Barmen: »Eine Meuterei großen Stils«

Die bayerische Landeskirche hatte ein spannungsvolles Verhältnis zu der am 31. Mai 1934 verabschiedeten Barmer Theologischen Erklärung der Bekennenden Kirche. Führende Vertreter waren an ihrer Entstehung maßgeblich beteiligt, andere verfassten Protestschreiben dagegen, am Ende distanzierten sich alle mehr oder weniger von dem Dokument. Wie war das möglich?
Barmer Zeitung, der 1934 erschienene Sonderdruck.
Synode - ein öffentlicher Akt: Der Ende Mai 1934 erschienene Sonderdruck der »Barmer Zeitung« wurde von der Geheimen Staatspolizei beschlagnahmt.

Als Karl Barth, einer der »Väter« der Barmer Theologischen Erklärung, zu ihrem 30. Jahrestag 1964 einen Jubiläumsartikel schreiben sollte, weigerte er sich: »Es verdrießt mich, quasi den Museumsführer zu machen«, klagte er. Barth wollte nicht länger daran erinnern, wie bedeutsam die Sache damals gewesen sei, »solange die Dinge der Gegenwart nicht in Ordnung kommen«.

Seither gingen viele Jahrestage ins Land, es wurden noch viele Erinnerungsartikel verfasst. Die Barmer Theologische Erklärung gilt als wegweisendes Lehr- und Glaubenszeugnis der Kirche im 20. Jahrhundert, als Magna Charta der Bekennenden Kirche während des Kirchenkampfes in der Zeit des Nationalsozialismus. In manchen Landeskirchen hat die Erklärung Bekenntnischarakter, die Pfarrer werden darauf ordiniert. Doch die bayerische Landeskirche hatte von Beginn an ein spannungsvolles Verhältnis zur Barmer Theologischen Erklärung. Führende Vertreter waren an ihrer Entstehung maßgeblich beteiligt, andere verfassten Protestschreiben dagegen, am Ende distanzierten sich alle mehr oder weniger von dem Dokument. Wie war das möglich?

Es war ein theologisches Wort mit politischer Bedeutung in einer kirchenpolitisch schwierigen Lage. Theologie, Politik und Kirchenpolitik – alle drei Felder waren Mitte der 1930er-Jahre vermintes Gebiet. Von daher ist es ein kleines Wunder, dass die Erklärung überhaupt zustande kam.

Radikale Kirchenpolitik

1934 war die evangelische Kirche in Deutschland tief verunsichert und zerrissen. Die Protestanten begrüßten mehrheitlich den »Nationalen Aufbruch« durch den im Januar 1933 neu gewählten Reichskanzler Adolf Hitler. Der »Führer« wurde von vielen als »Offenbarung Gottes« gesehen, als Heilsbringer, der sich für Volk und Nation gegen Atheismus, Bolschewismus, Liberalismus und jüdische Einflüsse wendet.

Hitler verfolgte von Beginn an eine radikale Kirchenpolitik. Sein Ziel war die Gleichschaltung der Kirche unter der Ideologie eines völkischen Christentums. Der erste Schritt war der Zusammenschluss des in 28 Landeskirchen und drei Konfessionen zersplitterten Protestantismus zu einer geeinten evangelischen »Reichskirche« im September 1933. Nach einigen Widerständen wurde der Hitler-Vertraute Ludwig Müller durch die Nationalsynode der Deutschen Evangelischen Kirche zum Reichsbischof gewählt.

Hitler baute auf die wachsende kirchliche Bewegung der Deutschen Christen, die stark von der Ideologie des Nationalsozialismus geprägt waren. Sie wollten das Führerprinzip in der Kirche durchsetzen, den staatlichen Arierparagrafen für die Kirche übernehmen und die Evangelische Jugend in die Hitlerjugend eingliedern. Auch die Bibel sollte »arisiert« werden: Ende 1933 forderten die Deutschen Christen, das Alte Testament müsse aus der Bibel entfernt werden.

Die Urschrift der Barmer Erklärung.
Die »Urschrift« der Barmer Erklärung: Das Manuskript Karl Barths dienste als Vorlage für das Treffen mit Hans Asmussen und Thomas Breit am 16. Mai 1934 in Frankfurt.

