16.11.2014
Faszination Freikirche

Australische Freikirche zieht weltweit die Jugend an

Gerade in Städten scheint Kirche nicht mehr angesagt zu sein. Wo den großen Kirchen die Gläubigen davonlaufen, versammeln sich aber Tausende junger Leute zu den Events der Hillsong Church - in Deutschland in Konstanz und Düsseldorf. »Hipster-Kirche« nennen sie Kritiker - oder »Gelddruckmaschine«.
Anbetung

Der Raum sieht aus wie eine Konzerthalle oder ein Club. Bunte Lichtkegel schweben über die Bühne, auf einer Leinwand laufen Videos. Hunderte junger Menschen drängen sich davor. Sie tragen Basecaps, Leo-Print, Karohemden und Lederjacken. Ihre Hände sind gen Himmel gerichtet. Sie beten gemeinsam. Im »Theater der Träume« versammeln sie sich jeden Sonntag, um ihre Liebe zu Jesus zu zelebrieren und Gott zu preisen, wenn die Hillsong Church Düsseldorf ihre Gottesdienste feiert.

Die pfingstkirchlich-charismatische Glaubensgemeinschaft gehört zu den am schnellsten wachsenden religiösen Gemeinschaften weltweit. »Keine Frage, es gibt einen richtigen Sturm evangelikaler Verzückung in Großstädten«, sagte Ed Stetzer, Geschäftsführer von »LifeWay Research«, der New York Times. Das Institut untersucht das amerikanische Christentum. In den USA kommen jedes Wochenende um die 100 000 Gläubige zu Hillsong-Feiern, in Deutschland gehören nach eigenen Angaben rund 2000 Menschen zu den Hillsong-Gemeinden in Konstanz und Düsseldorf. Mehr als zehn Millionen Zuschauer verfolgen die Gottesdienste jede Woche über Hillsong TV.

Hillsong stammt ursprünglich aus Australien. Die Gründer Brian und Bobbie Houston haben mittlerweile »Tochterfilialen« rund um den Globus aufgebaut. Mit Social-Media-Präsenz bei Twitter, Instagram, Facebook & Co. erreicht Hillsong nach eigenen Angaben mehr als zehn Millionen Follower im Internet. Die Hillsong-Website erstrahlt in Instagram-gefilterten Pastellfarben. Die User können die Predigten ihrer Star-Pastoren als Podcast anhören, sich die Bibel aufs Smartphone holen und einen Andachtsplan herunterladen.

»Hipster-Kirche« oder »Gelddruckmaschine«?

Auch Marie Bader (Name geändert) geht manchmal zu den Hillsong-Gottesdiensten. Dabei hatte sie zuerst gar keine Lust darauf. Das Image wirkte auf sie extrem inszeniert und zu gestylt. »Aber dann hab ich gemerkt, dass es einfach darum geht, Gott zu lieben und Menschen zu lieben, und das ist total ermutigend für die Leute. Das Gemeinschaftsgefühl ist unglaublich«, erzählt sie. Die Innenseite von Maries Handgelenk ziert der kleine Schriftzug »God Is«.

»Hipster-Kirche« oder »Gelddruckmaschine«: Medien haben bei Hillsong viele Kritikpunkte gefunden. Australische Medien haben immer wieder die Finanzen Hillsongs und ihrer Gründer unter die Lupe genommen - und fehlende Transparenz bemängelt. Mittlerweile gibt es einen Report über die Finanzen von 2012. Für dieses Jahr hatte Hillsong Australia steuerfreie Einnahmen von 71 Millionen Dollar angegeben.

Das ehemalige Hillsong-Mitglied Tanya Levin wirft Hillsong autoritäre Strukturen vor und sagte im australischen Fernsehen, es werde sehr offensiv um Spenden geworben. Hillsong fordere dazu auf, ein Zehntel des persönlichen Einkommens an die Kirche zu geben. Frei nach dem Motto: »Wenn du nicht spendest, beraubst du Gott. Und das willst du nicht, oder?«, so Levin. Jeder sei frei, wie viel er geben wolle, erklärte dazu die deutsche Hillsong-Zentrale in Konstanz.

Faszination Hillsong

Teil des Unternehmens ist das Label Hillsong Music. Mit mehr als 16 Millionen verkauften Alben dominiert das Musik-Label die internationale Szene christlicher Musik. Die Melodien gehen sofort ins Ohr. Die Texte handeln von Gottvertrauen, der Hingabe Jesu, von Sünden: verpackt in einen Folk-Pop-Sound, der auch auf jedem jungen Radiosender laufen könnte.

Gerade diese Musik mache Hillsongs Faszination aus, sagt Reinhard Hempelmann von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. »Die Lobpreismusik ist ein Kernanliegen von Hillsong, und viele Christen werden solche Gemeinschaften aufsuchen, weil sie in dieser Art zu singen und sich zu bewegen eine neue kreative Möglichkeit sehen, ihren Glauben auszudrücken«, erläutert der Experte für pfingstlich-charismatisches Christentum.

Themen wie Homosexualität und Abtreibung werden dagegen nicht eindeutig angesprochen. Das Leben sei etwas Heiliges, aber die Kirche werde niemandem die Tür vor der Nase zuschlagen, formulierte der New Yorker Hillsong-Pastor Carl Lentz in einem gemeinsamen Interview mit Brian Houston.

In der Vergangenheit wurde die Glaubensgemeinschaft von australischen Medien mit einer Einrichtung in Verbindung gebracht, die Programme zur »Heilung von Homosexualität« angeboten hatte. Mittlerweile hat Hillsong sich von ihr distanziert. Es gibt allerdings kein offizielles Statement. Hillsong befinde sich in einem »andauernden Gespräch« über das Thema, wird Brian Houston in Medien zitiert. Auf der Hillsong-Webseite hingegen nimmt er Bezug auf Bibelstellen, in denen Homosexualität abgelehnt wird. Jesus habe nie öffentlich über Homosexualität diskutiert, also werde auch er das nicht tun, sagte Pastor Lentz auf CNN.

 

INTERNET:

www.hillsong.de / www.hillsongkonstanz.de

 Der Hillsong-Watchblog ist zu finden unter hillsongchurchwatch.com

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Sonntagsblatt