22.08.2017
Reformationsjubiläumssommer

In Starnberg trifft man »Luther im Biergarten«

Starnberg — 
Der Biergarten ist nur ein Ort für Geplauder oder gar Stammtischparolen? Nicht in Starnberg. Dort lädt Pfarrer Stefan Koch auch im Reformationsjubiläumsjahr zum sommerlichen Philosophieren. Es geht – na klar  – um Martin Luther. Und der Zuspruch ist groß.
Mit Martin Luther im Biergarten – einen Katzensprung vom Starnberger Hafen: Doch beim Philosophieren über die menschliche Willensfreiheit gewinnt heute nicht der Reformator, sondern Erasmus von Rotterdam.
Mit Martin Luther im Biergarten – einen Katzensprung vom Starnberger Hafen: Doch beim Philosophieren über die menschliche Willensfreiheit gewinnt heute nicht der Reformator, sondern Erasmus von Rotterdam.

 

Knapp 80 Minuten hat man debattiert. Jetzt ist es Zeit für ein Votum: »Gut, dann stimmen wir einfach mal ab«, sagt Stefan Koch in die Runde seiner Mitdiskutanten, die sich gerade noch angeregt unterhalten haben. Das Thema klingt nicht ganz trivial: »Haben wir, als Menschen, den Willen und die Fähigkeit, das Gute zu erkennen?«, fragt er.

Weder eine Stadtrats- noch eine Vereinssitzung ist es, die an diesem Montagabend in Starnberg vonstattengeht. Dazu würde die Frage wohl kaum passen. Ebenso auch der Ort: Koch, einer der Pfarrer der evangelischen Gemeinde von Starnberg, sitzt in kurzen Hosen und legerem Hemd in einem Biergarten. Um ihn herum haben sich im Schatten alter Kastanien 20 zumeist ältere, zumeist weibliche Leute versammelt. Sie sitzen heute »Mit Luther im Biergarten«.

So heißt – mit kleinen Variationen – die Gesprächsreihe, die Koch bereits vor drei Jahren ins Leben gerufen hat. Jeden Sommer lädt der Pfarrer eine knappe Woche lang zum philosophischen Gespräch ein. Im ersten Jahr beispielsweise lud er zu »Feuerbach im Biergarten«. Die Inspiration kam von einer Buch-Reihe, verriet Koch: »Mit Sokrates im Liegestuhl« und »Mit Kant am Strand« hießen die Titel. »Da habe ich mir gedacht, das könnte man doch auch mal als Diskussion machen.«

 

Mit Martin Luther im Biergarten – Blick auf die Teilnehmer im »Maximilian«-Biergarten Starnberg.
Viele Interessierte kamen zu den Treffen im Starnberger »Maximilian«-Biergarten.

 

Philosophieren auf Bayrisch

Zum Reformationsjubiläum ist nun, na klar, Martin Luther im Biergarten zu Gast. Und das ist beinahe wörtlich zu verstehen. Denn über den Tischen prangt das Konterfei des Reformators von einem Banner, das Koch aufgehängt hat. Um Luther und die Freiheit soll es heute gehen, an den folgenden Tagen um das Verhältnis des Reformators zu Maria, den Juden, dem Koran, dem Staat und dem Gewissen.

Seit 16.30 Uhr sitzen die Starnberger – »überwiegend mir bekannte Gesichter, aber nicht unbedingt alle Gemeindemitglieder«, meint Koch – nun am Klischeeort bayerischer Gemütlichkeit, einige vor Saftschorlen und Spezi, andere vor dem ersten kühlen Hellen des warmen Frühabends – und verhalten sich ziemlich untypisch für den Ort des Geschehens. Koch oder einer der Teilnehmer lesen eine Passage aus Luthers Text »Vom unfreien Willensvermögen«, einer Replik an Erasmus von Rotterdam – dann wird diskutiert.

Und zwar schön gesittet der Reihe nach und ohne Durcheinander. Ab und an drehen sich Gäste an den Nachbartischen ob der gut vernehmbaren Gesprächsfetzen interessiert bis misstrauisch um. Denn die philosophischen Überlegungen zum Thema des menschlichen Willens führen die Runde schnell zu harten Gesprächsthemen: Es geht um »das Böse«, seinen Zusammenhang mit dem menschlichen Willen und in der Folge um den Tod oder auch die Schrecken des Nationalsozialismus.

»Ich kann’s ja fast nicht glauben«

Engagiert mit dabei sind unter anderem Frigge-Marie Friedrich und ihr Mann Theodor Stephan Friedrich. »Der Mensch hat die Freiheit, sich zu entscheiden«, sagt Theodor Friedrich und führt unter anderem den Glauben und die Liebe als Argumente an. »Das ist mir zu theologisch«, sagt Koch: »Wir sitzen hier immer noch am Philosophie-Tisch«, scherzt er. Der Pfarrer will explizit keine allzu theologielastige Runde veranstalten. Das schätzen die Teilnehmer.

Sie sei seit bald 50 Jahren in der Gemeinde aktiv, sagt Frigge-Marie Friedrich im Anschluss an die Diskussion. Mittlerweile suche sie sich sorgfältig aus, an welchen Veranstaltungen sie teilnehme. Zu den Gesprächen im Biergarten gehe sie regelmäßig: »Weil mich die Diskussion interessiert, ich will ja auch hören, was andere Menschen zu sagen haben.«

Koch zeigt sich im Anschluss an die diesjährige Auftaktrunde zufrieden. 20 Teilnehmer seien eine schöne Zahl, findet er. »Wenngleich man da schon an die Grenzen des akustisch Machbaren kommt.« Auf die nächsten fünf Biergarten-Diskussionen zum Thema Luther freut sich Koch schon. Sogar ein zusätzlicher Termin ist eingeplant, falls neue Fragen oder zusätzlicher Diskussionsbedarf auftauchen. Und im kommenden Jahr könnte es dann philosophisch um die Demokratie gehen, blickt er schon mal voraus.

Die Abstimmung in Sachen Willensfreiheit endete übrigens zugunsten des Erkenntnis- und Entscheidungsvermögens des Menschen: 19 der 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer vertrauten in die menschliche Möglichkeit, das Gute zu erkennen, sich aktiv dafür zu entscheiden und es auch umzusetzen. »Jetzt hat tatsächlich Erasmus gewonnen. Ich kann’s ja fast nicht glauben«, sagt Koch.

 

Mit Martin Luther im Biergarten – einen Katzensprung vom Starnberger Hafen: Doch beim Philosophieren gewinnt heute nicht der Reformator, sondern Erasmus von Rotterdam.
Mit Martin Luther im Biergarten – einen Katzensprung vom Starnberger Hafen: Doch beim Philosophieren gewinnt heute nicht der Reformator, sondern Erasmus von Rotterdam.
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