Das war dann vielen Mitgliedern zu radikal, und so erlebte eine Gegenbewegung starken Zulauf: die »Bekennende Kirche«. Prägende Gestalten waren der Berliner Pfarrer Martin Niemöller und die Landesbischöfe Hans Meiser aus Bayern, Theophil Wurm aus Württemberg und August Marahrens aus Hannover, deren Landeskirchen noch »intakt« waren und die nun von der Zwangseingliederung in die »Reichskirche« bedroht waren. Dazu gehörten auch »freie Synoden« und oppositionelle Gemeindekreise der deutschchristlichen Landeskirchen. In einer großen Kundgebung im April 1934 im Ulmer Münster stellte sich die Bekennende Kirche als »rechtmäßige evangelische Kirche Deutschlands« vor. Die Trennung war vollzogen, der Kirchenkampf in vollem Gange.

Erklärung als Fundament der Bekennenden Kirche

In Wuppertal-Barmen versammelten sich Vertreter der Bekennenden Kirche vom 29. bis 31. Mai 1934 zu ihrer ersten Synode und verabschiedeten die Barmer Theologische Erklärung als Fundament ihrer Kirche. Die 139 Vertreter kamen aus lutherischen, reformierten und unierten Kirchen. Die unterschiedlichen evangelischen Konfessionen standen sich damals noch fern, sie hatten keine Abendmahlsgemeinschaft. Doch die Krise »prügelte sie zusammen«, wie es ein Zeitzeuge formulierte. Die Barmer Erklärung wurde wesentlich verfasst vom reformierten Bonner Theologieprofessor Karl Barth, unter der Mitarbeit der Lutheraner Thomas Breit, Oberkirchenrat aus Bayern, und Hans Asmussen, Pfarrer in Altona.

Bereits die erste These formuliert den Widerspruch der Bekennenden Kirche gegen jede »natürliche Theologie«, die Offenbarungen Gottes in der Vielfalt weltlicher Kultur und Ideen sieht. Das richtete sich gegen die Erlanger Professoren Werner Elert und Paul Althaus, natürlich auch die Deutschen Christen, die Hitler als Offenbarung Gottes und seine Machtübernahme als geschichtliches Heilsereignis für das deutsche Volk deuteten. Demgegenüber steht nun Jesus Christus als »das eine Wort Gottes, das wir zu hören und dem wir im Leben und Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben«. Damit wird verworfen, dass es in der Kirche noch »andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten« gibt. Hier trägt die Erklärung die Handschrift von Karl Barths christozentrischer Offenbarungstheologie.

In einem Aufsatz in der Zeitschrift Theologische Existenz heute ordnete Barth im Sommer 1934 die Barmer Theologische Erklärung ein. Er sah in ihr »den ernsten Versuch …, dem Widerstand gegen das damals auf den Plan getretene und seither äußerlich immer noch an der Macht befindliche System Klarheit, Einheitlichkeit und geschlossene Kraft und damit auch eine politisch-kirchenpolitisch unzweideutige Gestalt zu geben«.

Die zweite These setzt Barths Modell der Königsherrschaft Christi gegen die lutherische Zwei-Reiche-Lehre mit ihrem Ansatz, den Staat als »gute Ordnung Gottes« absolut zu setzen. In These drei geht es um die vom Staat unabhängige Ordnung der Kirche, These vier wendet sich gegen das Führerprinzip in der Kirche, These fünf widerspricht allen staatlichen Versuchen, seine Weltanschauung absolut zu setzen, These sechs fordert schließlich das kirchliche Selbstbestimmungsrecht.

Man darf nicht übersehen, dass sich die Barmer Theologische Erklärung nicht direkt gegen den NS-Staat richtete. Im Eröffnungsgottesdienst der Bekenntnissynode schloss der Dresdner Superintendent Hugo Hahn »unser Volk und Vaterland und seine Führer, insbesondere unseren Reichspräsidenten und Reichskanzler« in seine Fürbitte ein.

Die reformierte Gemarker Kirche in Wuppertal-Barmen (1890).
Der Tagungsort: Die reformierte Gemarker Kirche in Wuppertal-Barmen. Das Bild zeigt die Kirche vor ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg.

