21.05.2017
Ehrenamt

Wie eine Familienpatin Kindern seelisch erkrankter Eltern hilft

Nürnberg — 
Mehr als hundert Kinder im Raum Nürnberg haben psychisch kranke Eltern. Manche bekommen deshalb Besuch von einer ehrenamtlichen Helferin, die regelmäßig für ein paar Stunden etwas mit ihnen unternimmt - so wie die sechsjährige Lena mit Familienpatin Sabine Bornscheuer.
Familienpatin Sabine Bornscheuer mit Lena beim Backen.
Familienpatin Sabine Bornscheuer mit Lena beim Backen. Die Nürnbergerin ermöglicht der Sechsjährigen eine Auszeit von den Problemen zu Hause.

Heute ist wieder Lenas »Sabine-Tag«. Apfel-Cupcakes bäckt die Sechsjährige an diesem Nachmittag mit Sabine Bornscheuer in der lichtdurchfluteten Küche in Nürnberg. Mit ihrer Mama kann Lena so etwas nur selten unternehmen. Sie ist psychisch erkrankt, ebenso wie der Papa. Gut, dass Lena ihre ehrenamtliche Patin als große Freundin hat.

So wie Lena zu Hause geht es sicherlich weit mehr als den rund 100 Kindern im Großraum Nürnberg, denen das Zentrum Aktiver Bürger (ZAB) eine Familienpatin vermittelt hat. Denn seelische Erkrankungen sind kein Sonderfall, sondern in unserer Gesellschaft an der Tagesordnung. Nur hat nicht jedes kleine Mädchen eine solche Patin, die es einmal pro Woche für ein paar Stunden in eine andere Welt entführt, die nicht von emotionalen Belastungen geprägt ist.

Lenas Eltern haben sich ihre Situation nicht ausgesucht, sind beide depressiv erkrankt und versuchen dennoch, für ihre Tochter stark zu sein. Und sie lassen sich helfen. Daher haben sie sich auch vor nunmehr fast vier Jahren an das ZAB gewandt, das Kindern solcher Familien einen Paten vermittelt.

Normalität als Ausnahme

»Sie ist mir gleich auf den Schoß gesprungen«, erinnert sich Sabine Bornscheuer noch heute gerne an das erste Treffen mit der damals gerade mal zwei Jahre alten Lena im September 2013. Die Chemie hat von Anfang an gestimmt. »Wo ist dein Mann?«, hatte das Mädchen gefragt. »Auf der Arbeit«, sagte die berufstätige Mutter zweier erwachsener Kinder, die nicht mehr zu Hause leben. Papa auf Arbeit? Lena kennt das nicht, ihre Eltern können wegen ihrer Erkrankung nicht arbeiten. Umso besser, dass das Mädchen bei den Bornscheuers einmal pro Woche einen Eindruck dessen bekommt, was bei vielen Familien Normalität bedeutet: auf den Spielpatz gehen, auch mal den Zoo besuchen, ein Buch vorlesen, im Garten Ball spielen – oder eben miteinander backen.

»Schmeckt super«, lacht das fröhliche Mädchen, als es ihren Finger über die beinahe leere Schüssel streicht, in der gerade noch die Backmischung für die Cupcakes war, die mittlerweile im Ofen gelbbraun werden. Sabine Bornscheuer freut sich. Anzusehen, wie sich Lena entwickelt, ist auch für sie eine wertvolle Erfahrung. »Ich verschenke gerne meine Stunden an Lena, weil ich merke, dass wir beide davon profitieren. Ihr außerhalb von zu Hause zu schönen Erlebnissen verhelfen, das ist mein Wunsch.«

Als sie vor einigen Jahren aus dem Südhessischen nach Nürnberg gezogen sind, habe sie sich nach einer ehrenamtlichen Betätigung umgesehen – und ist unter all den Möglichkeiten, die sich in der Metropolregion bieten, auf das ZAB gestoßen, das für derzeit rund 550 Menschen aller Bevölkerungsgruppen verschiedene Angebote parat hat: Familienpatenschaften für unterschiedliche Zielgruppen, das Modell »Große für Kleine«, bei dem Senioren in ihrer Freizeit Kindern in Tagesstätten vorlesen, Kultur- und Sprachvermittler für Geflüchtete und eben Patenschaften für Kinder seelisch erkrankter Eltern.

Kinder von Betroffenen sind besonders gefährdet

Ein sensibler Bereich, wie Antares Igel vom ZAB weiß. »Nicht nur das Kind muss ein gutes Verhältnis zum Paten haben, auch die Eltern müssen ein gutes Gefühl haben, wenn sie ihren Nachwuchs einem Fremden anvertrauen.« Dieser wiederum solle sich nicht zu stark in eine Art Therapeuten- oder Erzieherrolle hineindenken. Das sei Aufgabe der Profis, der Pate wiederum stelle aber in den prägenden Kindheitsjahren eine wichtige, niederschwellige Kontaktperson dar, mit der das Kind zumindest zeitweise in eine etwas heilere Welt tauchen könne als die zu Hause. »Die Erfahrung zeigt, dass Kinder, die in psychisch belasteten Verhältnissen aufwachsen, eben später als Erwachsene selbst gefährdet sind zu erkranken«, meint Igel.

Sabine Bornscheuer sieht ihre Rolle gelassen. »Wenn Lena später mal daran denkt, dass in ihrer Kindheit da mal jemand da war, der sich als freundlicher Begleiter erwiesen hat, dann habe ich meinen Part erfüllt«, sagt sie. Für heute jedenfalls hat sie sich schon mal als exzellente Bäckerin erwiesen. Genüsslich mampfen die beiden ihre Cupcakes. »Bis nächste Woche«, heißt es schon bald. Aber nächsten Donnerstag ist ja wieder Sabine-Tag.

 

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