24.07.2016
Alternativer Gottesdienst

Flughafengemeinde hebt ab

150 Ehrenamtliche, aktive Jugendliche und Mitarbeiter, die Wochen ihres Urlaubs für Projekte und jährlich 16.000 Euro für die Pfarrstelle spenden - das gibt es so nur in der Flughafengemeinde.
Pfarrerin Juliane Fischer
Pfarrerin Juliane Fischer

Eine Wohngemeinschaft der besonderen Art gibt es in Hallbergmoos: 20 junge Leute ziehen dort am 24. Juli mit Sack und Pack in der Emmauskirche ein, um ihren Alltag gemeinsam zu leben - vom Frühstück bis zur täglichen Abendandacht. Eines ist diese Kirchen-WG nicht: eine Woche Party. Stattdessen heißt es: Duschen laut Duschplan. »Es gibt nur ein Badezimmer im Gemeindezentrum, also müssen die Ersten eben um halb sechs aufstehen«, sagt Juliane Fischer und freut sich über die Gemeinschaft von 13- bis 24-Jährigen, »die auf dem Schulhof so nicht möglich wäre«.

Die Pfarrerin arbeitet seit zwei Jahren in der Flughafen-Gemeinde, die eine der Boom-Regionen in Bayern ist. Fluktuation und Wachstum sind die Stichworte. 11.465 Einwohner hat Hallbergmoos heute, doch ein weiteres Neubaugebiet wird gerade fertiggestellt. »Jedes Jahr ziehen tausend Menschen weg und über tausend her«, sagt Fischer. Wie soll eine Kirchengemeinde damit umgehen? In Hallbergmoos lautet die Antwort: moderner Gemeindeaufbau.

Für Juliane Fischer ist das in erster Linie eine Frage der Haltung. »Ich betrachte mich auch als Dienstleister«, sagt sie. Schon im Sommer denkt sie an die Weihnachtspredigt: »Da mach ich mir Druck, denn da erreiche ich Menschen, die vielleicht nur einmal im Jahr in die Kirche gehen.« Ihnen mit Herablassung zu begegnen, hält die 36-Jährige für falsch. Stattdessen möchte sie eine Stimmung schaffen, in der sich auch Menschen wohl fühlen, die nur aus Nostalgie kommen - die moderne Lichtanlage der Emmauskirche zaubert am Heiligabend den passenden roten Lichtschimmer, und Lobpreisband und Gospelchor sorgen für Musik zum Mitschnippen, die ans Herz geht.

Ist das zu kitschig?

Juliane Fischer, die überzeugte Kreuzestheologin, schüttelt nur kurz den Kopf: »Ich habe kein Problem damit.« Beim Spagat zwischen klassischem Luthertum und modernen Kirchenformen hilft ihr der eigene Hintergrund: Aufgewachsen noch zu DDR-Zeiten in Thüringen, kommt sie mit 15 das erste Mal mit Gott in Berührung, beschließt mit 17, Theologie zu studieren, saugt begierig auf, was Menschen ihr von Gott erzählen. »Ich weiß, wie es ist, nicht zu glauben«, sagt die promovierte Theologin. »Das hilft mir dabei, mit glaubensfernen Menschen über Gott zu sprechen.«

Wenn Juliane Fischer vom »Bau am Reich Gottes« redet, klingt das so unangestrengt, als würde sie von ihrer letzten Bergtour erzählen. Sie lädt konfessionslose Eltern im Taufgespräch in den Gottesdienst ein und sagt Sätze wie: »Ihr werdet so reich beschenkt werden, dass ihr von selbst den Wunsch habt, mitzumachen.« Keine Scheu vor Werbung: Aus dieser Haltung heraus ist auch der Hochglanz-Film »Unendlich« entstanden, der mit mächtigen Bildern und klarer Botschaft die Lust auf Glauben und Gemeinschaft weckt.

Zu Haltung und Werbung kommt das passende Angebot. Die Sonntagsgottesdienste gibt es in vier Geschmacksrichtungen: Als Familiengottesdienst, als Gottesdienst »anders«, »modern« und »klassisch«. »Klassisch war mir wichtig, denn es gibt viele Menschen, die in einer traditionellen Liturgie und in den Liedern des Gesangbuchs ihre Heimat haben«, betont Fischer. Doch trotz der unterschiedlichen Stile wechselt das Publikum nicht von Sonntag zu Sonntag. »Die Leute kommen einfach zum Gottesdienst«, sagt die Pfarrerin.

Imagefilm der Gemeinde Hallbergmoos
»UN ENDLICH – SO WEIT WAR GOTT GOTT FÜR MICH ENTF ERNT «: Mit diesen Worten beginnt der Imagefilm der Gemeinde Hallbergmoos. Er begleitet Pfarrerin Juliane Fischer auf einer Skitour am Königssee und erzählt, was sie – aufgewachsen zu DDR-Zeiten in Thüringen – dazu bewegt hat, sich auf den christlichen Glauben einzulassen und Theologie zu studieren.