Und Asmussen betonte: »Wenn wir protestieren, dann protestieren wir nicht als Volksglieder gegen die jüngste Geschichte des Volkes, nicht als Staatsbürger gegen den neuen Staat, nicht als Untertanen gegen die Obrigkeit, sondern wir erheben Protest gegen dieselbe Erscheinung, die seit mehr als 200 Jahren die Verwüstung der Kirche vorbereitet hat.« Die Erklärung richtete sich also gegen die natürliche Theologie – und damit gegen die Ideologie der Deutschen Christen.

Die Reaktionen blieben nicht aus. Wolf Meyer-Erlach, zweiter Mann der Deutschen Christen in Bayern, diffamierte Meiser als »Irrlehrer und Hetzer«, der durch Barmen Luthertum, Volk und Kirche verraten habe. Der Arbeitskreis der bayerischen NS-Synodalen bezichtigte Meiser der »kirchlichen Meuterei großen Stils«.

Der heftigste Widerspruch kam von den Theologen des Ansbacher Kreises, dem die Erlanger Professoren Paul Althaus, Werner Elert und sechs fränkische Pfarrer angehörten. Inspirator des Ansbacher Kreises war Pfarrer Hans Sommerer, Direktor der Bruckberger Anstalten der Inneren Mission und SA-Mitglied. Im »Ansbacher Ratschlag« machten die fränkischen Theologen in acht Thesen aus dem »einen Wort Gottes« zwei: das Evangelium und das Gesetz des Führers.

Meiser: Erklärung statt Bekenntnis

Die strikte Offenbarungstheologie der Barmer Theologischen Erklärung wird abgelehnt. Der Ansbacher Ratschlag plädiert stattdessen für die aus der natürlichen Theologie abgeleitete Anschauung, Gott offenbare sich nicht allein in Christus, sondern ebenso in Familie, Volk und Rasse. Dementsprechend verstanden die Unterzeichner das nationalsozialistische Regime und dessen Führer Adolf Hitler als gottgegebene Ordnung mit Offenbarungscharakter. Wörtlich heißt es: »In dieser Erkenntnis danken wir als glaubende Christen Gott dem Herrn, dass er unserem Volk in seiner Not den Führer als ›frommen und getreuen Oberherren‹ geschenkt hat und in der nationalsozialistischen Staatsordnung ›gut Regiment‹, ein Regiment mit ›Zucht und Ehre‹ bereiten will.« Die Deutschen Christen schlossen sich dem Ratschlag an.

Im Begleitschreiben wurde deutlich, worum es den fränkischen Lutheranern im weiteren Sinne ging: Sie wollten in der »theologischen und kirchlichen Aussprache endlich die genuin lutherische Stimme zu Gehör« bringen. Ihnen galt die Barmer Erklärung als Versuch von unierten und reformierten Kräften, die lutherische Konfession ins Abseits zu drängen und mittels eines verbindlichen Bekenntnisses eine unierte Gesamtkirche zu etablieren. Dies hatte König Friedrich Wilhelm III. von Preußen bereits 1817 mit den mehrheitlich lutherischen und den reformierten Gemeinden in seinem Königreich durchgezogen, mit traumatischen Folgen, die offenbar bis ins 20. Jahrhundert nachwirkten.

Der Erlanger Theologieprofessor Hermann Sasse warf Meiser vor, mit seiner Unterschrift die »Union« auf das gesamte Reichsgebiet ausgedehnt zu haben. In letzter Konsequenz sei dies das Ende der evangelischen Kirche Augsburger Konfession im deutschen Landeskirchentum. Meiser ahnte bereits im Vorfeld der Barmer Synode, was auf ihn zukommen würde. Er drängte darauf, dass in Barmen kein Bekenntnis beschlossen wird, sondern nur eine gemeinsame Erklärung. Ein neues Bekenntnis – dazu noch beschlossen von einer Synode – hätte nach dem damaligen lutherischen Verständnis eine neue Kirche zur Folge gehabt. Keine lutherische, sondern eine unierte.

Der bayerische Landesbischof Hans Meiser in Barmen.
Beratungen in der Synodenpause: Der bayerische Landesbischof Hans Meiser (rechts mit Manuskriptseiten) auf der Straßenseite gegenüber der Gemarker Kirche im Gespräch. Die Aufnahme stammt von Susanna Pfannschmidt, der Sekretärin von Martin Niemöller.

