16.12.2012
Jesu Vater

Josef: Die Randfigur der Weihnachtsgeschichte

Im Lukasevangelium ist Josef der Mann ohne Eigenschaften - ein Schatten im Glanz der Weihnachtsgeschichte. Dabei bietet das Matthäusevangelium einen ganz anderen Blick auf Josef: als erwartungsvollen Liebhaber, als Mann, der sich wider alle Vernunft von seiner Intuition leiten lässt, als mutigen Entscheider und als gütigen König seiner kleinen Welt.
Saint Joseph and the Christ Child von Guido Reni
Das Ölgemälde des italienischen Malers Guido Reni zeigt Josef mit seinem Sohn Jesus.

Zu Weihnachten durften immer wir Kinder die Krippe aufbauen. Wir liebten den Engel, der den Frieden verkündete. Die braven Hirten, die mit ihren Schafen den Stall umringten und ein eigenes Lagerfeuer bekamen. Die prächtigen Könige mit ihren Geschenken. Die hübsche Maria durfte mit dem winzigen Jesuskind aus Wachs direkt unter der kleinen Laterne sitzen, die den Stall erhellte. Und Ochs und Esel dahinter blickten das himmlische Kind freundlich an. Zu allen konnte man sich Geschichten ausdenken. Nur nicht zu Josef. Der war alt und langweilig. Ein Mann ohne Eigenschaften. Ein Statist neben lauter Stars.

Vielleicht lag es daran, dass wir an Weihnachten immer die Geschichte aus dem Lukasevangelium hörten: von Maria und Elisabeth, ihren Schwangerschaften, den Umständen der Geburt, den Babywindeln - unübersehbar eine sehr weibliche Perspektive, bei der Josef unwichtig blieb.

 

Josef - der Liebhaber

Das notwendige Gegenstück aus männlicher Sicht steht aber auch in der Bibel, bei Matthäus. Es fängt mit einer Ahnenreihe von Abraham bis Josef an (Männer mögen klar strukturierte Tabellen, bis heute!). Jesus wird über Josef, den Mann aus königlichem Geblüt, zur Nachkommenschaft Davids gezählt, auf der die Messias-Verheißung Israels ruht. Josef wird so als Hauptdarsteller eingeführt. Und nach und nach erfährt man, dass er eine gewaltige Rolle spielt. Denn an ihm wird deutlich, wie ein Mann auf seinem Reifungsweg vier große männliche Archetypen, seelische Leitbilder, integrieren kann: den Liebhaber, den Magier, den Krieger und den König.

Anfangs sind Josef und Maria verlobt, ein festes Paar vor der Hochzeit. Josef ist zuerst einmal der Liebhaber. Zu diesem Archetyp gehören Lebenslust, Leidenschaft, Eros und Sensibilität. Wer liebt, hat Zugang zu seinen Gefühlen und kann auch die leisen Zwischentöne ausdrücken. Sinn und Sinnlichkeit sind eng verbunden. Fatalerweise hat die leibfeindliche Seite der christlichen Tradition den »Liebhaber« oft bekämpft - auch bei Josef. Seine angebliche Keuschheit widerspricht sowohl dem Evangelium als auch dem jüdischen Eheverständnis, in dem Enthaltsamkeit als Sünde verstanden wurde.

Josef - der verliebte Zimmermann

Josef ist ein verliebter Mann, der eine eigene Familie gründen will. Darum schockiert ihn auch das, womit ihn Maria konfrontiert: Sie hat eine eigene Gotteserfahrung gemacht, die zu einer radikalen Veränderung in ihrem Inneren führt. Heute deuten wir es so: Die Geburt des göttlichen Kindes symbolisiert die geistige Neugeburt in der Mitte der Seele. Es gibt nichts Größeres, als das göttliche Kind in sich zu empfangen, auszutragen und zu gebären. Plötzlich ist Maria mit etwas ganz Großem verbunden, das ihre Verbindung zu Josef bei Weitem übersteigt und erst einmal gar nichts mit ihm zu tun hat.

Maria wird ihm fremd, und Josef entwickelt heimlich Trennungsfantasien. Er will sich aus der Affäre ziehen und Maria verlassen. Er hält sich für gerecht und fair, schließlich ist sie an der Krise schuld und nicht er. Maria wiederum fühlt sich von Josef im Stich gelassen und geht ihrerseits auf Distanz. Sie verschwindet für drei Monate zu ihrer Verwandten Elisabeth. Die Paarbeziehung der beiden steht auf der Kippe, sie leben innerlich wie äußerlich getrennt.

Josef und der magische Engelsflüsterer

Aber dann kommt unverhofft die Wende. Josef wird vom Archetyp des Magiers berührt, der ihm das Reich des Unbewussten erschließt. Ein Engel schenkt ihm im Traum eine spirituelle Deutung der Situation: Das Kind, das Maria erwartet, ist göttlichen Ursprungs. Der Magiertypus erzeugt innere Verwandlung und lädt ein, sich für die Kräfte der Seele zu öffnen. In allen Situationen, die sich mit Verstand und Logik nicht lösen lassen, erfährt ein Mann göttlichen Beistand, sobald er zu seiner Intuition findet.

