01.06.2017
Bibel und Christentum

Die Bergpredigt: Leitlinien des Glaubens

Kein Text hat die Weltgeschichte so beeinflusst wie die Kapitel 5 bis 7 des Matthäusevangeliums. In der Bergpredigt konzentriert sich die Lehre Jesu, sie enthält die Kernstücke des Glaubens. Ihre Wirkungsgeschichte zieht sich durch 2000 Jahre Christentum. Kennen Sie die Bergpredigt?
Carl Bloch, The Sermon on the Mount, 1877
Carl Bloch, The Sermon on the Mount, 1877,
Museum für Dänische Geschichte im Schloss Frederiksborg.

Diese weltberühmte Predigt macht nicht viele Worte, und sie hat keinen liturgischen Rahmen. Vom Inhalt her betrachtet kann man eher von einer »Berglehre« sprechen. Zu Beginn heißt es: »Dann begann er zu reden und lehrte sie«. Mit der Rede beginnt der Wanderprediger Jesus von Nazareth sein öffentliches Wirken, das rund drei Jahre später am Kreuz enden soll – wieder auf einem Berg, dem Hügel Golgatha in Jerusalem. Jesus redet mit Vollmacht, er beginnt seine Rede mit neun Seligpreisungen, die in die beiden Bildworte vom Salz und vom Licht münden.

Sieht man Jesus als lehrenden Redner, dann weckt er mit den Seligpreisungen das Interesse der Zuhörenden, inhaltlich unternimmt er eine Umwertung der bürgerlichen Werte-Ordnung. Jesus »gratuliert« (Klaus Berger) den Menschen, die sich an das halten, was hier verkündet wird. Mit kühnen Verheißungen stellt er sie unter das Heil Gottes, und zwar hier und jetzt. Es heißt nicht »Selig werden sein …«, sondern »Selig sind …«! Jesus lässt keinen Zweifel daran, dass er gekommen ist, das jüdische Gesetz, die Tora, zu erfüllen. Aus dieser Vollmacht fordert er eine »bessere Gerechtigkeit«, die er in seinen berühmten Antithesen erläutert. Die Antithesen – eingeleitet mit der Formulierung »Ihr habt gehört, dass gesagt ist ... Ich aber sage euch …« – sind ein Katechismus für das Leben als Jünger Jesu. Nicht nur jede böse Tat ist verboten, sondern alles, was zu ihr führen könnte.

Nicht Gesetz, sondern Auslegung

Die Bergpredigt ist die große Rede Jesu über die wahre Gerechtigkeit. Der Evangelist Matthäus macht Jesus dabei als den neuen Mose sichtbar, der die rechte Auslegung des Gesetzes lehrt. Der Berg, auf dem Jesus lehrt, entspricht dem Berg Sinai des Alten Bundes, wo Moses nach Exodus 19 von Gott die Zehn Gebote erhielt. Jesus wird hier als Vertreter dieses Gotteswillens Mose gleichgestellt und seine zwölf Jünger repräsentieren die Zwölf Stämme Israels, also das ganze erwählte Gottesvolk. Die Bergpredigt ist laut Matthäus 5, 17 aber keine neue Tora, kein neues Gesetz, sondern deren endgültige Auslegung. Bereits hier klingen alle Motive und Themen an, die das Wesen des Christentums ausmachen, es sind Leitlinien des Glaubens.

Jesus erhebt die Forderung, »vollkommen« zu sein wie der himmlische Vater, der über Böse und Gute die Sonne scheinen lässt. Wie das gehen soll? Jesus entfaltet es – zunächst in seinen Worten vom Almosengeben, vom Beten und vom Fasten. Er rät, die persönlichen Glaubensbemühungen nicht auf den Markt zu tragen, er warnt vor dem Streben nach irdischer Anerkennung und davor, falschen Schätzen nachzujagen. Dagegen gilt die Zusage: Wer nach dem Reich Gottes und nach Gottes Gerechtigkeit strebt, muss sich um die täglichen Bedürfnisse nicht sorgen.

