03.08.2017
Religion & Erziehung

Warum es wichtig ist, mit Kindern über Gott zu sprechen

Jüngste Zahlen zeichnen kein schönes Bild: Immer mehr Menschen wenden der Kirche den Rücken zu, immer seltener geben Oma und Opa, Mutter und Vater ihren Glauben an die nachfolgende Generation weiter. Dabei kann es auch Eltern bereichern, mit Kindern über Gott zu sprechen. Und die brauchen, das sagt zumindest der Theologe Friedrich Schweitzer, religiöse Erziehung sogar, um gesund aufzuwachsen.
Mutter mit Kind beim Kerzen anzünden.
Die Weitergabe des Glaubens erfolgt traditionell in der Familie.

Vor dem Mittagessen betet Mama Erika gemeinsam mit ihrer Tochter zu Gott. Vor dem Zubettgehen liest Papa Max ihr eine Geschichte aus der Kinderbibel vor. Und am Sonntag besucht Familie Mustermann gemeinsam den Gottesdienst. Dass die berühmte Familie Mustermann in der Wirklichkeit nicht existiert, weiß jeder. Und leider ist sie in diesem Beispiel auch nicht repräsentativ für die derzeitige deutsche Durchschnittsfamilie. Denn solch religiöse Rituale, wie sie vor einigen Jahrzehnten tatsächlich noch Alltag waren, werden immer seltener.

Längst ist es eher die Ausnahme als die Regel, dass Eltern ihre Kinder religiös erziehen. Die Weitergabe von Glauben ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Diese Erkenntnis bekräftigte zuletzt die fünfte Mitgliederstudie der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Sie stellt fest: Die Zahl der Menschen, denen Kirche und Glauben egal sind, wächst und wächst.

Der Grund liegt auf der Hand:

Religiöse Sozialisierung erfolgt traditionell in der Familie. Doch wenn Erika und Max Mustermann selbst gar nichts mehr mit Gott am Hut haben - was sollen sie dann weitergeben? Und so werden die Gläubigen von Generation zu Generation weniger. Laut der EKD-Studie gaben in der Gruppe der Protestanten über 65 Jahren noch mehr als 80 Prozent an, religiös erzogen worden zu sein.

Bei der heutigen Elterngeneration der 30-45-jährigen (wohlgemerkt) evangelischen Christen sind es schon nur mehr etwas über 60 Prozent. Und der Abwärtstrend setzt sich fort: Von den heutigen evangelischen (!) Jugendlichen zwischen 14 und 21 Jahren ist nicht einmal die Hälfte noch mit Bibel, Gott und Jesus groß geworden.

Die Folgen:

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Wer selbst nie eine Glaubensheimat hatte, ist auch später schwer für die Kirche zu gewinnen. Das steht für die Macher der Studie fest. »Wer einmal weg ist, kommt in der Regel nicht wieder«, schreibt der EKD-Theologe Thies Gundlach im letzten Kapitel der Erhebung: »sondern nimmt auch noch seine Familie, später seine Kinder und Enkel mit.« Wer also nicht religiös erzogen wurde, wird auch seine Kinder kaum an den Glauben heranführen. Gleichgültigkeit gegenüber Kirche wird weitervererbt; ein Leben ohne Religion selbstverständlich.

Religion - ein überflüssiger Hut?

Ist religiöse Erziehung also längst überflüssig, ein alter Hut, den niemand mehr braucht? Ganz so eindeutig scheint die Sache bei näherem Hinsehen dann doch nicht. Denn das Interesse junger Eltern, ihr Kind taufen zu lassen, ist nach wie vor hoch.

Und ein Bedürfnis nach der Vermittlung von Werten und Gemeinschaft, die ihrem Nachwuchs Orientierung und Halt geben, finden viele ebenfalls attraktiv. Was also tun? Mustermänner und -frauen innerhalb wie außerhalb der Kirche zeigen da schnell auf die Institution und fordern die Stärkung der Weitergabe von Glauben an Kinder als Rettungsanker der religiösen Gesellschaft. Die Kirche müsse junge Familien mehr unterstützen. Sie müsse in Kitas, Kindergärten und im Religionsunterricht ihre Chancen nutzen. Sie müsse in den Gemeinden Angebote für die Jüngsten entwickeln. Und sie müsse sich möglichst attraktiv präsentieren bei den wenigen Momenten, in denen die Jungen noch den Kontakt suchen - zu Kasualien wie Trauung und Taufe, zu Gottesdienstklassikern an Ostern und Weihnachten. So weit, so richtig.

Doch wenn Erika und Max Mustermann die Verantwortung nun auf Kirche, Pfarrer, Pädagogen und Lehrer abwälzen möchten, greift das zu kurz. Denn wie in allen Bereichen der Erziehung bleiben Eltern auch beim Thema Religion in der Pflicht. Ohne ihr Zutun können sich Unterstützer noch so bemühen - es wird wenig hängen bleiben. Denn religiöse Erziehung kann nicht losgelöst werden vom Alltag der Kinder. Dort machen sie täglich existenzielle Erfahrungen - des Vertrauens und Hoffens, Zweifelns und Fürchtens.

Sie lernen Gefühle kennen, suchen emotionale und soziale Orientierung, Geborgenheit, Liebe und Halt. Gemeinschaft, Rituale und die Vermittlung religiöser Werte helfen dabei, all das zu finden. Religionspädagogin Maike Lauther-Pohl beschreibt in ihrem Buch »Mit den Kleinsten Gott entdecken« (Gütersloher Verlagshaus 2016): Gerade in einer Gesellschaft, die von Orientierungsschwierigkeiten und Werteverlust gekennzeichnet sei, könne Glaube enorm stabilisieren.

