26.05.2017
Lebenshilfe bei Behinderung

»Ich bring das«: Traumberuf Heilerziehungspfleger

Wir haben bei der Lebenshilfe in Erlangen drei Menschen getroffen, die sich in drei verschiedenen Lebensphasen über drei verschiedene Zugänge ihrem Ziel nähern. Obwohl der Job als Heilerziehungspfleger so manchem einiges an Überwindung abverlangt, steht er für das Erlanger Trio hoch im Kurs.
Alessia, Lukas und Hermann in der Werkstatt der Lebenshilfe Erlangen.
Alessia, Lukas und Hermann in der Werkstatt der Lebenshilfe Erlangen, wo sie ihre Ausbildung zum Heilerziehungspfleger vorbereiten.

Heilerziehungspfleger sind für die pädagogische, lebenspraktische und pflegerische Unterstützung und Betreuung von Menschen mit Behinderung zuständig und begleiten diese stationär und ambulant – so die Definition eines Berufs, für den sich derzeit nur wenige interessieren.

»Wir kriegen kaum Fachkräfte und versuchen alles, um den Job schmackhaft zu machen«, sagt die Erlanger Lebenshilfe-Sprecherin Anja de Bruyn. Und das gelte nicht nur für ihre Einrichtung im Erlanger Stadtteil Bruck, wo Behinderte in mehreren Wohngruppen zusammenleben, in den Werkstätten arbeiten und in der Großküche täglich rund 1000 Essen für die Bewohner selbst und für Dritte produzieren. Das sei ein bundesweites Phänomen.

Auf den Geschmack gekommen ist längst schon Alessia Mucedola, die derzeit ein Vorpraktikum für ihren späteren Ausbildungsberuf als Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) absolviert. Nach der Realschule hatte Alessia sich hier einen Praktikumsplatz gesucht und nach nur zwei Monaten schon beschlossen, dass das hier ihr »Ding« sei.

Viele leben das Leben bewusster

»Ich hatte keine Ahnung, dass es solche Werkstätten gibt, wo behinderte Menschen nicht nur betreut werden, sondern einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen und sich so wertvoll einbringen können«, ist sie heute noch begeistert. Die Menschen, mit denen sie zu tun hat, bauen zum Beispiel Kleinteile für verschiedene Unternehmen zusammen, die diesen Schritt in ihrer eigenen Produktion ausgelagert haben.

Alessia unterstützt die Behinderten dabei – und hilft auch, wenn das Drumherum passen muss. Und sei es nur die Pinkelpause, die mancher eben nicht ohne Hilfe schafft. »Ich dachte zuerst auch, in diesem intimen Bereich werde ich mir schwertun. Aber ich bring das«, so Alessia überzeugend.

Der winkende sichere Arbeitsplatz war es, der Lukas Rossmann (23) letztlich nach der Fachoberschule in die Ausbildung brachte. »Das ist sicher nicht der Hauptgrund, um sich mit behinderten Menschen zu befassen, sollte aber nicht ganz außer Acht gelassen werden«, sagt der FSJler, der bereits einen festen Ausbildungsplatz nahe der eigentlichen Oberpfälzer Heimat in Gremsdorf hat.

»Man kann sich von Behinderten so manche Scheibe abschneiden«

»Man kann sich von Behinderten so manche Scheibe abschneiden. Viele leben das Leben bewusster, zeigen Freud und Leid ehrlich und strengen sich auch wirklich an«, meint Lukas. Die Menschen in den Werkstätten seien nicht einfach billige Arbeitskräfte, wenn sie dort zum Beispiel Schrauben sortieren oder Kartonagen packen, sondern leisten wirklich etwas. »Die Energie färbt auch positiv auf einen selbst ab.«

Vom Bundesfreiwilligendienst zur Heilerziehungspflege

Eigentlich war Hermann Pfister, der über den Weg als Bundesfreiwilligendienstleistender in den Heilerziehungspfleger-Beruf einsteigen will, bereits fest im Sattel in seiner damaligen Firma: Der gelernte Bürokaufmann arbeitete im Vier-Schicht-Betrieb und verdiente ordentlich. »Allerdings war ich zunehmend unzufrieden«, erinnert sich der 28-Jährige. Das Leben und der Beruf waren zwar geregelt, allerdings erschien ihm alles inhaltslos. »Jetzt habe ich meine Bestimmung gefunden«, bekräftigt Hermann.

Mitleid ist ein schlechter Ratgeber bei der Unterstützung von Behinderten

Auch die richtige Balance aus Nähe und Distanz zu den Behinderten habe er mittlerweile gefunden. »Mitleid ist ein schlechter Ratgeber in diesem Job. Man muss die Menschen so nehmen wie sie sind, mit all ihren Stärken und Schwächen als Individuen ernst nehmen.«

Um die 15 Freiwillige fangen in der Regel jeweils im September bei der Lebenshilfe an. Auch in diesem Jahr gibt es wieder Stellen für das FSJ oder auch den Bundesfreiwilligendienst (BFD) in folgenden Einrichtungen: Georg-Zahn-Schule/-Tagesstätte, Regnitz-Werkstätten, Wohnstätten und Offene Hilfen.

 

FSJ und BFD

Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) und Bundesfreiwilligendienst (BFD) bieten die Chance, sich beruflich im sozialen Bereich zu orientieren. Beide sind gesetzlich geregelte Freiwilligendienste für alle, die ihre Schulpflicht erfüllt haben – das FSJ für junge Leute bis 27 Jahre, der BFD für alle Altersgruppen. Taschengeld und die Leistungen für Unterkunft und Verpflegung belaufen sich auf 440 Euro im Monat.

Hier geht es zu den bayerischen Dachseiten:

Freiwilliges Soziales Jahr Bayern

Bundesfreiwilligendienst Bayern

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