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Die Bergpredigt Jesu gehört zu den Herzstücken des christlichen Glaubens. Jesu Predigt ist verstörend, erbauend und maßgebend. Mehr denn je hält der Text aus Matthäus 5-7 Leitlinien für die  gesamte Gesellschaft vor. Das Heft hilft dabei, den Kerntext des christlichen Glaubens neu zu verstehen und zu entdecken.

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Vaterunser und die »goldene Regel«

Das Vaterunser steht in der Mitte der Bergpredigt, es ist das am weitesten verbreitete Gebet des Christentums und das einzige, das Jesus selbst seine Jünger gelehrt hat. Es beinhaltet alles, was wichtig ist im Leben eines Christen, in seiner Beziehung zu Gott und zur Welt. Und es weiß um die Unmöglichkeit eines schuldlosen Lebens. Die »goldene Regel« fasst die ganze Lehre noch einmal zusammen. Den Abschluss bilden das Mahnwort vom »engen Tor«, die Warnung vor heuchlerischen Glaubenslehrern und das Gleichnis vom Hausbau – für ein Leben mit den Grundsätzen der Bergpredigt oder gegen sie. Insgesamt war die Rede Jesu für die Zuhörenden wohl ziemlich harte Kost. Sie entsetzten sich, berichtet Matthäus abschließend.

Die erste Rede Jesu hat wohl schon zu Beginn seines Auftretens Wellen geschlagen, sie hat aber auch nach seinem Tod und seiner Auferstehung in der Urgemeinde eine große Rolle gespielt. Bereits der Brief des Jakobus nimmt auf die Ethik der Bergpredigt Bezug, urchristliche Kirchenordnungen und die Kirchenväter sehen in Jesu Rede die Vorgabe, wie Christen leben sollen. Doch von Beginn an wurde darüber nachgedacht, ob diese Regeln denn für jeden immer und überall gelten. Gelten sie auch für den Staat, der seine Bürger verteidigen muss? Bereits der Apostel Paulus denkt in seinem Brief an die Römer (Kapitel 13) über eine gewaltgestützte Obrigkeit nach. Spätestens mit dem Aufstieg des Christentums zur Staatsreligion im 4. Jahrhundert relativierte sich die kompromisslose Lehre Jesu. Das Eidverbot, die Feindesliebe und der Gewaltverzicht wurden mehr und mehr aufgeweicht.

Quäker nehmen Bergpredigt wörtlich

Doch die Verwässerung der Worte Jesu rief immer wieder radikalchristliche Bewegungen auf den Plan. Mit Berufung auf die Bergpredigt stellten sie die sich anpassende Kirche infrage und wurden dafür gnadenlos verfolgt: zum Beispiel die Waldenser, die Katharer oder die Täufer. Manchmal gelang die Rückbesinnung auf die Bergpredigt auch im Bereich der Kirche. Franz von Assisi und seine Anhänger predigten und lebten Armut und Verzicht, Frieden und Feindesliebe. Ihre Impulse wirken bis heute nach. Sie alle beriefen sich auf eine radikale Jesus-Ethik und sahen die Gebote der Bergpredigt als eindeutig, verbindlich und erfüllbar. Sie hatten keinen Grund anzunehmen, Jesus habe seine eigenen ethischen Forderungen nicht befolgt und auch gar nicht erwartet, dass sie befolgt werden. Für sie war klar: Jesus sagte genau, was jetzt getan werden muss, er wollte, dass seine Jünger kompromisslos in seine Nachfolge eintreten und nach seiner Lehre leben.

Die Bergpredigt wörtlich genommen hat auch die Gemeinschaft der Quäker, die »Society of Friends«, Mitte des 17. Jahrhunderts von George Fox in England gegründet. Wegen religiöser Verfolgungen wanderten viele Quäker nach Nordamerika aus. Sie sind Pazifisten und verweigern den Eid, trotzdem isolieren sie sich nicht von der Welt. Weil sie den Kriegsdienst ablehnten, traten sie in Amerika den Indianern waffenlos gegenüber und hatten hundert Jahre – solange sie die politische Mehrheit in Pennsylvania bildeten – Frieden mit den Indianern. Sie durften nicht lügen, so durften sie als Kaufleute nur den Preis nennen, den schließlich zu zahlen oder zu fordern sie entschlossen waren. Als Erfinder des festen Preises wurden manche von ihnen reich. Nach dem Zweiten Weltkrieg starteten sie Hilfsaktionen im vom Krieg zerstörten Europa. Viele deutsche Kinder wären in der Nachkriegszeit ohne die Care-Pakete kaum am Leben geblieben. Für ihr Engagement erhielten die Quäker 1947 den Friedensnobelpreis.