Nun kann Josef wieder konstruktiv handeln. Nicht mehr vom Gesetz, sondern vom Geist erfüllt, kann er Maria, die vom Geist Erfüllte, an seine Seite stellen. So werden die beiden zu einem Paar, das in der Welt des Geistes beheimatet ist. Die beiden sind zu Fuß nach Bethlehem aufgebrochen. Sie müssen und dürfen sich Zeit lassen, jeden einzelnen Schritt dieses Wandlungswegs bewusst zu erleben. Dabei wächst in ihnen das Kind Immanuel (»Gott mit uns«), ein Symbol für Gottes wachsende Gegenwart. Das ist mühsam. Ein Mann rechnet nicht umsonst mit bedrohlichen Ungeheuern, wenn er sich auf diesen inneren Weg des Magiers einlässt. Die Schrecken der Kindheit, die Ängste der Pubertät, die Verwundungen des Erwachsenen, die Integration unreifer Anteile der Persönlichkeit - es ist immer ein Heldenweg, sich mit seinem Innersten zu befassen.

 

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Josef und der wachsame Krieger

Darum braucht es den Archetyp des Kriegers. Er wacht über das Verletzliche und Zarte in uns. Den Krieger zeichnen Unterscheidungsfähigkeit und Achtsamkeit aus. Er kann mit seinen aggressiven Eigenschaften umgehen und setzt sich für heilsame, zukunftsorientierte Prozesse ein. Diese Wachheit in Zeitfragen ist seine eigentliche Stärke. Er ist furchtlos und realistisch zugleich in der Einschätzung seiner Lage.

Wie Josef weiß er, wann Gefahr im Verzug ist und trifft Vorsorge. Josef brachte Maria und das Kind sicher nach Bethlehem und vor Herodes' Truppen gerade noch rechtzeitig nach Ägypten ins Exil. Ein Mann, der wie Josef mit der Tapferkeit des Kriegers agiert, steht immer vor geis­tigen Herausforderungen. Wenn er seine Klarsicht mit dem Beschützerinstinkt für alles Verletzliche und Zukünftige verbindet, wird er oft zu einem politischen oder kirchlichen Störfall. Geistige Widerstandskämpfer geraten schnell ins Visier machtbesessener Despoten, wie Herodes einer war. Um hier nicht unterzugehen, braucht es die Bündelung aller gesunden Kräfte in einem vierten Archetyp: dem des Königs.

Josef und das Königliche

Der Zimmermann Josef stammt laut Matthäus von König David ab - ein klarer Hinweis auf die Königsenergie in Josef. Sie verknüpft Gelassenheit, Integrität, Gestaltungskraft, Fruchtbarkeit und Segen. Sie bändigt das Chaos und errichtet wohltuende Strukturen. Männer mit gesunder Königsenergie pumpen sich nicht mit Macht auf. Sie verstehen sich als treue Diener oder achtsame Hirten derer, die ihnen anvertraut sind. In ihrer Gegenwart braucht man sich nicht zu fürchten. Sie stiften Frieden und Wohlgefallen auf Erden, wo sie unter Menschen wirken. Josef gehört zu ihnen und auch sein Sohn Jesus, der sanfte König, Freund der Armen und Friedensfürst.

Dass die Weihnachtsgeschichte dem kleinen Jesus einen Vater aus dem Königsgeschlecht Davids zuspricht, dürfte sich gern noch mehr in unseren Krippenfiguren widerspiegeln. Der Josef meiner Kindheit war alt und gebeugt. Der Josef, der inzwischen in meinem Bewusstsein angekommen ist, ist ein souveräner, aufrechter und ganzheitlicher Mann. Ein Mann, dem ich ganz sicher einen Ehrenplatz in meiner Krippe geben werde.

 

JOSEF - Hintergrundinfos

 JOSEF VON NAZARETH, Josef der Zimmermann, Josef der Unbekannte: Alle Informationen über den Mann an Marias Seite stammen aus dem Neuen Testament. Einzelheiten berichten nur die Evangelisten Matthäus und Lukas: Demnach stammte er aus dem Geschlecht des Königs David und arbeitete in Nazareth als »Tekton«, griechisch für »Baumeister«. Josef war mit Maria verlobt und nahm sie auf Weisung eines Engels zur Frau, obwohl sie - nicht von ihm - schwanger war.

  SPÄTEREN ÜBERLIEFERUNGEN ZUFOLGE war er damals bereits 80 Jahre alt. Das hatte Einfluss auf das Josef-Bild der bildenden Kunst: In den meisten Fällen wird Josef als alter, gebeugter Mann mit weißem Haar dargestellt, der im Schatten oder am Rand der Heilig-Abend-Szenerie zu finden ist.

  VIER BRÜDER JESU kennt das Matthäusevangelium mit Namen: Jakobus, Josef, Simon und Judas, dazu mehrere Schwestern. Die frühe Ostkirche glaubte, dass sie Söhne aus einer ersten Ehe Josefs waren. Die Westkirche lehrte zunächst, die Geschwister Jesu seien nach dessen jungfräulicher Geburt von Maria und Josef gezeugt worden. Später wurde das Dogma der immerwährenden Jungfernschaft Mariens eingeführt - so wurden in der Überlieferung aus Geschwistern Vettern und Basen von Jesus.

  AUCH ÜBER DAS DATUM und die Umstände von Josefs Tod ist nichts bekannt. Das Lukas­evangelium erwähnt ihn zum letzten Mal, als Josef mit Maria den verlorenen zwölfjährigen Jesus im Tempel von Jerusalem wiederfindet. Daraus schließt man, dass Josef gestorben ist, lange bevor Jesus selbst als Wanderprediger in die Öffentlichkeit getreten ist.

 

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