29.10.2017
Andacht zum Sonntag

Dekan Hans-Gerhard Gross: Liebe geht durch die Nase (1. Mose 8, 18-22)

Was uns mit Noah verbindet – und wo die Grenze der Geduld Gottes ist. Andacht zum 20. Sonntag nach Trinitatis (29. Oktober 2017)
Liebe geht durch die Nase Andacht 2017

Predigttext (29. Oktober 2017)

So ging Noah heraus mit seinen Söhnen und mit seiner Frau und den Frauen seiner Söhne, dazu alles wilde Getier, alles Vieh, alle Vögel und alles Gewürm, das auf Erden kriecht; das ging aus der Arche, ein jedes mit seinesgleichen.

Noah aber baute dem HERRN einen Altar und nahm von allem reinen Vieh und von allen reinen Vögeln und opferte Brandopfer auf dem Altar. Und der HERR roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

1. Mose 8, 18-22

 

Der Volksmund weiß: »Liebe geht durch den Magen.« Familien profitieren davon, wenn gemeinsames Essen sie an einen Tisch bringt, geschäftliche Abschlüsse stehen oft mit einer Mahlzeit im Zusammenhang und auch in den Religionen spielt gemeinsames Essen eine wichtige Rolle, um sich der Gegenwart und Liebe Gottes zu vergewissern.

Liebe geht durch die Nase

Das Bibelwort aus dem 1. Buch Mose setzt noch eins drauf: »Liebe geht durch die Nase.« Plausibel wird mir das schon durch die Erfahrung, dass ich es gelegentlich beim besten Willen und trotz aller Bemühungen und Anstrengungen nicht schaffe, alle Menschen gleich gut riechen zu können.

Die Wissenschaft weiß schon seit über 50 Jahren, dass Tiere sich gegenseitig durch Botenstoffe anlocken, den Verlauf wichtiger Routen füreinander markieren und sich gegebenenfalls warnen. Auch der Mensch ist durch bewusst oder unbewusst wahrgenommene Duftstoffe beeinflussbar. Dieses Wissen machen sich heutzutage Veranstalter von Pheromon-Partys für Großstadt­singles zunutze. Dutzende Frauen und Männer stehen in Bars und schnüffeln an Plastiktüten. Nein, sie inhalieren keine Drogen, sondern riechen an ungewaschenen T-Shirts. Dahinter steht die Überzeugung, dass der Geruch ihnen den Weg zu ihrem Traumpartner weisen wird.

Traumpartner Gott

Seit Noah haben alle Menschen schon längst ihren Traumpartner in Gott gefunden. Ja vielmehr, Gott hat sich finden lassen, weil er das Opfer der Menschen nach der erlittenen Katastrophe gut riechen konnte. Es war ihm ein lieblicher Geruch. Doch nicht etwa deswegen, weil es ihn nun hinfort perfekte Menschen riechen lässt.

Die Katastrophe der vernichtenden Sintflut, der alles Leben zum Opfer gefallen war, bis auf das der im Schutzraum der Arche Geretteten, hatte die Menschen nicht grundlegend verändert. Gott erkennt: »Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.« Das ändert sich auch nach Noah nicht. Dennoch fasst Gott einen Grundsatzentschluss. Nicht etwa im Dialog mit den Menschen, sondern bei sich, in seinem Herzen. »Ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe.«

Menschliche Abgründe sind tief

Obwohl Gott weiß, dass menschliche Abgründe tiefer sind als jede noch so tiefe und dunkle Schlucht dieser Erde, ist es Gott ein Herzensanliegen, seine Schöpfung nicht mehr der Vernichtung preiszugeben. Nicht Zorn und Zerstörung, sondern Liebe und Geduld bestimmen nun sein Handeln. Nicht im direkten Gespräch, aber im zuverlässigen Rhythmus von Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht schenkt Gott den Menschen die Erfahrung seiner Geduld.

Doch Vorsicht: Gott verpflichtet sich hier nicht auf eine billige Ewigkeitsgarantie. Eine Grenze bleibt. »Solange die Erde steht«. Und nicht länger. Wir sind leider gut daran beteiligt, diese Länge zu verkürzen, »denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens …«.

So als sei uns entgangen, dass es nun auch ganz entscheidend darauf ankommt, dass wir, getragen von Gottes Geduld und Liebe, unsere Verantwortung zur Gestaltung und Bewahrung unserer Erde erkennen. Da hilft keine »Nach-mir-die-Sintflut-Haltung« in ihrer modernen Ausprägung der Leugnung des Klimawandels. Da helfen eher die Worte Dietrich Bonhoeffers: »Mag sein, dass der Jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht.«

GEBET

Gott, du Quelle des Lebens,

du trägst und erträgst uns,

du hältst und erhältst uns.

Auf dich und deine Verheißungen ist Verlass.

Gib, dass wir deinen Verheißungen trauen,

und lass uns unsere Verantwortung füreinander

und die Welt, in der wir leben,

erkennen und wahrnehmen.

Amen.

Share Facebook Twitter Google+ Share

Weitere Artikel zum Thema:

Das Beste aus der Bibel

Bergpredigt von Nikolai Lomtew
Jesus beauftragte alle, die ihm nachfolgen, damit, zu predigen: »Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur« (Markus 1, 5). Von Anbeginn der Christenheit an entwickelte sich daraufhin eine hohe Kunst des Predigens. Ihre Grundlage ist die Botschaft der Auferstehung Jesu: »Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich« (1. Korinther 5, 14).
Share Facebook Twitter Google+ Share
Sonntagsblatt