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Was ist die Bergpredigt?

Die Seligpreisungen, die »Goldene Regel«, das Vaterunser - die Bergpredigt enthält die Kernstücke des Christentums. In ihr entwirft Jesus die ethische Identität der Christen. Was sich hinter dem Text im Matthäusevangelium verbirgt und warum er bis heute von Bedeutung ist, lesen Sie in unserem Spezial!

Bergpredigt entwickelt sich zur Mönchsregel

Von den Kirchen wurde die Frage nach der Realisierbarkeit der Bergpredigt ganz unterschiedlich beantwortet. Aus Sicht der katholischen Lehre galten Jesu Forderungen lange nur für diejenigen, die sich zu besonderer Frömmigkeit und besonderem Gehorsam verpflichtet haben, also für Mönche und Asketen. Sie sind »evangelische Ratschläge« für die Vollkommenen. Nur sie sind in der Lage, diese hohen Erwartungen zu erfüllen. Für normale Christen, die eine Familie haben und im Beruf stehen, gelten allein die Zehn Gebote. Damit wurde eine Rangordnung unter den Nachfolgern Christi aufgestellt, die Bergpredigt wurde zur Mönchsregel. In einem 1975 in der Schweiz erschienen »katholischen Katechismus« heißt es sogar: »Die Anweisungen in der Bergpredigt sind nicht wörtlich zu nehmen, weil das sowohl im privaten wie im öffentlichen Leben zu unhaltbaren Zuständen führen würde.«

Martin Luther ging noch weiter, aus seiner Sicht waren die Forderungen Jesu von vornherein als unerfüllbar gedacht: Die radikalen Gebote wollen gar keine ethische Anweisung sein, sondern vielmehr deutlich machen, dass der Mensch den Willen Gottes von sich aus eben gerade nicht erfüllen kann. Erst wenn dies dem Menschen klar wird, hat er seine Situation richtig erkannt: Der Mensch ist Sünder, und das Gesetz macht die Verlorenheit des Menschen und seine Unfähigkeit zum Guten deutlich. Der Mensch muss erkennen, dass er auf Gottes Gnade, Barmherzigkeit und Vergebung angewiesen ist.

Luther: Christ kann nicht auf Gewalt verzichten

Luther hat die Bergpredigt in diesem Sinne im Rahmen seiner Rechtfertigungslehre als Sündenspiegel gesehen. Die Bergpredigt treibt in die Buße; sie ist ein einziger Bußruf und Beichtspiegel. In den Worten des Theologen Gerhard Kittel: »Der Sinn der Bergpredigt ist: Niederreißen. Sie kann nur zerbrechen. Sie hat letzten Endes nur den einen einzigen Sinn: die große Not des Menschentums aufzuweisen und bloßzulegen.«

Im Rahmen der »Lehre von den zwei Regimenten« sagte Luther, als Privatperson solle sich der Christ durchaus bemühen, die Forderungen der Bergpredigt zu erfüllen. Als Amtsperson jedoch, im öffentlichen Bereich, kann er diesen Geboten nicht folgen. Sonst würden Anarchie und Chaos ausbrechen. Zumal wenn er für andere Verantwortung trägt, kann der Christ nicht einfach auf Gewalt verzichten, dann muss er mit allen Mitteln des weltlichen Regiments das Lebensnotwendige tun, notfalls mit Gewalt. Auch bei Luther wird die Frage nach der Erfüllbarkeit und dem Geltungsbereich also nicht einfach beantwortet, sondern in die Spannung von weltlichem und göttlichem Regiment, von Reich Gottes und Reich der Welt hineingenommen. In der Folge wurde auch die These aufgestellt, Jesus sei es gar nicht um neue Gesetze und konkrete Anweisungen gegangen, sondern um die innere Haltung, um Gesinnung, um die rechte Herzenseinstellung.