Klassische und moderne Angebote

Es gibt das Gemeindebrief-Team, den Seniorentreff, den Besuchsdienst, es gibt Hauskreise und einmal im Jahr einen Glaubenskurs, den rund 40 Menschen besuchen, es gibt Kirchen-Kino, Lobpreis-Band und Gospelchor, es gibt Kinderkirche, Jungschar und Konfi-Unterricht und, seit 2008 als Höhepunkt des Jahres, das Bibel-Musical der evangelischen Jugend.

70 Ehrenamtliche stemmen das Projekt, es gibt eine Trainerin für Gesang, eine für Schauspiel und eine für Tanz - alles Gemeindemitglieder, die sich für das Musical eine Woche Urlaub nehmen. Willkommener Nebeneffekt: Im Technik-Bereich von Licht und Ton fühlen sich vor allem die älteren Jungs wohl, die der Gemeinde so auch nach der Konfirmation treu bleiben.

Das alles geht nur, weil ein fester Stamm von rund 150 Ehrenamtlichen quasi eigenständig das Gemeindeleben in Schwung hält. Juliane Fischer ist dabei Strippenzieherin, Talentscout und Gärtnerin zugleich: Sie hält die Fäden des Gemeindelebens in vielen Teamsitzungen, Mails und Telefonaten in der Hand und bestimmt die theologische Richtung. Sie achtet schon in Tauf- und Traugesprächen auf die Begabungen der Menschen, die da vor ihr sitzen. Und sie gießt und düngt die Pflanzen der Begeisterung in ihrem Ehrenamts-Garten, der so reichlichen Ertrag bringt.

Sie finanzieren die neue Kirche mit

Dieser Ertrag lässt sich auch auf dem Gemeindekonto messen: Innerhalb von 10 Jahren haben die Gemeindeglieder in Hallbergmoos mit Hilfe ihres Kirchbauvereins 360.000 Euro für die neue Kirche gesammelt. Von der Planung bis zur Einweihung hat es nur neun Jahre gedauert - statt der in ursprünglichen Plänen der Landeskirche anvisierten 23 Jahre.

»Ende 2016 ist die Kirche abbezahlt«, sagt Juliane Fischer stolz. Ihr Vorgänger, der charismatische Pfarrer Thomas Bachmann, hatte die Landeskirche 2010 dazu gewonnen, Hallbergmoos als Modell für modernen Gemeindeaufbau zu unterstützen. Die Landeskirche sagte zu, die halbe Pfarrstelle um 25 Prozent aufzustocken - wenn die Gemeinde weitere 25 Prozent, also 16.000 Euro, selbst finanziert.

Das tut sie bis heute: »Die Spenden für meine Stelle sind anonym - nur die Kirchenvorsteherin weiß, von wem das Geld kommt«, erklärt Juliane Fischer das Konzept, das ihr trotz Fremdfinanzierung inhaltliche Freiheit garantiert. Trotz dieses dauerhaften finanziellen Engagements spendet die Gemeinde rund 3500 Euro im Jahr für Kollekten und 3300 Euro Kirchgeld.

Gemeindesterben? Fehlanzeige!

Vieles, was in Hallbergmoos gut läuft, gibt es auch anderswo. Am Modell der Flughafen-Gemeinde kann man allerdings den Prozess des Gemeindeaufbaus konzentriert erleben. »Gemeindeaufbau hört nie auf«, ist Pfarrerin Fischer überzeugt. Nach ihren zwei Jahren in Hallbergmoos wünscht sie sich, dass Kirche neu darüber nachdenkt, wen sie als Mitglied bezeichnet. Es gebe Menschen, die irgendwann aus der Kirche ausgetreten sind, sich aber neu engagieren möchten. Es gebe Katholiken, die eine Heimat bei den Protestanten finden, aber den Schritt zum Übertritt scheuen. Es gebe Menschen, die das Kirchensteuersystem undurchsichtig finden, aber gerne Tausende von Euro an die Gemeinde spenden. »Gehören die nicht dazu?«, fragt Fischer.

Vom offenen Konzept in Hallbergmoos ist sie überzeugt. »Dass Glaube eine Bedeutung für das eigene Leben haben kann, dass er Energie freisetzt, bereichert, auffängt, tröstet - das ist kein 2000 Jahre altes Märchen, sondern Realität, und dazu wollen wir Menschen einladen«, sagt die Pfarrerin. Und dann zögert sich doch kurz, bevor sie sagt: »Es klingt vielleicht komisch, aber ich bin hier nur das Werkzeug. Man kann nicht alles planen, es wirkt immer noch jemand mit. Daran glauben wir hier alle.«

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