El Salvador: Schuften für die Textilfabrik

Kleidung made in El Salvador: Um Produktionskosten zu sparen, stellen die meisten Mode- und Sportartikelhersteller ihre Textilien in Entwicklungs- und Schwellenländern her. Neben dem asiatischem Raum wird auch in Mittelamerika produziert. In unserer Reportage schildert Korrespondentin Michaela Zimmermann die Arbeit in einer Textilfabrik.
Vater Guillermo in El Salvador
Textilarbeiter Guillermo in El Salvador vor seinem Haus.

Wenn er morgens um vier Uhr aufsteht, ist es draußen noch dunkel. Leise zieht sich der junge Familienvater Guillermo Orellanos an, wäscht sich, trinkt einen Kaffee und nimmt noch einen schnellen Happen zu sich, bevor er zur Bushaltestelle eilt. Um fünf Uhr geht sein Bus nach San Salvador, der Hauptstadt El Salvadors. Orellanos arbeitet dort in einer Maquila als Näher. Als Mann in diesem Job ist er eine Ausnahmeerscheinung. Rund 80 Prozent der Beschäftigten in den Textilfabriken sind Frauen.

Kleidung wird in Maquilas hergestellt

In den Kleiderfabriken, den sogenannten Maquilas, werden ganze Kleidungsstücke hergestellt, oft aber auch nur einzelne Fertigungsschritte geliefert. Alles muss besonders schnell und besonders günstig produziert werden. Menschen- und Arbeitsrechte werden häufig übertreten, die ausländischen Großunternehmen, die Auftraggeber, diktieren den Takt auf dem Rücken der Arbeiterinnen und Arbeiter.

In El Salvador arbeiten rund 75.000 Menschen in den Maquilas – und stehen dabei in einem harten Konkurrenzkampf mit Arbeiterinnen und Arbeitern des benachbarten Nicaraguas. Denn wer am billigsten und schnellsten produziert, bekommt die Aufträge. Guillermo Amaya Orellanos aus der Metropolregion San Salvador lebt diesen Wahnsinn.

Harte Arbeit in einer Niedriglohn-Fabrik in El Salvador

Verlässt Orellano morgens sein kleines Haus in der Peripherie von San Salvador, schläft seine vierjährige Tochter Susana noch. Wenn er abends, gegen 18.30 Uhr, nach Hause kommt, ist sie nur noch kurz wach und ihr Vater vom Arbeitstag völlig erschöpft. Das Familienleben der Orellanos findet nur sonntags statt, wenn weder Guillermo Orellanos noch seine Ehefrau Alejandra arbeiten müssen. Wenn seine Familie gegen sechs Uhr den Tag beginnt, hat Guillermo Orellanos die einstündige Fahrt zu seinem Arbeitsplatz schon hinter sich und fängt mit der Produktion an. Zwischen zehn und 14 Stunden pro Tag arbeitet er an zwei Nähmaschinen - und das seit vier Jahren.

Der 26-Jährige muss das geforderte Pensum von 2 Mal 51 Teilen pro Stunde oder 459 Teilstücken am Tag schaffen. Er näht die Bunde in Jacken, in die später der Reißverschluss gesetzt wird.

El Salvador Familie
El Salvador: Mutter Blanca Estela, Verkäuferin mit ihrer Tochter.

Der Warenkorb für eine Familie in El Salvador beträgt 389,16 US-Dollar

Zum Vergleich: Der Warenkorb für eine Familie in El Salvador beträgt derzeit 389,16 US-Dollar im Monat. Die Familie lebt also wie rund 42 Prozent der Bevölkerung El Salvadors in Armut. Geld für Bildung oder für die Gesundheitsvorsorge haben die Orellanos nicht. Dennoch geht es ihnen besser als den rund 18 Prozent der Bevölkerung dieses bürgerkriegsgeschüttelten Landes, die in absoluter Armut leben.

Die Lebensbedingungen in El Salvador sind schwierig. Durch die prekäre sozial-ökonomische Situation im Lande haben die Maras, selbstorganisierte Banden, die Kontrolle über das Land übernommen. Die verschiedenen Maras beherrschen jeweils eine bestimmte Region. Einwohner, die in einer bestimmten Gegend leben, dürfen nicht in Bezirke gehen, die von einer anderen Bande bewacht wird.

