Internetcafé für Senioren: Augsburger Projekt »Schwungfeder«

Das Angebot des Evangelischen Forums Annahof bietet Menschen in der dritten Lebensphase Neu­orientierung. Zum 20. Jubiläum macht sich das Team jedoch Sorgen über die Zukunft des Modellprojekts.
Das Schwungfeder-Team Britta Eder, Frigga Zelles, Annemarie Gazmar, Christel Malhöfer, Klaus Lippmann und Gisela Schweiger (v. li.) hofft auf hauptamtliche Unterstützung, damit das Projekt überleben kann.

»Da ist noch so viel Power, damit muss man doch was machen«, erklärt Frigga Zelles voll Leidenschaft die Idee, die nun seit zwanzig Jahren hinter dem Augsburger Projekt »Schwungfeder« steht.

Damals war das ein innovativer Ansatz: Projektgründerin Monika Bauer erkannte das Potenzial, das Menschen in der Phase nach der Erwerbsarbeit und Familienzeit in sich tragen. Die damalige Mitarbeiterin am Amt für Gemeindedienst schuf daraus ein Angebot zur Neuorientierung von Menschen, die sich in dieser »dritten Lebensphase« befinden, und nannte es nach den Federn, die einen Vogel hoch nach oben tragen. Das Modell zur Weiterbildung mit sozialem und geistigem Schwerpunkt sollte den Teilnehmern zur »autonomen Standortbestimmung« verhelfen.

Eigene Talente weitergeben

Wie Zelles ist auch Klaus Lippmann ein Jahr nach der Gründung zur Schwungfeder gekommen. Er habe es »keine Sekunde bereut«, sagt er. Wichtig waren für beide vor allem die dreimonatigen Orientierungskurse für die neue Lebensphase. Die ehemalige technische Assistentin Zelles, 81 Jahre, war damals aus München zugezogen, und für sie war klar, »dass ich was außer Haus tun muss«. Lippmann war 1998 frisch im Vorruhestand, den er mit verschiedenen ehrenamtlichen Tätigkeiten sehr aktiv ausfüllte. »Die Schwungfeder wurde für mich aber zur Priorität.«

Dabei musste der 78-Jährige erst mal Vorurteile überwinden: »Als ich sah, dass alle hier im Kreis saßen, dachte ich mir: ›wo bist du da nur hingeraten?‹« Auch das deutliche Übergewicht an Frauen war für den Maschinenbauingenieur neu – ebenso ihre Themen. »Aber ich habe mir vorgenommen, den Kurs ziehe ich jetzt erst mal durch.« Denn Lippmann hatte erlebt, was es heißt, nach der Berufszeit plötzlich vor dem Nichts zu stehen. Im Orientierungskurs ging es darum: Was will ich, was kann ich, wie kann ich meine Talente einbringen?

Bald nach der Gründung gab es Schwungfedern in München und Kempten. 1999 erhielt das Modellprojekt einen Preis der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung. Anerkannt wurde damit der im Namen liegende »Schwung«, mit dem die Mitglieder an ihre neue Lebensphase herantreten. »Wir sehen uns als Aktive, die ihre Zeit sinnvoll gestalten wollen«, meint Frigga Zelles. Eigene Talente zu nutzen und weiterzugeben stehe bei ihr im Vordergrund.

Hilfe durch pädagogische Hauptamtliche

Diesen Schatz konnte das Projekt lange mithilfe pädagogischer Hauptamtlicher heben, die die Orientierungskurse gaben und mit neuen Ideen füllten. Auf Monika Bauer folgte Luitgard Fendt, 2011 übernahm Sigrid Zimmermann, allerdings nur noch mit 10 Prozent ihrer Arbeitszeit.

»Das brachte dann nicht mehr viel, um das Ganze neu zu denken, was dringend notwendig wäre«, klagt Lippmann. Längst habe sich die Gesellschaft verändert. »Jüngere Rentner gibt es nicht mehr, eine reine Familienzeit der Frauen ist selten geworden.« Damit kann sich das Schwungfeder-Netzwerk auch kaum mehr verjüngen.

Internetcafé für Senioren

Seit anderthalb Jahren muss sich das Projekt selbst verwalten. Das siebenköpfige Team managt die Herausforderung mit dem gewohnten Schwung. Es gibt monatliche Treffen zu einem Thema, über das jemand aus dem Kreis referiert: vom Rohrflötenbau bis zu Multimedia-Vorträgen, jeweils besucht von 20 bis 40 Interessierten. Hinzu kommen Radtouren und das wöchentliche Internet-Café mit Kursen zu neuen Medien. Orientierungskurse kann das kleine Team aber nicht anbieten, und auch neue soziale Projekte gibt es nicht. Das viel gerühmte Schwungfeder-Projekt »Rotznase« zur kurzfristigen Betreuung von erkrankten Kindern Berufstätiger übernahm das Diakonische Werk.

Das 20-jährige Bestehen jedenfalls wird das Team gebührend feiern – und zwar nicht nur das Vergangene, sondern auch den Leitgedanken: »Älterwerden mit Zukunft«.

Informationen: Wann finden die Schwungfeder-Treffen statt?

Der Schwungfeder-Treff findet einmal im Monat donnerstags von 15 bis 17 Uhr im Ausstellungsraum des Hollbaus im Augsburger Annahof statt. Die nächsten Termine 2017:

  • 10. August 2017
  • 14. September 2017
  • 12. Oktober 2017

Das Schwungfeder-Internet-Café hat einmal wöchentlich am Dienstag von 15 bis 17 Uhr geöffnet. Ort ist das Foyer des Augustanahauses. Die nächsten Termine:

  • 18. Juli 2017
  • 25. Juli 2017
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