08.10.2017
Islam

Islamprofessor Ourghi: 40 Thesen zur Reform des Islam

München, Berlin — 
Der Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi hat in Berlin 40 Thesen zur Reform des Islam an eine Moscheetür geschlagen. Warum die Thesen für Diskussionen sorgen werden.
Islamreformer Abdel-Hakim Ourghi vor dem Tor der Berliner Dar-as-Salam-Moschee (Neuköllner Begegnungsstätte)
Islamreformer Abdel-Hakim Ourghi vor dem Tor der Berliner Dar-as-Salam-Moschee (Neuköllner Begegnungsstätte), in der Hand seine 40 Thesen, die er an der Moscheetür anbringen will.

 

Ein »Martin Luther des Islam«? Wenige Tage vor dem Reformationsjubiläum (31. Oktober) hat der Freiburger Islamwissenschaftler und Religionspädagoge Abdel-Hakim Ourghi in Berlin seine »40 Thesen« zur Reform des Islam an eine Moscheetür angeschlagen.

Ourghi heftete seine Thesen zu einem humanistischen, friedfertigen Islam an die Tür der vom Verfassungsschutz beobachteten Dar Assalam Moschee (»Neuköllner Begegnungsstätte«). Der evangelische Pfarrer Martin Germer von der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche kritisierte den Thesenanschlag als »reine Publicity-Aktion«.

Abdel-Hakim Ourghi will den Islam reformieren

Ourghi, Mitbegründer der liberalen Berliner Reformmoschee »Ibn Rushd - Goethe«, erklärt seine Thesen in seinem Buch »Reform des Islam. 40 Thesen« vorgestellt, das im Münchner Claudius Verlag erschienen ist. Für ihn steht fest: »Nur ein reformierter Islam gehört zu Deutschland.« Dieser müsse humanistisch und friedfertig sein. Es brauche eine ehrliche Debatte über aus dem Koran begründete Gewalt, die Unterdrückung von Frauen oder die Ausgrenzung und Verfolgung Andersdenkender im Namen der Religion: »Wir müssen auch über die dunklen Seiten des Islam reden.«

Vom Buchstabenglauben an einen heiligen Text müsse der Islam sich verabschieden. Nötig sei die historisch-kritische Interpretation des Koran und der bewusste Abschied von bestimmten Koransuren mit Gewaltbegründungen wie in den sogenannten »Schwertversen«. Feststehe: »Es gibt keine Gottesliebe ohne Menschenliebe«, sagte Ourghi.

Kritik an der Politik und an Islamverbänden

Ourghi kritisierte bei der Buchpräsentation auch scharf die Politik der Bundesregierung, vor allem mit Islamverbänden wie Ditib oder dem Zentralrat der Muslime in Deutschland zusammenzuarbeiten. Man mache einen Fehler, wenn man versuche, das Staat-Kirche-Verhältnis auf den Islam zu übertragen. »Verbände wie Ditib sind keine Glaubensgemeinschaften, sondern Kulturvereine«, sagte Ourghi.

Sie folgten einer nationalen, ethnischen und politischen Agenda und seien meist aus dem Ausland gesteuert. »Der Staat braucht muslimische Ansprechpartner. Dabei kommt es nicht auf die Zahl der Menschen an, sondern auf die Werte, die jemand vertritt«, betonte der Islamwissenschaftler.

Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi in der Berliner Moschee Dar-as-Salam, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird.
Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi in der Berliner Moschee Dar-as-Salam, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird.

Medienwirksame Aktion oder ernstgemeinte Ansätze?

Pfarrer Martin Germer von evangelischen Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche warf dem Islamwissenschaftler vor, seinen Thesenanschlag nicht bei der Moscheegemeinde angekündigt, sondern nur die Medien informiert zu haben. Gäbe es eine ähnliche Aktion an seiner Kirche, würde er das Hausrecht geltend machen, so Germer in einem Offenen Brief an Ourghi.

Es sei zu fragen, wie der Buchautor mit Reformgedanken in die Welt der Muslime hineinwirken wolle, wenn er dabei nicht das Gespräch mit denen suche, die den Islam vertreten. Der Pfarrer lobte Imam Taha Sabri, der Ourghi trotz der unangekündigten Aktion mit »Freundlichkeit und Ruhe« empfangen habe.

Ourghi: In Algerien geboren, in Freiburg Professor

Der 1968 in Algerien geborene Ourghi leitet seit 2011 den Fachbereich Islamische Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Begleitet wurde er bei der Buchpräsentation in Berlin von Seyran Ates, der Leiterin der Berliner Reformmoschee »Ibn Rushd - Goethe«, zu deren Mitbegründern Ourghi gehört. Sie unterstrich das humanistische Anliegen der Islamreformer: »Keine Religion darf über den Menschenrechten stehen.«

Hamed Abdel-Samad über Reform des Islam

Dem pflichtete bei der Buchvorstellung auch der bekannte Islamkritiker Hamed Abdel-Samad (hier geht es zu seiner Facebook-Seite) bei. Der Deutsch-Ägypter bezweifelt allerdings, dass der Islam reformierbar ist. Wenn überhaupt müssten die Impulse für einen reformierten, aufgeklärten Islam aus der Freiheit des Westens kommen. »Martin Luther hatte bei seiner Reformation das Glück, dass einige Fürsten ihn unterstützten und schützten«, sagte Abdel-Samad. »Eigentlich sollte der Westen unsere Fürsten sein. Aber in Deutschland hält man sich lieber an die konservativen Islamverbände.«

 

Video von Abdel-Samad an junge Muslime

In einem Video auf Youtube hatte Abdel-Samad eine Botschaft an junge Muslime gerichtet. Darin erklärte er etwa: »Wer ein Verbrechen unterstützt ist selbst ein Verbrecher«.

Hamed Abdel-Samad richtet eine starke Botschaft an junge Muslime in Europa, über Asyl, Radikalisierung und Terror

Buch-Tipp: Reform des Islam - 40 Thesen

Abdel-Hakim Ourghi

ISBN 978-3-532-62802-7
18,00 €

Thumbnail
Share Facebook Twitter Google+ Share

Weitere Artikel zum Thema:

Islam

Abdel-Hakim Ourghi vor der Tür der Dar-as-Salam-Mosche in Berlin-Neukölln mit einem Plakat seiner 40 Thesen zu einer Reform des Islam.
Nur ein aufgeklärter, humanistischer Islam passt zur westlichen Welt, ist Abdel-Hakim Ourghi überzeugt. In seinem neuen Buch »Reform des Islam. 40 Thesen« fordert der Freiburger Islamwissenschaftler eine Rundumerneuerung des Islam: Vom Koran bis zum Kopftuch greift er fast alle islamischen Tabus an, die es gibt. Am vergangenen Wochenende stellte er das Buch in Berlin vor. Und schlug seine Thesen an eine der Muslimbruderschaft nahestehende Moschee.
Share Facebook Twitter Google+ Share