10.11.2002
Wenn Kinder sterben

Von Gott reden, wenn Kinder sterben!?

Etwa 20.000 Kinder sterben jedes Jahr in Deutschland. Was bedeutet ihr Tod für die verwaisten Eltern und Geschwister, für Seelsorger und Ärzte? Unsere Autorin Karin Vorländer geht einem Thema nach, das wie kaum ein anderes bewegt und den Glauben herausfordert.

Anders als Erwachsene willigen Kinder oft erstaunlich gelassen in ihr Sterben ein. Sie kämpfen für ihre Gesundheit. Aber wenn sie merken, dass sie ihr Leben gelebt haben, sind sie total ausgefüllt und ausgeglichen und gehen in aller Ruhe, und die Größeren führen sogar noch Regie, indem sie ihre Sachen verschenken und den Eltern Aufträge für die Zeit nach ihrem Tod geben«, ist Theo Wilds Erfahrung aus 14 Jahren Seelsorge im Kinderkrankenhaus Köln, wo jährlich etwa 50 bis 60 Kinder zwischen 0 und 14 Jahren sterben. Eine Erfahrung, die ihn zu der Überzeugung kommen lässt, dass »Kinder auch schon mit drei, vier Jahren ihr Leben vollendet haben können«.

Kinder wissen mehr, als man glaubt

Die Wand neben seinem kleinen Schreibtisch hängt voller Bilder und Bastelarbeiten, die kranke Kinder ihm geschenkt haben: »Dieses Flugzeug hat mir ein Kind kurz vor seinem Sterben gemacht, und ich denke mir, es wusste, dass es sehr bald himmelwärts gehen würde«, erzählt er und zeigt auf ein anderes Bild. »Diesen Engel hat mir eine 14-Jährige gemalt und erklärt: ›Der Engel, das bin demnächst ich.‹ Sie wusste einfach: ›Ich hab` mein Leben gelebt, und dennoch ist es nicht zu Ende‹«, deutet Wild das Bild.

Oft genug hat er erlebt: »Todkranke Kinder wissen oft mehr, als ihre Eltern wahrhaben wollen.« Wie der Achtjährige, der seinem Seelsorger kurz vor seinem Tod verriet: »Ich weiß schon drei Jahre lang, dass ich sterbe, aber ich wollte keinen beleidigen, meine Eltern nicht, die Lehrer nicht, die Kameraden nicht, die Ärzte nicht, die Schwestern nicht.«

Der Münchener Seelsorger Michael Forst hat in der Begleitung von schwerstkranken Kindern und Jugendlichen erlebt, dass sie zuweilen so etwas wie einen »Spürsinn für ewiges Leben« und ein tiefes Wissen von der jenseitigen und göttlichen Dimension des Lebens haben. Oft sind es die Kinder selbst, die Licht in das Dunkel ihrer Erkrankung brachten, indem sie sich einer transzendenten Dimension ihres Lebens öffneten und auf die Frage nach Gott eine Antwort fanden.

Die Sprache freilich, in der die Bibel von Gott, von Tod und Auferstehung, von Himmel und Ewigkeit redet, ist für Kinder und ihre Eltern in den allermeisten Fällen zur Fremdsprache geworden. Dass Eltern mit ihren schwerstkranken Kindern beten, dass der Glaube an den Gott, der in Jesus den Tod überwunden hat, im schon gesunden Alltag eine Rolle spielte und jetzt in kranken Tagen trägt, das erlebt Wild als die große Ausnahme. Kaum, dass junge Eltern bei einer Taufe im Krankenhaus noch das Vaterunser mitsprechen können.

