13.06.2017
Interview

Theologe Jürgen Moltmann: »Ehrfurcht vor allem Leben«

Der Vordenker einer ökologischen Theologie, Jürgen Moltmann, fordert die Umkehr zur Ehrfurcht vor allem Leben. Der Mensch sei nicht die Krone der Schöpfung, sondern ein Teil von ihr. 30 Jahre nach seiner »Theologie der Hoffnung« fordert Jürgen Moltmann eine »Spiritualität des Lebens«. Ein Gespräch über Hoffnungen trotz der Katastrophe – und des Todes.
»Das Gemeinwohl der Erde hat Vorrang«: Jürgen Moltmann.
»Das Gemeinwohl der Erde hat Vorrang«: Jürgen Moltmann.

 

Herr Professor Moltmann, Sie haben bereits vor 30 Jahren vor der ökologischen Katastrophe gewarnt und zur Umkehr aufgerufen. Nun ist die globale Zerstörung ungebremst weitergegangen. Haben Sie noch Hoffnung für die Welt?

Jürgen Moltmann: Meine Hoffnung ist auf Gott, den Schöpfer gerichtet. Aber auch auf Menschen, die vernünftig und weise werden. Ein Zeichen dafür ist die UN-Klimakonferenz 2015 in Paris, bei der sich alle Staaten auf einen Klimaschutzvertrag geeinigt haben. Das war das erste Mal, dass die Vereinten Nationen auf den Schrei der Erde gehört haben. Dieses verantwortliche Denken wird sich trotz der aktuellen Entwicklung in den USA durchsetzen. Und so hoffe ich, dass die Erde überlebt.

 

 

ZUR PERSON

JÜRGEN MOLTMANN (91) ist emeritierter Professor für Systematische Theologie in Tübingen. Er wurde weltberühmt durch sein Buch »Theologie der Hoffnung« (1964).

Als einer der ersten Theologen bedachte er ökologische Fragen in seinem Buch »Gott in der Schöpfung« (1985). Zuletzt erschien von ihm der Gesprächsband »Hoffnung für eine unfertige Welt« (2016).

 

 

Was müsste geschehen, dass die Erde überlebt?

Moltmann: Es müsste eine Umkehr im Denken geben: weg vom Anspruch auf Weltbeherrschung des Menschen, hin zur Integration, zur Zusammenarbeit mit den Kräften der Natur und den anderen Formen des Lebens. Im modernen Paradigma der Welt stand der Mensch im Zentrum, und die Erde war untertan zu machen. Aber die Erde ist mehr als das Herrschaftsgebiet des Menschen. Die Erde ist nach biblischem Verständnis produktiv. Sie bringt Leben hervor, und der Mensch ist abhängig von den anderen Formen des Lebens. Den Menschen gäbe es gar nicht, wenn es die Bäume und die Pflanzen und die Tiere nicht gäbe. Wir müssen die eigenen Interessen zurückstellen, denn das Gemeinwohl der Erde hat Vorrang.

 

Trägt das Christentum eine Mitschuld an der Naturzerstörung? Schließlich heißt es, der Mensch solle sich die Erde untertan machen ...

Moltmann: Nein, das Christentum trifft keine Schuld. Es ist das Menschenbild der Renaissance, das den Menschen als Mitte der Welt versteht und es als seinen Auftrag ansieht, die Erde untertan zu machen. Die moderne Welt ist aber erst vor 400 Jahren entstanden, durch die Kolonisation der afrikanischen und südamerikanischen Länder und durch den Aufschwung von Wissenschaft und Technik. Das hat man damals gedeutet als die Erfüllung der biblischen Verheißung, dass der Mensch eine Sonderstellung im Kosmos habe und die Erde ihm untertan sei. Die biblischen Interpretationen sind immer von Interessen geleitet. Und die Interessen des modernen Paradigmas sind offensichtlich. Aber im Altertum und Mittelalter hat man den Menschen nicht so verstanden, sondern war eher auf die Zusammenarbeit mit anderen Formen des Lebens und einer Symbiose mit anderen Lebewesen ausgerichtet.

 

Plastik am Strand in Tansanias Hauptstadt Daressalam.
Plastik am Strand in Tansanias Hauptstadt Daressalam.

