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Buchtipp: Hannelore Noack - "Unbelehrbar?"

Kirchliche Wurzeln des Antisemitismus

Von Christian Blendinger

Hannelore Noack, Jahrgang 1928, wird in Berlin durch Kindheitserlebnisse in den dreißiger Jahren auf das Judenthema gestoßen, das sie lebenslang nicht loslässt. Eigene spätere Studien dazu, sie ist keine gelernte Historikerin, führen zu ihrem Lebensthema: Sie fragt in einem speziellen Bereich nach den kirchlichen Wurzeln des lange vor Hitler grassierenden Antisemitismus. Das Material nimmt sie überwiegend aus ihrem westfälischen Lebensbereich, sie lebt seit langem in Paderborn mit seinem dort verwurzelten national-konservativen Katholizismus. Dieser Hintergrund steht für die durchgehende Grundströmung des Judenhasses in Deutschland, Österreich, aber auch in Frankreich, Russland und dem Balkan. Seine erste Hochflut schwappte in der Zeit des imperialistischen Chauvinismus, also in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, über die Nationen hinweg.

Gegenstand der Untersuchung ist der Umgang der Christen mit dem Talmud. Der Talmud ist das "Bürgerliche Gesetzbuch der Juden", wie man es genannt hat: Die über zwei Jahrtausende staatenlose jüdische Religionsgemeinschaft in aller Welt schuf sich eine Sammlung von Gesetzen und Lebensregeln, auch Überlebensregeln (!), fußend auf der Heiligen Schrift der Juden, dem Alten Testament. Der Talmud war das für Nichtjuden fremdeste Buch des Judentums, ungelesen, auch seiner fremden Sprache wegen, und so fast jedem Missverständis und jeder Verfälschung ausgesetzt. Lange schon hatten "Gelehrte" herausgelesen, etwa dass Christen für die Juden wie Hunde und Schweine seien, dass man sie ungestraft betrügen dürfe, ja dass Ritualmorde von Juden an Christenkindern geboten seien.

Noack zeigt in ihrem Werk, das zunächst als Dissertation erschien, die trüben Quellen solcher Verleumdungen auf: "Entstellte Talmudzitate aus den Jahren 1848 - 1932 zum Zweck der Aufwiegelung gegen Juden und Judentum" lautet der ursprüngliche Titel ihrer Arbeit. Wie Sumpfblasen blubbert eine Welle antisemitischen Hasses auf, Verleumdungsschriften, Diffamierungskampagnen, Verteidigungen, Prozesse, vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dabei wurde der Bodensatz einer gefühlsmäßigen Abneigung gegen das Fremde im eigenen Land aufgerührt von gelehrter theologischer Seite: Ein Professor Jakob Andreas Eisenmenger aus Heidelberg hatte schon um 1700 fleißig aus dem Zusammenhang gerissene Talmudzitate zusammengestellt, auf denen fast alle späteren Verleumdungen fußten, ohne dass die späteren Verbreiter sich die Mühe machten, sie nachzuprüfen. Zu ihnen gehörten im 19. Jahrhundert nicht zuletzt Gestalten des westfälischen katholischen Klerus, Konrad Martin, Bischof von Paderborn, und vor allem August Rohling, Professor für Altes Testament in Prag. Aus seiner Feder stammte die Hetzschrift "Der Talmudjude" (1870), die in zehn Auflagen Judenfeindschaft in ganz Deutschland und Österreich schürte. Der Nährboden für den Judenhass des Nazireichs war da wohl vorbereitet. Auch evangelische Theologen wie der bekannte Hofprediger Kaiser Wilhelms II., Adolf Stöcker, stießen in dieses Horn.

Dieser deprimierende Stoff wird in erdrückender Materialfülle - die die Lesbarkeit nicht fördert! - aufgezeigt. Gestalterische und editorische Mängel stören leider. Aber die Botschaft des Buches ist unüberhörbar: "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch." (B. Brecht)

Für Christen immer neu erschreckend ist, dass dieser Schoß eben auch der "Schoß der Kirche" war, der zwar ihre Kinder mütterlich umfing, die "draußen" aber, vor allem die Juden, ausgrenzte und so den Massenmord im Hitlerreich zwar nicht verursachte, wohl aber emotional vorbereiten half.

Buchtipp
"Unbelehrbar?" - Antijüdische Agitation mit entstellten Talmudzitaten von Hannelore Noack, Verlag University Press, Paderborn, 544 Seiten, 68 Mark.


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  Hannelore Noack: "Unbelehrbar?". Ein Buch über antijüdische Agitation mit entstellten Talmudzitaten.
Verlag University Press, Paderborn, 544 Seiten, DM 68,-


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