21.12.2017
Kirchenglocken

Künstler gestaltet die neuen Glocken von Erbendorf

Erbendorf — 
Ihm ist der Glockenklang zur Musik des Lebens geworden: Ruhestandspfarrer Günter Niekel aus Muhr am See hat innerhalb von 30 Jahren 400 Glocken gestaltet. Der 70-jährige Glockenkünstler soll nun auch das neue Geläut in Erbendorf in der Oberpfalz verzieren.
Glockenkünstler Günter Niekel betrachtet die fertig gesetzte Glocke.
Günter Niekel betrachtet die fertig gesetzte Glocke. Die Zier aus Bienenwachs wird auf die »falsche Glocke« aufgesetzt.

 

Ruhestandspfarrer Günter Niekel liebte schon als Kind den Klang der Glocken. Wenn er mit seiner Mutter zum Grabgießen auf den Friedhof ging, ertönte er. Während er zur Schule ging, sammelte er Kupfer und Zinn, um selbst einmal eine Glocke zu gießen. Mit 17 Jahren wurde er Bayerns jüngster Mesner in seiner Heimatgemeinde Muhr am See (Dekanat Gunzenhausen). Den Glockenstrang zog er selbst. »Glocken haben mich nie losgelassen«, sagt Günter Niekel, der schließlich Pfarrer wurde und das Amt 36 Jahre lang in Weitlingen (Dekanat Dinkelsbühl) ausübte.

Ein Zufall führte 1987 dazu, dass aus seiner Faszination für Glocken eine Profession wurde. In der Nachbargemeinde brannten Kirche und Turm ab, dabei fielen die Glocken herab und wurden zerstört. Seine Gemeinde stiftete damals eine neue Glocke. Zum ersten Mal erlebte er den Prozess mit, wie eine Glocke entsteht.

Glockenkünstler mit eigenem Stil

Niekel fuhr selbst zum Glockengießer Bachert nach Heilbronn und ließ sich alles erklären. Er kopierte die Abdrücke historischer Glocken, machte die Model ausfindig, die früher Glockengießer verwendeten, um die Abdrucke von Heiligenfiguren und biblischen Darstellungen auf den Glocken anzubringen. Er experimentierte mit Materialien und Klebstoffen, um den komplizierten Herstellungsvorgang optimal hinzubekommen. »Die neue Glocke, die wir gestiftet haben, durfte ich dann selbst gestalten.« Niekel entwickelte sich regelrecht zu einem Glockenkünstler mit eigenem Stil, was sich schnell herumsprach.

1992 beauftragte ihn die Firma Bachert, die große Glocke für das Olympiadorf in Barcelona zu gestalten. Sie wog 140 Zentner und bekam die fünf Erdteile als Verzierung. »Mein größter Auftrag, den ich je hatte.« Am weitesten entfernt aber dürften die Glocken sein, die er für eine Kathedrale in Uganda gestaltete. »Den Ort kenne ich nicht. Ich weiß nur, dass es für ein Kloster war.«

Neue Glocken für Erbendorf

Während seiner Zeit als Pfarrer beschränkte sich Niekels Glockenkunst jedoch weitgehend auf Franken. Erst im Ruhestand weitete er seinen Wirkungskreis aus. 400 Glocken hat der Ruhestandspfarrer inzwischen mit Symbolen, Bibelsprüchen und Darstellungen versehen. Von seinem Erfahrungsschatz profitiert nun auch die evangelische Kirchengemeinde in Erbendorf (Dekanat Weiden). Denn die dortige Martin-Luther-Kirche soll neue Glocken bekommen.

Model helfen bei der Herstellung der Wachsplatten .

 

Vor zehn Jahren wurde das Geläut eingestellt. Der Glockenstuhl, an dem die alte und verrostete Eisenglocke hing, war marode geworden, die Glocke drohte abzustürzen. Die Glocken wurden abgenommen, der Glockenstuhl zurückgebaut. Seitdem sammeln die etwa 600 Protestanten in dem Ort Geld für neue Glocken. »Es war der tiefe Wunsch der Gemeinde, wieder eine Kirchenglocke zu haben«, sagt Pfarrer Christoph Zeh. Im kommenden Jahr könnte es so weit sein, dass wieder vom evangelischen Kirchturm die Glocken klingen. »Die katholische Kirche ist nebenan, dann brauchen wir uns nicht mehr zu verstecken«, sagt Zeh.

Wie die neuen Glocken aussehen, stehe schon fest: Die Glockengießerei Bachert in Karlsruhe wird die Glocken gießen, die künstlerische Feinarbeit macht Günter Niekel. Es soll ein Vierergeläut entstehen. Die Christusglocke mit Namen »Liebe« erhält eine Lutherrose als Emblem. Die Gebetsglocke »Vertrauen« zieren bergende Hände, die Sterbeglocke erhält einen Anker, und auf der Taufglocke soll der Bibelspruch »Der Herr ist mein Hirte« stehen.

Stimmen aus einer anderen Welt

Fasziniert habe ihn von jeher, wie verschieden Glocken klingen können. Die Glockengießer könnten durch die Form und das Material zwar den Ton einer Glocke genau festlegen – was auch schon mal schiefgehe, wie bei der Frauenkirche in Dresden, wo der Guss danebenging und auch die Verzierungen zu dick waren, sagt er; aber den Glockenschlag, den alle Töne miteinander ergäben, den könne niemand vorher ermessen. Jedes Mal, wenn eine Glocke zum ersten Mal erklinge, sei das für ihn »wie die Stimme aus einer anderen Welt. Sie rührt Seiten in der Seele an, die sonst durch nichts angerührt werden.«

2018 könnte dieser erste Glockenklang in Erbendorf zu hören sein: Dann sollen in der Martin-Luther-Kirche wieder Glocken erklingen. Ein historisches Jahr, denn eine andere Glockentaufe wird dann auch gefeiert werden: In Bukarest wird die größte frei schwingende Glocke aufgehängt, mit mehr als 25 Tonnen Gewicht. Mit diesem Rekord löst sie den »Dicken Pitter« in Köln ab.

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