 

»Wir sollten bescheidener leben«

 

Also sieht die Bibel den Menschen nicht als Krone der Schöpfung und »Herrscher« über die Erde?

Moltmann: Die Krone der Schöpfung ist nicht der Mensch, sondern der Sabbat. Gott krönte seine ganze Schöpfung, indem er den Sabbat schuf und ruhte. Die Sabbatgesetze sind für die Sicherung der Zukunft des Landes eingesetzt: Alle sieben Jahre soll das Land unbestellt bleiben, damit das Land seinen großen Sabbat für den Herrn feiert. Das ist die Religion der Erde. Und die verlässt man nicht ungestraft.

Wir brauchen heute einen Sabbat für die Erde, einen Sabbat für das Meer und einen Sabbat für die Luft, damit die Erde wieder fruchtbar wird, das Leben im Meer sich wieder erholt und die Luft wieder rein wird.

 

Sollen wir denn heute schon das Paradies auf Erden schaffen?

Moltmann: Unsere Hoffnung richtet sich auf die neue Erde, auf der Gerechtigkeit wohnt. Die neue Schöpfung hat mit Christus angefangen. Der neue Himmel und die neue Erde, die Jesaja prophezeit, ist eine Erde ohne Töten und Tod. Das verpflichtet uns zur Minimierung unserer Gewalttat gegen die Erde und gegen das Leben und dazu, für Recht und Gerechtigkeit auf Erden zu sorgen – nicht nur unter den Menschen, sondern auch zwischen Menschen und Tieren und zwischen Menschen und der Erde.

 

Wie könnte denn dieser Einsatz für das Recht der Erde konkret aussehen?

Moltmann: Zwei meiner Enkelsöhne sind Veganer. Wir sollten den Fleischverbrauch und vor allem den Plastikverbrauch reduzieren. Wir sollten bescheidener leben, weniger auf Konsum ausgerichtet sein und dabei merken, dass wir glücklicher leben.

 

Brauchen wir in der Kirche eine »grüne Reformation«? Wie könnte die aussehen?

Moltmann: Die Spiritualität der Christen richtet sich auf die Seele und den Himmel, wie es sich am deutlichsten in dem Gebetsspruch ausdrückt »Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm«. Die Erde kommt nicht vor. Wenn ich ein »Gast auf Erden« bin, wie Paul Gerhardt sang, bin ich für das Gasthaus nicht verantwortlich. Wir brauchen eine Spiritualität der Sinne und des Lebens. Denn der Heilige Geist ist ausgegossen auf alles Fleisch, wie wir zu Pfingsten feiern. Und »Fleisch« heißt »Leben«. Wir brauchen eine neue Ehrfurcht vor allem Leben.

 

Bedeutet diese Öffnung für die ganze Erde auch eine Öffnung für die Gemeinschaft mit den anderen Religionen?

Moltmann: Es könnte eine interreligiöse Gemeinschaft der Barmherzigen entstehen. Denn die Psalmen sprechen von der großen Barmherzigkeit Gottes, das Neue Testament sieht in Jesus die Verkörperung der großen Barmherzigkeit Gottes, und einer der wichtigsten Namen Gottes im Islam ist »der Allbarmherzige«. Im Buddhismus heißt das »Karuna« – die Barmherzigkeit nicht nur mit elenden Menschen, sondern auch mit der Natur.

 

Mit dem Tod hat jeder Mensch seinen persönlichen Untergang vor sich. Haben Sie Angst vor dem Tod?

Moltmann: Ich habe keine Angst vor dem Tod. Das Sterben mag unangenehm sein, aber der Tod macht mir keine Angst. Ich hoffe auf die Auferstehung der Toten. Unmittelbar nach dem Sterben erwacht die Seele zum ewigen Leben.

 

Wird daran die ganze Schöpfung teilhaben?

Moltmann: Die neue Erde wird neu in einem ungeahnten Ausmaß sein. Aber alle Lebewesen sind auf Hoffnung hin geschaffen, und keines geht verloren.

 

BUCHTIPP

Jürgen Moltmann / Eckart Löhr, Hoffnung für eine unfertige Welt, Patmos Verlag 2016, 112 Seiten. 14,99 Euro. ISBN 978-3-8436-0755-1

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