Schultüten für den Schulanfang

Für fast jeden Schulanfänger in Deutschland gehört sie neben Ranzen und Mäppchen zur Grundausstattung: die Schultüte. Ein Bamberger Verlag stellt jährlich Hunderttausende her.

Robert Brückner lässt seinen Blick durch die Halle schweifen. Um ihn herum: Stapel mit Tausenden bunter kegelförmiger Tüten. Zum Schulstart werden wieder 350.000 Zuckertüten der Bamberger Firma Goldbuch Erstklässler auf ihrem Weg in die Schule begleiten. »Bunt und ausgefallen sollten die Tüten sein«, weiß Brückner.

Vor allem bei Jungs seien Fußballmotive der Renner - insbesondere wenn Großereignisse wie die WM stattgefunden haben. Mädchen bevorzugten nach wie vor Prinzessinnen oder Feen. Auch Tiermotive sind beliebt: »Vergangenes Jahr haben wir von einer Schultüte mit Eule am meisten verkauft«, sagt Brückner. Dieses Jahr könnte es ein Fuchs-Motiv werden, vermutet er. Eine genaue Prognose fällt schwer. Kinderwünsche seien eben kaum vorherzusagen.

Schultüten-Firma in Bamberg

Seine eigene Schultüte war einfarbig und aus Filz, erinnert sich Robert Brückner. Zurzeit übergibt der Seniorchef die Firmenleitung an seinen Sohn Arndt. Der 40-Jährige führt das Unternehmen dann in der vierten Generation. Auch Arndt Brückner erinnert sich an seine Schultüte: Er entschied sich damals für ein Exemplar mit integrierter Spieluhr.
Letztes Jahr Eulen, dieses Jahr Füchse

Das Bamberger Unternehmen existiert bereits seit 1907. Traditionsreiche Hersteller gibt es auch in Sachsen, darunter die 1894 gegründete Firma Nestler. Wie lange schon Schultüten den Kindern den Schulanfang versüßen, darüber gehen die Meinungen auseinander. Als sicher gilt jedoch, dass sie im frühen 19. Jahrhundert erstmals im heutigen Sachsen und Thüringen verteilt wurden. Gesicherte Nachweise gibt es aus dem Jahr 1817 beispielsweise aus Jena: Einzelne Kinder bekamen damals kleine Papiertüten mit Gebäck. Einige Forscher meinen, die süßen Geschenke zum Beginn des Schullebens gehen auf den jüdischen Brauch zurück, den Kindern süßes Buchstabengebäck zur Einschulung zu schenken.

Geschwistertüten sind beliebt

Die Fertigung der Tüten ist heute ein Ganzjahresgeschäft. Bereits im Oktober des Vorjahres gibt das Unternehmen Goldbuch die Pappbögen für die Tüten bei einer Druckerei im unterfränkischen Schweinfurt in Auftrag. Jeder Bogen ist mit drei Kegelflächen bedruckt: zwei große, 70 Zentimeter hoch, und eine kleine, 35 Zentimeter hoch - die sogenannte Geschwistertüte, sagt Robert Brückner. Schließlich sollen die kleinen Geschwister am ersten Schultag nicht leer ausgehen.

In Bamberg angekommen, werden die Papiervorlagen millimetergenau zugeschnitten. Anschließend gehen sie in Heimarbeit, wo das Motivpapier mit einem zusätzlichen Verstärkungskarton verleimt wird. An der Öffnung wird dann noch eine Filzmanschette befestigt - fertig ist die Schultüte. Eine geübte Heimarbeiterin schafft davon in der Woche bis zu 1000 Stück - und das in Handarbeit.

Handarbeit bei Schultütenherstellung

Anders sei die Produktion auch gar nicht möglich, sagt Robert Brückner. Es habe zwar Versuche gegeben, die Arbeitsschritte maschinell zu erledigen, das habe sich aber nicht durchgesetzt. In Bamberg sei immer per Hand gearbeitet worden: »Beim Anfertigen einer Schultüte muss man sehr genau arbeiten. Das schafft eine Maschine nie so feinfühlig wie unsere Mitarbeiter.«
200 Schultüten werden nach Afrika geliefert

Selbstständig und per Hand möchten allerdings auch immer mehr Eltern und Vorschulkinder ihre Schultüten anfertigen: Anfang der 1990er-Jahre entsteht der Trend, die Tüten selbst zu basteln, oft im Kindergarten. Darauf reagiert auch die Firma Goldbuch: Es werden Rohlinge zum Bekleben oder Selbst-Falten verkauft. Der Kreativität der Kinder und Eltern sind damit keine Grenzen gesetzt.

Deutsche Tradition auch in den USA

Der Brauch der vollbepackten bunten Tüte zum ersten Schultag ist ein Phänomen aus dem deutschen Sprachraum. Die Bamberger verkaufen ihre Schultüten lediglich nach Deutschland, Österreich und in Teile der Schweiz. »Es gab mal Versuche, die Tüten in die USA zu exportieren. Das hat aber nicht funktioniert«, erzählt Brückner. In anderen Ländern fehle schlicht der Bedarf.

Mit einer Ausnahme: Rund 200 Schultüten liefert Goldbuch Jahr für Jahr in die namibische Hauptstadt Windhuk. In der einstigen deutschen Kolonie ist der Schultüten-Brauch in einigen Familien bis heute erhalten geblieben.

Share Facebook Twitter Google+ Share

Weitere Artikel zum Thema: