16.02.2017
Würzburger Wärmestube

Was »wohnungslos« bedeutet

Würzburg — 
Wie kommt es, dass ein Mensch auf der Straße lebt? Und was bedeutet es genau, keine Wohnung zu haben? Wie kommt man damit bloß klar?
Gespräche in der Würzburger Wärmestube
Viele Besucher haben eine kreative Ader, erfährt Lukas Lindner beim Gespräch mit einem Mann, der malt, und einer Frau, die täglich zum Stricken in die Wärmestube kommt.

Diese Fragen bewegten Julia Lüthen, als sie im Sommer 2016 bei der Wärmestube nachfragte, ob noch ehrenamtliche Helfer benötigt würden. Seither engagiert sich die Medizinstudentin in der Einrichtung der Christophorus-Gesellschaft, die von der Diakonie und dem Würzburger Caritas-Verband ökumenisch getragen wird.

Julia Lüthen gehört seitdem einem Team von über 30 Ehrenamtlichen an, das die angestellten Mitarbeiter der Wärmestube unterstützt.

Sich irgendwo freiwillig einzubringen, ist der 23-Jährigen, die gerade an ihrer Doktorarbeit schreibt, sehr wichtig. Zusammen mit ihrem Kommilitonen Lukas Lindner schnupperte sie zunächst in die Flüchtlingsarbeit hinein. »Aber hier engagierten sich schon sehr viele Studenten«, berichtet sie.

Lüthen kam der Gedanke, dass ja auch Menschen, die seit Langem in Deutschland leben und denen es ebenfalls psychisch und sozial nicht gut geht, Unterstützung brauchen. Darum wechselte sie als Freiwillige in die Hilfe für Wohnungslose.

Lukas Lindner, der ebenfalls im achten Semester Medizin studiert, wurde vor einem Jahr von ganz ähnlichen Fragen bewegt wie seine Kommilitonin.

Jedes Mal, wenn er auf der Straße an einem Obdachlosen vorbeiging, überlegte er, wie er reagieren sollte. Er wollte die Menschen, die da saßen und um Geld bettelten, nicht einfach ignorieren: »Aber ich scheute mich auch davor, ihnen Geld zu geben.«

Lindner wollte nicht, dass das Geld in Alkohol investiert würde. Lieber sollten die Leute etwas zu Essen bekommen: »Ich ging deshalb dazu über, ihnen eine Kleinigkeit, etwa ein Brötchen, zu schenken.«

Kleine Hilfen schenken Anerkennung

Bis zu 70 Menschen, die meisten Männer, kommen derzeit jeden Tag in die Wärmestube, informiert Einrichtungsleiter Christian Urban. Viele konsumieren, wie Lukas Lindner und Julia Lüthen richtig vermuten, häufig Alkohol.

Das hat, lernt man die Menschen näher kennen, nachvollziehbare Gründe. Ohne Suchtmittel würden sie das Leben auf der Straße oder in sehr schwierigen Wohnverhältnissen nicht aushalten. Auch wären oft schlimme Gefühle, etwa das der Einsamkeit oder Hoffnungslosigkeit, schier erdrückend.

Wenige Wochen vor Lukas Lindner und Julia Lüthen begann Medizinstudent Felix Kannapin, sich für die Wärmestube zu engagieren. Im Mai vergangenen Jahres hatte er an der Würzburger Uni einen Vortrag des Sozialmediziners Gerhard Trabert, Gründer und Vorsitzender des Vereins »Armut und Gesundheit in Deutschland«, gehört.

Der legte auf beeindruckende Weise dar, dass viele Menschen in Deutschland keinen Zugang zum Gesundheitssystem haben. »Das hatte ich mir in keiner Weise vorstellen können«, gibt Kannapin zu.

In der Zeitung las der Student, dass arme Menschen aus Würzburg in der Wärmestube von ehrenamtlichen Ärzten medizinisch versorgt werden. Das motivierte den gelernten Krankenpfleger, seine Mithilfe eben dort anzubieten.

Durch seinen Einsatz sah Felix Kannapin mit eigenen Augen, in welchen unvorstellbaren Umständen manche Menschen hierzulande leben. Nie wird er einen offenbar geistig behinderten Mann vergessen, der völlig verdreckt, verwahrlost und übersät mit Ekzemen in die Wärmestube kam. Zusammen mit Lukas Lindner duschte er den Wohnungslosen und versorgte seine Ausschläge.

Die meisten Dienste sind eher unspektakulär

Zum Glück haben es die Studenten nicht bei jedem Einsatz mit so viel Elend, Leid und Ausweglosigkeit zu tun. Die meisten Dienste sind eher unspektakulär. Die Ehrenamtlichen kochen Kaffee, sie setzen sich zu einem Besucher an den Tisch, um sich zu unterhalten, sie lassen sich von jenen, die künstlerisch tätig sind, die neuesten Werke zeigen, oder spielen Kniffel.

Das erscheint alles sehr wenig zu sein, sagt Lukas Lindner: »Doch die Menschen sind für kleinste Kleinigkeiten unglaublich dankbar.«

Was ihn zu der Einsicht gebracht hat: Man muss nicht die ganze Welt retten. Es genügt, im überschaubaren Kosmos einer Wärmestube einem Menschen, der vielleicht vorhin auf der Straße scheel angeschaut wurde, eine Tasse Kaffee zu reichen. Diesen Menschen ein bisschen Mitgefühl spüren zu lassen. Und ihm einfach Zeit zu schenken.

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Sonntagsblatt