18.03.2017
Interview mit Reiner Kunze

Kunze: »Gott, wie viel Blau verschwendest du«

»Die wunderbaren Jahre«: Mit diesem Buch hat der Autor Reiner Kunze 1976 ein Publikum erreicht, von dem jeder Lyriker träumt – hunderttausendfach hat es sich verkauft. Dabei ist es ein Werk, das so viel persönliche Verzweiflung, so viel Schmerz enthält über die Zeit damals, die politische Lage und was sie mit ihm als Mensch gemacht hat. Der 83-Jährige musste damals die DDR verlassen, andernfalls wäre er wegen seiner oppositionellen Haltung für Jahre ins Gefängnis gewandert.
Reiner Kunze Porträt
Der Schriftsteller Reiner Kunze: Er verkörpert die deutsch-deutsche Geschichte wie nur wenige Künstler. In der DDR wurde der regimekritische Autor bespitzelt und gegängelt, bis er 1977 in die Bundesrepublik übersiedelte.

Herr Kunze, in Ihrem Essayband »Das weiße Gedicht« schreiben Sie, wenn uns ein poetisches Bild in seinen Bann schlägt, werden wir ein Zeichen in das Buch legen, was etwas Ähnliches ist, als steckten wir einem Menschen den Ring an den Finger. Was meinen Sie damit?

Reiner Kunze: Damit meine ich, dass wir von nun an mit dem poetischen Bild zusammenleben wollen.

Kann man sich in jemandes Sprache, in seine dichterischen Bilder, seine Nuancierungen, in die Feinheit seines Ausdrucks verlieben?

Kunze: In einem Gedicht von Odysseas Elytis heißt es: »Mein Gott, wie viel Blau verschwendest du, damit wir dich nicht sehen.« Ich möchte dieses Bild nicht mehr missen.

Was vermag Sprache grundsätzlich und wo sind ihre Grenzen?

Kunze: Jede Sprache hat ihre eigenen Vorzüge und ihre eigenen Grenzen. Kämen die Völker überein, zugunsten einer einzigen Sprache auf ihre eigenen Sprachen zu verzichten, und ihre mitunter jahrhundertealten Literaturen wären nur noch in der Übersetzung dieser einen Sprache zu lesen, ginge an menschlichem Ausdruck und an Ausdruck des Menschlichen Unwiederbringliches verloren.

Verarmt Sprache in schnelllebiger Zeit?

Kunze: Sprache verarmt nicht, weil die Zeit schnelllebig ist, sondern weil die Menschen die Sprache ruinieren.

Könnten Sie das näher erläutern?

Kunze: Auf wie viele Seiten wollen Sie das Interview ausweiten? Allein die Rechtschreibreform hat Hunderte von differenzierenden Wortzusammensetzungen aus dem Wortschatz getilgt. Der Sprachfeminismus bewirkt durch die Diskreditierung geschlechtsübergreifender Wortbedeutungen eine eklatante Verarmung der Sprache.

Beide christliche Kirchen mahnen einen behutsamen Umgang mit der Sprache an. Wie erleben Sie als sprachsensibler Autor die öffentliche Sprache in Politik und Medien?

Kunze: Auf dem Bildschirm an der Stirnwand eines großen Saales voller Gymnasiallehrer stand geschrieben »Herzlich Willkommen!« Einen ganzen Tag lang erhob sich keine einzige Stimme des Protests. Als letzter Redner machte ich darauf aufmerksam, dass es nach der klassischen wie nach der reformierten Rechtschreibung heißen müsste »Herzlich willkommen«, denn »willkommen« ist hier ein Adverb, und Adverbien werden bekanntlich klein geschrieben. Schreibe ich »Willkommen« groß und das Wort steht nicht an einem Satzanfang, ist es ein Substantiv, vor das man ein »das« setzen kann. »Herzlich das Willkommen« ist kein Deutsch, deutsch müsste es heißen »Herzliches Willkommen!« Wenn Lehrer, aus welchen Gründen auch immer, einen Tag lang ein solches Begrüßungswort anstarren können, ohne mit der Wimper zu zucken, ist es sinnlos, über die Sprache in Politik und Medien zu klagen.

Was würden Sie jungen Menschen raten wollen? Worauf kommt es an?

Kunze: Die Maximen verändern sich im Leben, nicht zuletzt durch die Fehler, die man macht. Zu Maximen, die ich für wichtig halte, gehören: Abstand halten zu Extremen jeder Art, sich jeder ideologischen Indoktrination verweigern und sich nicht verführen lassen, falsches Bewusstsein zu schaffen. Letzte Instanz sollte nie die Idee, sondern stets die Wirklichkeit sein. Junge Menschen haben oft noch das absolute Gehör für Ehrlichkeit. Sie sollten es sich so lange wie möglich erhalten, damit man ihnen nichts vormachen kann.

Reiner Kunze

Reiner Kunze wurde 1933 in Oelsnitz im Erzgebirge geboren. Der Bergarbeitersohn studierte  Philosophie und Journalistik in Leipzig. 1977 siedelte er über von der DDR in die BRD. Für sein umfassendes Werk erhielt er u. a. den Georg-Büchner-, den Friedrich-Hölderlin und den Georg-Trakl-Preis.

Seine Webseite ist www.reiner-kunze.com

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