Dossier

Taufe & Patenamt

Die Taufe ist für viele Familien ein großes Ereignis. Mit ihr wird ein Kind in der evangelische Glaubensgemeinschaft willkommen geheißen. In unserem Dossier beantworten wir Fragen rund um das Thema Taufe. Welche biblische Bedeutung hat die Taufe? Wie können sich Eltern auf die Taufe vorbereiten? Welche Aufgaben haben Paten? Welche Fürbitten und Taufsprüche gibt es? Lesen Sie mehr auf sontagsblatt.de/taufe.

Genügt das als Grund,...

... weshalb Familie Mustermann ein Interesse daran haben sollte, ihrer Tochter den christlichen Glauben nahezubringen? Fragt man den Tübinger Theologen Friedrich Schweitzer, nennt er eine noch viel wesentlichere Motivation: In seinem Buch »Das Recht des Kindes auf Religion« betont er, dass Kinder religiöse Erziehung schlicht brauchen, um gesund aufzuwachsen.

Und auch die Neurobiologie unterstreicht Lauther-Pohl zufolge mittlerweile die Bedeutung religiöser Erziehung: Denn laut Hirnforschung ist für die Entwicklung des Gehirns und seine spätere Leistungsfähigkeit entscheidend, welche Erfahrungen ein Kind in den ersten vier Jahren macht.

Dabei geht es vor allem um emotionale Bindungen und sogenannte »innere Bilder mit Schutzfunktion«. Und genau die entwickeln sich etwa durch Glaubensgeschichten und Erfahrungen mit religiösen Inhalten, so die Meinung der Religionspädagogin.

Mut zum Gespräch

Auch in Artikel 14 der UN-Kinderrechtskonvention von 1989 ist das Grundrecht der Kinder auf Religion verankert. »Kindern diese Dimension vorzuenthalten, hieße, sie von einem Teil des Menschseins fernzuhalten«, schreibt Lauther-Pohl.

Eltern dürften sie nicht alleinlassen mit ihren großen Fragen - und die seien fast immer auch religiös. Doch weil viele Väter und Mütter selbst keine Antworten mehr auf die mitunter kniffligen Fragen haben oder weil sie zögern, ihrem Nachwuchs allzu »kindische« Vorstellungen vom lieben Gott zu erzählen, der mit seinem Rauschebart auf einer Wolke sitzt, vom Himmel, in dem alle Verstorbenen samt ihren Haustieren wohnen, und vom Christkind, das die Geschenke bringt, scheuen sie häufig überfordert vor diesen Themen zurück. Dabei machen Religionspädagogen Mut zum Gespräch. Wer sein Kind geistlich begleitet, muss kein Fachmann im Glauben sein, betont Rüdiger Maschwitz in seinem Ratgeber »Gemeinsam Gott begegnen« (Kösel 2011); Eltern und Kinder könnten sich auch gemeinsam auf die Suche nach Gott machen. Wichtig ist nicht, einen vermeintlich »christlichen Standard« aufzuzeigen, sagt auch Lauther-Pohl, sondern authentisch und persönlich über den eigenen Glauben zu sprechen.

Also: »Ich glaube, Gott ist überall, auch bei dir«, statt: »Gott ist überall, auch bei dir.« Fragen, Zweifel und Unsicherheiten seien dabei keine Fehler und Pannen, sondern notwendiger Teil des Vorbildseins. Auch aktuelle Strömungen wie die Kindertheologie und -philosophie ermutigen dazu, die religiösen Fragen von Kindern ernst zu nehmen, ohne fertige Antworten liefern zu müssen. Vielmehr gehe es darum, gemeinsam nachzudenken, zum Weiterfragen zu animieren und auch dem eigenen »Ich weiß es nicht« Raum zu geben.

Wieso lässt Gott zu,...

... dass Schnurri von einem Auto überfahren wird? Wieso gibt es Krieg und arme Menschen? - Wovor Experten in der religiösen Auseinandersetzung mit Kindern allerdings warnen, sind allzu einfache Antworten und ein zu überzogenes Bild vom »lieben Gott«. Denn die halten den Erfahrungen, die Kinder in ihrer Lebenswirklichkeit machen, meist nicht stand. An dieser Stelle betonen Pädagogen und Theologen die Bedeutung der biblischen Geschichten. Sie eignen sich hervorragend, um Kindern zu helfen, Gott und seine Welt zu verstehen. Mithilfe der Erzählungen können sie auch eigene Niederlagen und Rückschläge einordnen und verkraften. Sie lernen: Gott ist immer da für die, denen es schlecht geht. Selbst wenn sich alle anderen abwenden. Er liebt dich immer, auch wenn Papa gerade mit dir geschimpft hat. Er lässt dich nie allein.

Sowohl die Werte einer Gesellschaft als auch ihre Kultur und Geschichte sind geprägt von religiösen Vorstellungen, Symbolen und Inhalten. Insofern ist religiöse Begleitung auch als Teil der Allgemeinbildung zu verstehen, schreibt Lauther-Pohl. Doch wer sich entschließt, seinen Glauben weiterzugeben oder ihn gemeinsam mit seinen Kindern (neu) zu entdecken, leistet weit mehr: Er lehrt sie die Achtung vor dem Mitmenschen und vor der Schöpfung. Er vermittelt ihnen ein Bewusstsein dafür, dass es etwas Größeres gibt auf dieser Welt und dass deshalb niemand alles allein schaffen kann - und auch nicht muss.

 

Ob die Familie Mustermann der Zukunft all das zu schätzen weiß und sich dafür entscheidet, tatsächlich öfter mal mit ihrer Tochter über den Glauben zu sprechen? Es ist zu hoffen.

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Sonntagsblatt