiligen Land: Sumaya Farhat-Naser, lutherische Christin und Augsburger Friedenspreisträgerin, las auf Einladung der Evangelischen Stadtakademie München im Literaturhaus aus ihrem neuen Buch »Verwurzelt im Land der Olivenbäume« und diskutierte mit dem WDR-Reporter Andreas Ammer über die Lage der Palästinenser.

Von Helmut Frank


Farhat-Naser
»Wir brauchen Menschen, die beim Wiederaufbau helfen«, sagt Farhat-Naser. Im Hintergrund eine Karte des autonomen Gaza-Streifens. Foto: Frank

Ihre palästinensischen Freunde erklären sie inzwischen für verrückt. Aber es schwingt auch Bewunderung mit, wenn eine Freundin sagt: »Du kannst dich beherrschen, mach weiter - ich kann nicht mehr!« - Sätze wie diesen hört Sumaya Farhat-Naser oft in diesen Tagen.

»Friede? Keiner will im Heiligen Land mehr etwas davon hören. Das Wort ist diskreditiert«, sagt Farhad-Naser. »In der gegenwärtigen Lage ist keine Friedensarbeit mehr möglich. Aber es muss doch irgendwie weitergehen. Nennen wir es eben Persönlichkeitsgestaltung oder Erwachsenenbildung.

Ihren Optimismus hat die 53-jährige palästinensische Aktivistin in den vergangenen Wochen verloren, nicht jedoch ihren Glauben. Und dieser Glaube birgt noch immer eine Zuversicht, die weder durch israelische Panzer noch durch die sinnlosen Selbstmordattentate ihrer Volksgenossen zerstört werden kann.

»Wir weigern uns, Feindinnen zu sein«

»Wir weigern uns, Feindinnen zu sein«, steht auf dem Transparent, das Sumaya zusammen mit der israelischen Partnerin Gila Svirsky im Juni 2001 bei einer Versammlung der »Frauen in Schwarz« trägt. Im Jahr 1986 hat sie sich zum ersten Mal mit israelischen Frauen getroffen. Unter Gefahr, denn derartige Kontakte waren von der israelischen Regierung streng verboten und wurden auch von den palästinensischen Führern als Verrat geächtet. Doch gerade diese Freundschaften machen ihr in der momentanen Lage Mut: »Die Gewalt kann uns nicht aus der Welt schaffen«.

Was sie mit den Israelis zusammenhält? »Die Hoffnung auf ein Ende der Besatzung, der Glaube an eine Zukunft in zwei Staaten für zwei Völker mit einem Jerusalem für Israelis und Palästinenser. Die Hoffnung auf eine Ende der alltäglichen Gewalt, die Einsicht in die Notwendigkeit von Gerechtigkeit und Demokratie.«

Vor zehn Jahren kannte sie sieben Israelis, die so denken, jetzt sind es über 300. »Ich weiß von ihnen, dass sie um ihre Demokratie bangen, welche Ängste sie haben.« In den Worten einer israelischen Partnerin: »Die israelischen Frauen suchen den Dialog mit Palästinenserinnen, damit sie nachts besser schlafen können. Die Palästinenserinnen kommen in unsere Dialoggruppen, um die Israelinnen daran zu hindern, nachts ruhig einzuschlafen.«

Farhad-Naser beschwört eine Bewegung gegen den Trend: »Seit drei Monaten fordert eine Schülerbewegung die Rückgabe der besetzten Gebiete, um die Sicherheit für Israel zu erhöhen«. Und sie hat mit Juden in den USA gesprochen, die glauben, dass der überbordende Nationalismus Israel zerstört. Die Bodenhaftung verliert sie deswegen nicht: »Ich glaube, wir haben noch schreckliche Momente vor uns«, fürchtet sie. Kann es noch schlimmer kommen? In den vergangenen vier Monaten war sie auf 78 Beerdigungen.

Im Westjordanland geboren 1948, im Gründungsjahr des Staates Israel, sieben ihrer acht Geschwister leben nicht in Palästina, sind - symptomatisch für eine palästinensische Familie - verstreut in alle Welt. Ihre Lebensgeschichte dokumentiert, dass der Friedensprozess jenseits der politischen Bühnen von Oslo oder Camp David umgesetzt werden muss. Die Mühsal dieses Prozesses mit all seinen Rückschlägen räumt gründlich auf mit der Meinung, Frieden sei einfach zu haben, oder: eine Sache guten Willens. »Es ist schwer wie nie«.

Die Selbstmordattentate und der verheerende israelische Einmarsch in die Palästinensergebiete haben die Bevölkerung radikalisiert. Die Stimmung für eine Verständigung beider Völker ist am Boden. »Hundert palästinensische Führer wurden von den Israelis getötet«, sagt sie. »Weil die Gemäßigten tot sind, versinken wir im Chaos.« 18000 palästinensische Kollaborateure stehen nach ihrer Information in Diensten Israels, die Infrastruktur mit Schulen, Katasterämtern, Verwaltung, Krankenhäusern und Polizeistationen ist zerstört.

Menschliche Gesten am tödlichen Checkpoint

»Schwer wie nie«, das schlägt durch bis in die alltäglichen Dinge. Seit vor drei Jahren der Flughafen in Tel Aviv für Palästinenser gesperrt wurde, muss sie über Jordanien zu ihren Vorträgen ins Ausland fliegen. Nach Amman geht es für Palästinenser über die Feldwege und Äcker der Westbank, israelische Straßen und Checkpoints sind für sie nicht passierbar.


@ Lesen Sie weiter im zweiten Teil des Beitrags


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