13.07.2017
Theater

Augsburger Bürger und ihre Glaubenserfahrungen

Augsburg — 
Das Bürgerbühnenstück des Jungen Theaters Augsburg hat Mitte Juli Premiere. Aufgeführt wird es im Bürgeramt – und die Zuschauer wandern dabei durch das gesamte Gebäude.
Irmi Stripp und Horst-Walther Menacher spielen im Theaterstück »Fromm und Frei«.
Irmi Stripp und Horst-Walther Menacher spielen ihre Szene im Treppenhaus des Bürgeramts. Die Darsteller von »Fromm und Frei« sind ganz normale Bürger zwischen 15 und 86 Jahren – mit ganz unterschiedlichen Konfessionen und Religionen. Im Stück sprechen sie über ihre Erfahrungen mit dem Glauben.

Im Wartesaal des Bürgerbüros »An der Blauen Kappe« in Augsburg hängen die Fotos von 15 Schauspielern. Von Rattaphon etwa, dem thailändischen Koch, der sich zum Buddhismus bekennt. Oder von Marcella, die in einer katholischen Sintifamilie aufgewachsen ist, heute jedoch einer Freikirche angehört. Und von Fred: Seit er 17 Jahre alt ist, gehört der Nigerianer dem Christentum an.

Rattaphon, Marcella und Fred sind Darsteller im Bühnenstück »Fromm und Frei – Augsburger Bekenntnisse« des Jungen Theaters Augsburg. Wie alle anderen Schauspieler sind sie ganz normale Bürger, die mit ihren ganz unterschiedlichen Konfessionen in der Stadt leben. Auf der Bühne erzählen sie von ihrem Glauben – und die Bühne, das ist das Bürgerbüro Stadtmitte, An der Blauen Kappe 18.

Experten des Alltags

»Wir wollten im Lutherjahr mit der Bürgerbühne ein Stück zum Thema Bekennen aufführen«, sagt Regisseurin Susanne Reng. Monatelang hat sie mit ihrem Team nach einem Ort und den geeigneten Personen für das Stück gesucht. Seit Mai proben die »Experten des Alltags«, wie Reng sie nennt, nun im Bürgerbüro gegenüber dem Eisstadion. Die Wahl sei auf das Bürgeramt gefallen, weil hier jeder Bürger einmal hinkomme – egal, woher er stamme oder was er glaube, erläutert Reng. Eine Szene des Stücks spiele etwa im Warteraum der Ausländerbehörde: »Mit zwei Schauspielern, die dort auch im echten Leben schon gewartet haben«, berichtet die Regisseurin.

Neun Szenen umfasst das Stück. Katholiken, Protestanten, Mennoniten, Moslems oder Buddhisten erzählen darin von ihrem Glauben: Wie wichtig er für sie ist, wie er sie geprägt hat, wie es ihnen damit geht in der Stadt, in der sie leben. Die Zuschauer wandern bei der Aufführung durch das gesamte Gebäude – vom Erdgeschoss bis in den neunten Stock. In jedem Stockwerk sehen sie eine Szene.

Im Treppenhaus des zweiten Stocks etwa unterhalten sich Irmi Stripp und Horst-Walther Menacher. Sie sei zwar noch in der evangelischen Kirche, erzählt Stripp: »Aber ich bin ungläubig.« Der Glaube sei ihr in der Kindheit »ausgetrieben worden«, meint die 68-Jährige. In ihrer Szene macht sie den Pfarrer nach, der ihre jugendliche Glaubenserfahrung prägte: »Ihr seid alle Sünder«, poltert er von der Kanzel. »Das war schlimm«, sagt Stripp. Und doch sei sie nie aus der Kirche ausgetreten: »Dem Grund dafür gehe ich hier nach.«

Suche nach dem Glaubensweg

Ganz anders bei Horst-Walther Menacher: Seine Eltern ließen ihn selbst entscheiden, ob er konfirmiert werden wolle. Er wollte nicht, suchte erst nach dem richtigen Glaubensweg. Als junger Mann holte er die Konfirmation nach. Auf eine einzige Konfession jedoch will sich der 58-Jährige nicht festlegen: »Ich denke nicht, dass nur eine Seite die Wahrheit hat«, meint er. Er fühle sich zu 51 Prozent evangelisch: »Der Rest ist vor allem katholisch.«

»Solche Geschichten können wir uns als Theatermacher gar nicht ausdenken«, sagt Susanne Reng. Das sei das Faszinierende am Bürgertheater. Seit 2013 erarbeite sie und ihr Team jedes Jahr ein Bürgerbühnen-Stück. Gespielt wird immer im öffentlichen Raum, sei es auf dem Friedhof oder im Bürgerbüro. Dabei nehme man sich stets ein brisantes Thema aus dem Alltag der Stadtgesellschaft vor, so Reng. Diesmal ist es das Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen Religionen.

Dass dies funktionieren kann, zeigt die letzte Szene. Darin kommen alle Schauspieler im obersten Stockwerk des Gebäudes zusammen und diskutieren die Frage: »Kommen wir alle in denselben Himmel?« Eine Antwort darauf gebe das Stück nicht, verrät Reng. Aber darum gehe es nicht: »Entscheidend ist, die religiöse Verschiedenheit gemeinsam auszuhalten. Im Stück funktioniert das.«

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