12.10.2017
Alternatives Konzept

Herzogsägmühle wirtschaftet fürs Gemeinwohl

Herzogsägmühle — 
Im Schneeballsystem will das alternative Wirtschaftskonzept der Gemeinwohl-Ökonomie die Arbeitswelt umkrempeln: Weg vom Profitdenken, hin zu einem solidarischen Miteinander. Das Diakoniedorf Herzogsägmühle ist als Pionier in Sachen mehr Solidarität und Gerechtigkeit vorn mit dabei.
Wilfried Knorr.
Wilfried Knorr ist Direktor des Diakoniedorfs Herzogsägmühle.

Als bundesweit erste Einrichtung der Diakonie ist das Sozialdorf Herzogsägmühle (bei Schongau) mit seiner Bilanz zur Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) zertifiziert worden. Vor allem die Bereiche Einkauf, Mobilität und Energieversorgung seien dabei unter ökologischen und sozialen Gesichtspunkten auf den Prüfstand gekommen, erklärte Direktor Wilfried Knorr. Das solidarische Wirtschaftskonzept der Gemeinwohl-Ökonomie könne Antworten geben auf die Frage, »wie wir Wohlstand und Wachstum garantieren können, ohne ständig immer mehr Ressourcen zu verbrauchen«, sagte der 58-Jährige, der auch Vorstand der Inneren Mission München ist.

Als konkrete Ergebnisse aus der GWÖ-Bilanz hat Herzogsägmühle beispielsweise Pappbecher in seiner Gastronomie abgeschafft, ein Leasing-Konzept für Mitarbeiterfahrräder aufgesetzt und eine Solartankstelle für zwei Elektroautos gebaut. Das Unternehmen, 2017 mit dem Preis »Standortprofi« der Region ausgezeichnet, nimmt »Mitarbeitergesundheit« stärker in den Blick. Ein Dorfrat sorgt seit März für mehr Mitbestimmung. »Hilfeberechtigte sind Bürger mit eigenen Wünschen, die wollen stabiles Internet und mehr Busverbindungen – darum müssen wir uns kümmern«, sagt Knorr.

Wegweiser in Herzogsägmühle.
Wegweiser in Herzogsägmühle.

Geringe Kosten für GWÖ-Bilanz

Teuer sei die Erstellung der GWÖ-Bilanz nicht: Rund 8000 Euro rechnet Knorr für die externen Prüfer aus Österreich, dazu 940 Stunden Fortbildung für das 40-köpfige GWÖ-Team in Herzogsägmühle.

Die großen Ausgaben folgen erst in der Umsetzungsphase: Um seinen Stromverbrauch zu Spitzenzeiten künftig selbst decken zu können, plant das Dorf beispielsweise die Anschaffung eines Batteriespeichers für die überschüssige Energie aus dem dorfeigenen Blockheizkraftwerk. Voraussichtlich 500 000 Euro kostet diese Neuerung, die Herzogsägmühle im Energiebereich weitgehend autark machen soll. »Niemand macht Gemeinwohl-Ökonomie nur aus ökologischen Gründen – es muss sich auch ökonomisch rechnen«, sagt Knorr.

Ein Feigenblatt fürs Gewissen sei die Bilanz dennoch nicht: »Dahinter steht eine bestimmte Haltung und die Bereitschaft, Dinge umzusetzen.« So koste die Entscheidung, in Herzogsägmühle grundsätzlich nur noch Eier aus Freilandhaltung zu verwenden, rund 3700 Euro im Jahr. »Die sind weg«, sagt der Direktor trocken.

Martinskirche in Herzogsägmühle.
Martinskirche in Herzogsägmühle.

Politische Arbeit: Kontaktgruppe im Bundestag

Die Erfahrungen des Pilotprojekts sollen nun ausgewertet und anderen diakonischen Einrichtungen wie der Inneren Mission München zur Verfügung gestellt werden. Auch die Arbeit auf politischer Ebene beginnt: Eine Kontaktgruppe im Bundestag soll künftig Gemeinwohl-Ökonomie als Alternative zur Marktwirtschaft bekannt machen.

»Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer, es gibt vererbte Bildungsungerechtigkeit, die Zunahme von psychischen Krankheiten aus der Arbeitsbelastung ist dramatisch«, zählt Knorr die Defizite des aktuellen Systems auf. Politik müsse sich wieder stärker sozialen Werten verpflichten, nicht nur dem Markt – Gemeinwohl-Ökonomie biete dafür einen Ansatz.

Herzogsägmühle verzeichnete 2016 einen Umsatz von 91,3 Millionen Euro. Das Unternehmen beschäftigt 1380 Mitarbeiter und erreicht täglich rund 4000 Menschen in der Region mit seinen Angeboten. Dazu gehören Integrations-Betriebe wie Briefmarkenverwertung, Gärtnerei und Landwirtschaft sowie Angebote der Sucht-, Jugend-, Behinderten- oder Wohnungslosenhilfe.

 

Was ist Gemeinwohl-Ökonomie?

GEMEINWOHL-ÖKONOMIE schafft Gewinnmaximierung als oberste Priorität ab und schreibt den beteiligten Unternehmen stattdessen Werte wie Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit und Transparenz ins Auftragsbuch. Anhand einer Matrix können die Firmen diese Punkte mit Blick auf ihre Kunden, auf ihr Unternehmen, auf die Mitarbeitenden und die Gesellschaft überprüfen.

NEGATIV-LISTE: GWÖ-Mitglieder bestätigen, dass ihr Unternehmen Menschenrechte nicht verletzt und auch nicht mit solchen Unternehmen kooperiert, dass es keine feindlichen Übernahmen, Sperrpatente, Dumpingpreise oder geplante Obsoleszenz (also die absichtliche Verringerung der Lebensdauer von Produkten) gibt, dass nicht gegen Umweltauflagen verstoßen oder die Steuerpflicht umgangen wird. Arbeitsplatzabbau trotz Gewinn, unangemessene Verzinsung für Gesellschafter, exzessive Einkommenspreizung im Unternehmen und Verhinderung eines Betriebsrats müssen ausgeschlossen sein. Die Unternehmen verpflichten sich, alle Beteiligungen und Tochterunternehmen sowie alle Finanzflüsse an Lobby-Organisationen offenzulegen.

URSPRUNG: Das GWÖ-Konzept entstand 2010 in Österreich und hat sich seither über Deutschland, die Schweiz, Italien und Spanien bis nach Großbritannien, Osteuropa, Nord- und Südamerika und Afrika ausgebreitet.

ERFOLG: Rund 300 Unternehmen haben bereits eine zertifizierte GWÖ-Bilanz, etwa 2200 Firmen und 160 Organisationen sind Mitglied der Bewegung.

VORREITER: Zu den bekanntesten deutschen GWÖ-Unternehmen gehören der Sportartikelhersteller Vaude, die Sparda-Bank München und das Transportunternehmen Schachinger Logistik.

Share Facebook Twitter Google+ Share
Sonntagsblatt