10.10.2017
Ulmer Münster

Apostel mit Augenleiden

Im Original ist sie kaum zwei Zentimeter groß: Der Apostel Petrus trägt auf dem Bild der Grablegung Marias eine Brille (Bild links). Auch den anderen Aposteln auf der Glasmalerei (Bild rechts) schreibt der Ulmer Augenarzt Hans-Walter Roth verschiedene Leiden zu – etwa Schielen oder grauen Star.
Apostel auf der Glasmalerei der Grablegung Marias im Ulmer Münster
Den Aposteln auf der Glasmalerei der Grablegung Marias schreibt der Ulmer Augenarzt Hans-Walter Roth verschiedene Leiden zu – etwa Schielen oder grauen Star.

Man muss schon genau hinschauen, um das kleine Detail auf einem der Glasfenster in der Besserer-Kapelle am Ulmer Münster zu erkennen: Petrus trägt dort eine Brille. Im fünften Chorfenster steht der Apostel in der um 1430 von Hans Acker geschaffenen Glasmalerei am Totenbett Mariens. Die Brille, die er aufhat ist weniger als zwei Zentimeter groß, – aber sie ist die älteste bekannte Darstellung einer auf Glas gemalten Sehhilfe.

Entdeckt hat sie Hans-Walter Roth schon vor einigen Jahren. Doch nun machten es Sanierungsarbeiten in der Besserer-Kapelle dem Ulmer Augenarzt möglich, die Darstellung genau zu untersuchen. Und Roth entdeckte erneut Erstaunliches: Der spätmittelalterliche Glasmaler Acker stellte neben dem brillentragenden Petrus auch die Apostel, die die soeben verstorbene Maria umstehen, mit Augenkrankheiten dar.

Die Brille wurde erst später erfunden

Dass Petrus zu Lebzeiten eine Brille getragen hat, ist natürlich unrealistisch – auch wenn mehrere aus dem späten Mittelalter stammende Malereien diesen Apostel mit Lesehilfe zeigen. Der allererste Guss einer durchsichtigen Linse gelang um das Jahr 1270 in Norditalien, und etwa zwanzig Jahre später wurden erstmals zwei Gläser mit Haltern aus Holz und Elfenbein zu einer Art Brille verbunden. Ein erhaltener Text aus dem Jahr 1305 besagt, dass der in Pisa tätige Dominikanermönch Alessandro della Spina gegen Ende des 13. Jahrhunderts das Schleifen von Brillengläsern beherrscht habe. Zu Petrus‘ Zeiten jedoch gab es ganz sicher noch keine Brille.

Warum wohl setzte dann Hans Acker in den Kapellenfenstern dem Fischer Petrus eine Brille auf? Auf Darstellungen aus dieser Zeit werden ganz selten Erkrankungen oder Behinderungen gezeigt, weiß Roth. Die älteste gemalte Brille wird auf das Jahr 1352 datiert und befindet sich auf einem Fresko im Kloster San Nicolò in Treviso bei Venedig. Dennoch kannte Hans Acker Brillen, auch wenn sie zu seinen Lebzeiten noch für Normalbürger unerschwinglich teuer waren. Bekannt war ihm wohl genau jene Art von Nietbrille, wie er sie Petrus aufsetzte, – und die diesem eigentlich viel zu klein ist. Neben dem Alter wollte der Künstler Petrus mit der Brille vermutlich auch Lesefähigkeit und damit Bildung und einen herausgehobenen Status attestieren.

 

Der Apostel Petrus trägt auf dem Bild der Grablegung Marias eine Brille.
Im Original ist sie kaum zwei Zentimeter groß: Der Apostel Petrus trägt auf dem Bild der Grablegung Marias eine Brille.

Die Eigenart, Kleidung und Lebensumstände auf sakralen Darstellungen der Lebenszeit des Künstlers anzupassen, sei für das späte Mittelalter normal und habe sich erst mit der Renaissance geändert, sagt Hans-Walter Roth. Der um 1380 geborene Hans Acker stand mit dem Auftrag für das Ulmer Münster vor der Aufgabe, die Apostel um das Totenbett Marias in hohem Alter darzustellen. »Da er nur Gesichter zeigt, musste er statt gebeugtem Rücken und Krücken die Gesichter als ›alt‹ herausstellen. Das konnte er mit Bärten tun. Oder aber, und das ist das Einmalige, mit Alterskrankheiten an den Köpfen. Er tat dies über hängende Lider, schielende Augen, Glotzaugen wie sie bei Schilddrüsenüberfunktion auftreten, oder das Zusammenkneifen der Augen als Kennzeichen für die höhere Blendung beim grauen Star. »Nehmen wir den Apostel über der Maria: Das Lid hängt, der Augapfel dreht sich nach außen. Der Apostel hatte einen Schlaganfall«, diagnostiziert er.

Maler litt auch an Augenkrankheit

Hans-Walter Roth hat auch eine Vermutung, weshalb der Glaskünstler Hans Acker einen speziellen Blick auf Augenkrankheiten hatte: »Hans Acker muss kurzsichtig gewesen sein. Ein normalsichtiger Maler hätte die extrem feine Zeichnung nur schwer in dieser Vielfalt der Strukturen bringen können.«

Mit seinem Werk hinterließ der Glaskünstler im Ulmer Münster ein Stück Geschichte zu den damals eben erst entwickelten Lesehilfen, denn Originale von solchen Nietbrillen überstanden die Jahrhunderte nur fragmentarisch im Kloster Wienhausen. Weil ihn allerdings die Funktionsweise der abgebildeten Nietbrille so interessiert, baut Augenarzt Roth sie momentan detailgetreu nach.

 

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