Die Bergpredigt Jesu, Altarbild von Henrik Olrik (1830-1890).
Die Bergpredigt Jesu, Altarbild von Henrik Olrik (1830-1890) in Kopenhagen.

Kant, Schweitzer und Tolstoi deuten Bergpredigt

Die liberale Theologie des 19. Jahrhunderts sagte, Jesus habe lediglich ein neues Bewusstsein schaffen wollen. Ähnlich argumentierte der philosophische Idealismus im Gefolge Immanuel Kants. Genügt aber bereits die gute Gesinnung, das gute Herz? Der Arzt und Theologe Albert Schweitzer sah die Forderungen der Bergpredigt in der Gewissheit formuliert, dass das Ende dieser Welt bevorsteht und die Gottesherrschaft naht. Nur für diese Zwischenzeit bis zur vollkommenen Verwirklichung des Reiches Gottes seien Jesu Weisungen gedacht. Schweitzer spricht jedoch auch von einem »heroischen Moralismus Jesu«, dem man unter veränderten Bedingungen in ähnlich heroischer Weise nachzufolgen habe.

Leo Tolstoi diskutierte 1894 in seinem Buch »Das Himmelreich in euch« das Prinzip der Gewaltlosigkeit Jesu. Er sah einen Gegensatz zwischen der russischorthodoxen Kirche, die mit dem Staat vereint war, und der wahren Botschaft Jesu in der Bergpredigt. Graf Tolstoi versuchte auf seinem Gut Jasnaja Poljana ein reines Urchristentum in Form einer ländlichen Genossenschaft zu begründen. Als Tolstojaner lebten seine Anhänger in dieser Form weiter, bis ihre religiösen Genossenschaften mit Stalins Kollektivierung des Jahres 1929 aufgehoben wurden. Infolge seiner radikalen Kritik aller gesellschaftlichen Konventionen und des sozialen Unrechts bekämpfte Tolstoi alle bestehenden politischen, sozialen und kirchlichen Organisationen, sodass er 1901 aus der orthodoxen Kirche ausgeschlossen wurde. In seinem Buch »Worin besteht mein Glaube?« (1885) beschreibt er selbst seine Abkehr von den Kompromissen der weltlichen Zivilisation:

Aus allen Evangelien trat mir stets als etwas Besonderes die Bergpredigt entgegen. Und sie war es, die ich am häufigsten las. Nirgends spricht Christus mit solcher Feierlichkeit wie hier, nirgends gibt er so viele sittliche, klare, verständliche, jedem gerade zum Herzen redende Regeln, nirgends spricht er zu einer größeren Masse allerhand gewöhnlicher Leute. Wenn es überhaupt klare, bestimmte christliche Gesetze gibt, so müssen sie hier ausgesprochen worden sein. Wenn ich diese Regeln las, überkam mich stets eine freudige Gewissheit, ich könne sogleich, von dieser Stunde an, alles das tun, was verlangt wird.

Leo Tolstoi

Der politische Einfluss der Bergpredigt

Der indische Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi schrieb in seiner Autobiografie, dass ihn Tolstois Auslegung der Bergpredigt »überwältigte« und einen »bleibenden Eindruck« hinterließ. 1908 schrieb Tolstoi einen Leserbrief an eine indische Zeitung, in dem er die Meinung vertrat, dass das indische Volk die britische Kolonialherrschaft nur durch passiven Widerstand auf der Basis von Nächstenliebe zu Fall bringen könne. Im Jahr darauf schrieb Gandhi an Tolstoi und es folgte eine andauernde Korrespondenz bis zu seinem Tod im Jahr 1910.