Nur wenige Eltern können ihr Kind auf der Grundlage ihres christlichen Glaubens beim Sterben so begleiten wie Monika Zeitner, deren Tochter nach dreijährigem Kampf gegen die Leukämie mit fünf Jahren »heimkehrte«. Als ihre Tochter nach einem schweren Rückfall fragt, ob der Arzt ihr nicht mehr helfen könne, findet die Mutter eine kindgerechte, ehrliche und biblisch orientierte Aussage: »Er hat leider keine Macht mehr über deine Krankheit. Ich glaube, dass nur Gott einen Weg weiß, dir zu helfen. Er schickt dich auf eine große Reise, damit du wie alle kranken Kinder nicht zu viel leiden musst. Du bist eingeladen zu ihm ins Himmelreich«, antwortet sie ihr spontan und erlebt, dass ihr Töchterchen die letzten Lebenstage in Vorfreude auf den Himmel verbringt, » wo alles wunderbar ist«, und ohne Furcht stirbt.

Die biblischen Antworten übersetzen

Bei den Kindern und Familien, die Theo Wild begleitet, kann er kaum an die christliche Hoffnung anknüpfen. Für die meisten Eltern ist die Kirche längst zur fremden Heimat geworden. Und dennoch sagt er: »Ich erlebe glaubende Menschen, die zunächst von sich behaupten, sie glauben nichts.« Oft muss er erst den Schutt von Selbstanklagen und Schuldzuweisungen, von enttäuschten Erwartungen an Gott und an die Kirche wegräumen. Warum hat niemand von der Kirche unser krankes Kind besucht? Warum straft Gott uns mit dieser Krankheit des Kindes? Was ist das für ein Gott, der unschuldige Kinder leiden lässt?«, lauten die Fragen und Vorwürfe, die Wild einfach anhört, ohne schnelle Antworten zu geben, Gott zu verteidigen oder Bibelsprüche zu zitieren: Diese Sprache wird kaum noch verstanden. Oft kann er die Wut und die Klage von Eltern nur allzu gut verstehen: »Gott, was soll das, dass ein Kind im Gartenteich ertrinkt, wo die Mutter gerade mal zwei Minuten nicht hingesehen hat? Ich glaube, Gott muss ein schmusender Gott sein, der die Kinder auf seinen Arm nimmt. Sonst wäre es völlig sinnlos, dass Kinder sterben«, formuliert er.

Die Fragen aushalten

Bei der seelsorglichen Begleitung einer Familie knüpft Wild bei dem an, was er bei den Eltern vorfindet: Was steckt zum Beispiel hinter dem Amulett oder dem Marienbild aus Lourdes, das sie am Bett ihres Kindes aufgehängt haben? Und welche Hoffnung verbirgt sich dahinter, dass Eltern sagen, ihr Kind werde nach seinem Tod als Engel auf die Familie aufpassen? »Ich gebrauche die religiöse Sprache der Eltern, um mit ihnen weiter reden zu können«, erklärt Wild, der fest davon überzeugt ist, »dass jedes Kind die Chance hat, in Gottes Hand zu sein« - wie er die Engelvorstellung der Eltern übersetzt.

Wenn Eltern mit Gott hadern - dann lädt er sie in die Kapelle ein, wo er gemeinsam mit den Eltern die Klagen und das Nichtverstehen ausspricht oder herausweint: »Gott was machst du da? Wir verstehen dich nicht.« Nein, Wild verteidigt Gott nicht, und er wehrt solche Anklagen nicht ab, denn »in der Bibel gibt es genügend Geschichten, wo Menschen so mit Gott hadern.«

So erstaunlich es klingen mag: Sehr häufig öffnet die Erfahrung mit dem Sterben eines Kindes Eltern für Gott. »Seit unser Harald vor drei Jahren bei einem Verkehrsunfall umgekommen ist, ist mein Platz wieder im Gottesdienst«, erzählt Rosemarie Hutter. »Das Sterben meines Kindes hat mir die Augen dafür geöffnet, wie zerbrechlich unser Leben ist.« In einem langen Prozess hat sich ihre Trauer über den Verlust in Dankbarkeit darüber gewandelt, »dass wir ihn zwölf Jahre lang bei uns haben durften«. Auch ihr Gottesbild hat sich gewandelt. Heute ist Gott nicht einfach mehr der »liebe und allmächtige Gott«, der für Schutz, Trost und Bewahrung zuständig zu sein hat. »Gott wohnt vielleicht eher in der Tiefe als in der Höhe«, formuliert sie tastend.

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