Dieses Problem quält auch die Orellanos, die jeden Tag vom Land in die Stadt fahren, um zu arbeiten. Für die Passage müssen sie Schutzgelder bezahlen und so geht ein Drittel von Guillermo Orellanos Gehalt nur für Transport, Essen in der Arbeit und Schmiergelder drauf.

Arbeiten ohne Mittagspause - von 6 Uhr früh bis Abends

Orrellanos arbeitet, wie alle anderen Arbeiter auch, in einem Team, das aus 20 Beschäftigten besteht und von einem Aufpasser angeführt wird. Seine Kernarbeitszeit geht von 6.10 bis 17.30 Uhr. Dazwischen liegen 45 Minuten Pause, die sich aber nur derjenige leisten kann, der schnell genug näht. Alle anderen arbeiten durch und versuchen dabei so wenig wie möglich zu trinken, denn selbst der Toilettengang ist zeitlich eigentlich nicht drin.

Doppelschichten und Überstunden in der Textilfabrik bleiben unbezahlt

In Zeiten von Auftragsspitzen sind Doppelschichten für den Betreiber der Maquila, die Firma Youngone aus Korea, eine Selbstverständlichkeit. Bezahlung der Überstunden? Fehlanzeige! Früher, bevor er in die Gewerkschaft eingetreten sei, sei es noch viel schlimmer gewesen, erzählt Guillermo Orellanos. Er sei während der Arbeit beschimpft und tyrannisiert worden. Jetzt habe er zumindest nicht mehr das Gefühl, mit seinen Problemen allein zu sein.

Seit zwei Jahren hat sich der 26-Jährige gewerkschaftlich organisiert – und mit ihm viele andere der insgesamt rund 75.000 Arbeiterinnen und Arbeiter in der Textilindustrie El Salvadors. Denn sexuelle Übergriffe, physische und psychische Gewalt am Arbeitsplatz sind keine Seltenheit. Doch warum sind die Arbeitsbedingungen so schlecht in den Textilfabriken rund um den Globus? Die Antwort ist ernüchternd.

 

El Salvador Mädchen
El Salvador: Tochter Sofia in dem 20 m² großen einzigen Raum in dem Haus. Der Raum dient als Schlafzimmer, Wohnzimmer und Küche.

Maquilas in Mittelamerika produzieren für US-Textilmarkt

Die Maquilas in Mittelamerika produzieren Kleidung zwar überwiegend für den US-amerikanischen Markt, aber auch deutsche Großunternehmen wissen die günstigen Produktionsbedingungen für sich zu nutzen. Es sind große Firmen wie Adidas, Nike, Jack Wolfsskin, The Northface, Eddie Bauer, Gap oder Levis. Doch mit den namhaften Mode- und Sportunternehmen haben die Näherinnen und Näher nichts zu tun.

Der Textilmarkt, erzählt Sergio Chávez vom Equipo de Investigaciones Laborales SV in Zacatecoluca, einer Organisation, die die Arbeitsbedingungen in El Salvador untersucht, sei fest in der Hand asiatischer Subunternehmen, die in Mittelamerika produzieren lassen, da sie die eigenen Exportquoten in die Industrieländer ausgeschöpft haben.

China und Hongkong sind es, die die Welt einkleiden, dicht gefolgt von Italien, Mexiko, USA, Deutschland, Türkei und Frankreich. »Die Länder Mittelamerikas spielen, global gesehen eine wichtige Rolle. Sie stehen in der Textilproduktion an zweiter Stelle nach Vietnam. Für jedes einzelne Land Mittelamerikas ist die Textilindustrie ein gewaltiger Wirtschaftsfaktor«, erläutert Chávez.

Freihandelsabkommen Cafta mit den USA

Seit 2005 das Freihandelsabkommen Cafta mit den USA geschlossen wurde, hat sich wenig zum Besseren gewendet, sagt der Arbeitsmarktexperte. Große Hoffnungen hatten sich an diesen Deal geknüpft, der zollfreie Einfuhr der Waren sowie geringere Frachtkosten für Exporte in die USA bringen sollte.

Die Maquilas in Mittelamerika und ihre Beschäftigten glaubten, nun gegen China konkurrenzfähig werden zu können. Doch dieser Wunsch zerplatzte wie Seifenblasen. Stattdessen wurden die Lohnkosten in Mittelamerika durch das Abkommen weiter gedrückt.

Arbeitsrechtlich entsprechen die Regelungen des Handelsabkommens nicht den internationalen Standards, kritisieren Wirtschaftsexperten. In Mittelamerika arbeiten heute rund 390 000 Menschen in der Bekleidungsindustrie. Textilien im Wert von 7,6 Millionen US-Dollar sind im Jahr 2015 von Mittelamerika in die USA exportiert worden.