Zurück in München, hängte Meiser die Barmer Erklärung deshalb erst einmal tief, im Amtsblatt wurde nichts vermeldet. Meiser betonte gegenüber seinen Pfarrern, die Barmer Erklärung sei lediglich die Grundlage für die Weiterarbeit in den konfessionell getrennten Synoden. Für Meiser war das lutherische Bekenntnis eine Identitätsfrage, weil sich die protestantische Kirche im rechtsrheinischen Bayern erst im 19. Jahrhundert zu einer lutherischen Kirche entwickelt hatte. Das lutherische Bekenntnis war für ihn »unwandelbarer Wahrheitsbesitz«, von dem alle anderen Kirchen zu lernen hätten.

Umso schwerer traf ihn nun der Vorwurf des Verrats. Meiser fand sich nach Barmen umzingelt von Kritikern und Gegnern. Auf der einen Seite zerrten unionistische Kräfte aus Preußen, auf der anderen radikale Lutheraner aus Ansbach und Erlangen. Und vor ihm standen Deutsche Christen und NS-Synodale. Um gegen die NS-Reichskirche bestehen zu können, entschloss sich Meiser für eine penible Rücksicht auf seine lutherischen Pfarrer. Gleichwohl schrieb er im August 1934 an das für die Kirchen zuständige Reichsinnenministerium: »Wir stellen der Scheinsynode von Berlin die echte Synode von Barmen gegenüber und sind uns nun völlig gewiss geworden, in welchem Lager die wahre Deutsche Evangelische Kirche steht.« Es waren mutige Worte.

Unterstützung bekam Meiser von der bayerischen Pfarrbruderschaft, die im Nachklang von Barmen am 22. Mai 1934 in Rummelsberg gegründet wurde. In ihren Grundsätzen hatte die Pfarrbruderschaft festgeschrieben: »Wir können und wollen die Gemeinschaft der evangelischen Christen in Deutschland, die in der theologischen Erklärung von Barmen deutlich geworden ist, nicht verlassen.«

Chance oder »kirchengeschichtlicher Betriebsunfall«?

Doch die Spannungen führten im Februar 1936 zum Bruch der Bekennenden Kirche. Martin Niemöller, Dahlemer Pfarrer und Leiter des Pfarrernotbunds, warf Meiser, Wurm und Marahrens vor, die Bekennende Kirche nun »glücklich zerschlagen« zu haben, um sich selbst am Leben zu erhalten. Nach dem Krieg wurde die Barmer Theologische Erklärung wieder ein Thema – als es um die Frage ging, wie die Evangelische Kirche in Deutschland aussehen soll. Den konfessionalistischen Lutheranern schwebte eine einheitlich organisierte lutherische Bekenntniskirche unter einer bischöflichen Leitung vor. In der Barmer Erklärung sahen sie einen kirchengeschichtlichen Betriebsunfall.

Die Befürworter von Barmen um Karl Barth sahen in der Barmer Erklärung hingegen eine Chance und Verpflichtung. Sie hofften, die evangelische Kirche in Deutschland nach kongregationalistischem Muster als Basisbewegung neu zu bauen (Barmen, 3. These: »Kirche als Gemeinde von Brüdern«). Mit der Grundordnung der EKD 1948 wurde ein Kompromiss gefunden. Artikel 1 bejaht die in Barmen getroffenen Entscheidungen.

Man kann festhalten, dass die Barmer Erklärung trotz aller Streitigkeiten zur Überwindung der innerprotestantischen Kirchentrennung beigetragen hat. Die mit der Leuenberger Konkordie 1973 erreichte Kirchen- und Abendmahlsgemeinschaft von Reformierten und Lutheranern hat durch Barmen einen wichtigen Impuls erhalten. Die evangelischen Konfessionen unterscheiden sich noch, aber sie sind nicht mehr getrennt.

Wenn nun in Bayern Barmen auf der Tagesordnung steht, geht es um mehr als um museales Erinnern, mehr als um eine späte Verneigung vor einem mutigen Kirchenwort. Es geht um das Heute, das Gewahrwerden der mühsamen Arbeit von Bekennen und Verwerfen, von Glaube und Kritik – immer in der Hoffnung auf bessere Wege, immer auch mit dem Risiko des Scheiterns, aber in der Gewissheit, auch dann gehalten zu sein.

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