In den Briefen ging es auch um praktische und theologische Anwendungen der Gewaltlosigkeit. Tolstois Idee wurde schließlich durch Gandhis Organisation landesweiter gewaltfreier Streiks und Proteste in den Jahren 1918-1947 realisiert. Gandhi bezog sich immer wieder auf Jesu Forderung in der Bergpredigt: »Ich aber sage euch, dass ihr dem Übel nicht widerstehen sollt; sondern wenn dir jemand einen Streich gibt auf deine rechte Backe, dem biete auch die andere dar.«

Alt: Bergpredigt ist erfüllbar

Die pazifistische und sozialrevolutionäre Auslegung der Bergpredigt beeinflusste auch die politische Theologie. Sie sah die Bergpredigt als erfüllbar an – als Vorlage für eine bessere, friedlichere und gerechtere Welt. Ihre Vertreter waren Martin Luther King, Dorothee Sölle und Jürgen Moltmann. Nelson Mandela und Bischof Desmond Tutu haben in Südafrika unter ausdrücklicher Berufung auf Jesu Bergpredigt die menschenverachtende Politik der Rassentrennung aufgehoben.

Dass die Bergpredigt nichts Unerfüllbares fordert, betonte 1985 der Fernsehjournalist Franz Alt in seinem Bestseller- Buch »Frieden ist möglich«: »Jesus stellt vieles auf die Füße, was vor ihm verkehrt und auf dem Kopf stand. Ihm geht es nicht um religiöse Formeln, sondern um Inhalte; nicht um förmliche Gerechtigkeit, sondern um Liebe; nicht um Theorie, sondern um Praxis; nicht um Friedensgerede,sondern um Friedenstaten; nicht um die Lehre, sondern um das Leben.« Für Alt war klar, dass die Bergpredigt für diese Welt gilt:

»Im Jenseits wird vermutlich nicht geschossen und nicht geschlagen, es wird wohl auch keine Gerichtshöfe und keine Gefängnisse geben. Die Bergpredigt handelt vom Anfang bis zum Schluss von unserer Welt.«

Franz Alt

Jesu Schlüsselworte, so Alt, seien jetzt und neu. Die Kirchen, so Alt, lehrten bisher entweder eine heillose Welt oder ein weltloses Heil. Doch seit der Bergpredigt wisse man: Das Heil ist nicht weltlos und die Welt ist nicht heillos. »Wenn wir mitarbeiten an der Heilung der Welt – dann werden wir verstehen und erfahren: Frieden ist möglich.«

Nietzsche und Weber üben Kritik

Es gab aber immer wieder entschiedene Kritiker der Bergpredigt – auch unter den Denkern, die sie ernst nahmen. Friedrich Nietzsche sah in der Bergpredigt die Sklavenmoral des Christentums begründet, eine Religion des Ressentiments und des Neides der Feigen und Untüchtigen, die dem Leben nicht gewachsen sind. Nietzsche spottete, die Bergpredigt sei die Rache der Verlierer an den Starken, Erfolgreichen und Glücklichen. Zu den Kritikern gehört auch der deutsche Soziologe Max Weber: »Mit der Bergpredigt ist es eine ernstere Sache, als die glauben, die diese Gebote heute gern zitieren. Wenn es in Konsequenz der akosmistischen Liebesethik heißt: »dem Übelnicht widerstehen mit Gewalt« – so gilt für den Politiker der Satz: Du sollst dem Übel gewaltsam widerstehen, sonst bist du für seine Überhandnahme verantwortlich.«

Keine dieser Deutungen ist völlig falsch, gegen jede gibt es jedoch gewichtige Einwände. Aber immer bleibt die Bergpredigt Jesu Zumutung. Diese Zumutung steht allerdings nicht im leeren Raum. Am Beginn der Bergpredigt stehen die Seligpreisungen. »Selig sind, die geistlich arm sind; selig sind, die Leid tragen; selig sind, die hungert und dürstet nach Gerechtigkeit« (Matthäus 5, 3f.). Am Beginn der Bergpredigt steht nicht Forderung, sondern Zuwendung. Was die Bergpredigt bedeutet, wird dann sichtbar, wenn die Seligpreisungen Gestalt gewinnen, wenn Christen Salz und Licht werden.

 

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