Derweil schauen die Regierungen Mittelamerikas weg. Arbeitsministerien sind nicht mit ausreichend Mitteln ausgestattet, um geltende Arbeitsrechte umzusetzen. »Auch die nicht-staatlichen Organisationen (NGOs) vermögen es nicht, die notwendigen Verbesserungen zu erwirken«, sagt Chávez.

Subunternehmen produzieren für die großen Branchen der Textilindustrie

Denn allen Textilfabriken rund um den Globus ist eines gemein. Die Auftraggeber produzieren nicht selbst und nicht in eigener Verantwortung. Die trägt das Subunternehmen – und die Interessen der Subunternehmer sind klar gelagert, sie wollen möglichst viele verschiedene Aufträgevon möglichst vielen Auftraggebern.

So werden in einer Maquila nicht selten mehrere Aufträge von unterschiedlichen Auftraggebern realisiert. Dieses schier undurchdringliche Wirrwarr trägt unter anderem dazu bei, dass die Arbeitsbedingungen der Näherinnen und Näher extrem schlecht sind und sich kaum verbessern lassen, weil kaum einer von außen das Dickicht durchblicken kann.

Keiner will zuständig sein für die Ausbeutung der Näherinnen

Der Schwarze Peter wird so hin und her geschoben. Die Modeunternehmen beschuldigen die Subunternehmen die Näherinnen auszubeuten, diese wiederum schieben die Schuld auf die Global Player, da diese ihre Aufträge nach dem Prinzip des günstigsten Angebots verteilen. Ein Teufelskreis.

Denn selbst wenn Kontrollen stattfinden und Initiativen wie Fair Trade existieren, bleibt das Abhängigkeitsverhältnis der Näherinnen und Näher zum Arbeitgeber bestehen. Auch Guillermo Orellanos und seine Kollegen schweigen sich über Gewalt, sexuelle Übergriffe, mangelnde Hygienestandards und den Umgang mit gesundheitsgefährdeten Stoffen aus oder spielen die Probleme herunter.

Dabei macht ihre Tätigkeit sie krank. Denn neben dem hohen psychischen Druck, das tägliche Produktionssoll zu erreichen, schädigen die immer gleichen Handgriffe den Körper. Guillermo Orellanos ist 26 Jahre alt und körperlich ein Wrack. Ständig sind die Sehnen seines rechten Arms entzündet, Rücken und die rechte Schulter schmerzen.

Mit 30 sind die meisten Näherinnen und Näher häufig körperlich nicht mehr in der Lage, ihrer Arbeit nachzugehen. Für sie folgen jüngere Kräfte, bisweilen sogar Kinder, nach. Guillermo Orellanos hat nur einen Wunsch: »Das in meinem Land endlich nicht mehr Gewalt und Waffen bestimmen und meine Tochter es einmal besser hat als ich.«

Textilfabrik in El Salvador / Innen
Textilfabrik in El Salvador / Innen
Textilfabrik El Salvador

Zur Person: Sergio Chavez kämpft für Arbeitsrechte in der Kleidungsindustrie

Sergio Chávez ist Experte für Arbeitsrechte in der Bekleidungsindustrie. Er kämpft seit Jahren für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den sogenannten „Maquilas“ in El Salvador. Wegen gewerkschaftlicher Tätigkeiten musste Sergio Chávez im Salvadorianischen Bürgerkrieg fliehen. Er bekam Asyl in Dänemark. Damals ermordeten Todesschwadrone der rechten Salvadorianischen Regierung durchschnittlich vier Gewerkschafter täglich.

Nach dem Bürgerkrieg kehrte er in seine Heimat zurück und begann Ende der 1990-er Jahre zunächst mit der Leitung des Nationalbüros des NLC (National Labour Rights Committee). Später gründete er das „Equipo de Investigación Laboral“ (wörtlich: Team zur Untersuchung von Arbeitsbedingungen). Das Equipo de Investigación Laboral führt Recherchen und Untersuchungen in Fabriken durch, um konkreten Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen auf den Grund zu gehen. Dafür schleusen sie auch Frauen als Näherinnen in die Fabriken, um herauszufinden, wie die Arbeitsbedingungen dort sind.

Mehr Informationen auf der Webseite der Christlichen Initiative Romero.

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