09.02.2017
Landesbischof fordert neue Finanzarchitektur

Freihandel darf nicht zur Religion werden

Regensburg — 
Die wenigsten wissen, dass der Reformator Martin Luther auch ein dezidiert ökonomischer Denker war. Luthers wirtschaftsethische Schriften stellte Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm bei einem Vortrag an der Universität Regensburg vor - um sich auch gleich auf sie zu berufen und weltweit eine neue und gerechtere Finanzarchitektur zu fordern.
Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm an der Universität Regensburg
Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm an der Universität Regensburg.

Für Luther seien zwei Dinge untrennbar miteinander verbunden gewesen, der Glaube an Gott und die Liebe zum Nächsten. Und das habe er auch auf das Wirtschaftsleben bezogen, sagte Bedford-Strohm, der sich in seiner Studienzeit in Berkeley/USA mit Luthers Schrift »Von Kaufshandlung und Wucher« aus dem Jahr 1524 auseinandergesetzt hat. Diese Schriften seien bislang weitgehend unentdeckt, aber bis heute erstaunlich aktuell, erklärte Bedford-Strohm.

Luther kritisierte darin zum Beispiel bestimmte Praktiken der multinationalen Handelsgesellschaften seiner Zeit, die auch heute bekannt sind wie Monopolisierung, Kartellbildung oder spekulative Termingeschäfte. Es könne nicht sein, so Luther, dass in diesem neuen Finanzsystem des Frühkapitalismus die Schwachen unter die Räder kommen. Deshalb habe er laut und deutlich protestiert, wo er den Eindruck hatte, dass die Mächtigen ihre Macht missbrauchen und die Schwachen zugrunde gehen.

 

Hörfunkbeitrag der efa (Evangelische Funk-Agentur): Bedford-Strohm über Luthers Verhältnis zum Geld von Hubert Mauch

 

Heute seien diese Fragen wichtig, wenn es darum gehe, wie sich die afrikanischen Staaten im weltweiten Freihandel behaupten können. »Freihandel kann kein Dogma sein, das man wie eine Religion vor sich herträgt. Wenn etwa Märkte in bestimmten Ländern so schwach sind, dass starke Wirtschaftsakteure von außen die Entwicklung eines Markts im Inneren im Keim ersticken, heißt Freihandel letztlich, dass diese Länder nie eine Chance bekommen, eine eigene Wirtschaft zu entwickeln«, sagte Bedford-Strohm. Deswegen mache es durchaus Sinn, für wirtschaftlich schwächere Länder gewisse Schutzzonen zu erlauben.

Luther als Globalisierungskritiker

Bedford-Strohm bescheinigte dem Reformator »eine tiefe Sensibilität für die Bedeutung von Machtungleichgewichten«, aber auch die Verquickung von Wirtschafts- und politischer Macht habe Luther erkannt. Er habe zum Beispiel gefragt, wie ein Mensch so reich werden könne, dass er Könige und Fürsten aufkaufen könne. Auch große Einkommensunterschiede seien für Luther nur dann berechtigt, wenn sie auch dem einfachen Arbeiter begründet werden können. »Hinter großem materiellem Reichtum muss immer Leistung und Arbeit stehen«, schrieb er.

Wenn Luthers Grundgedanken ernst genommen würden, dass Geld nie Selbstzweck sein dürfe, dass es nie darum gehen dürfe, Geld bloß anzuhäufen, ohne dass es dem Menschen dient, »dann muss eine Finanzarchitektur entwickelt werden, die es ermöglicht, dass auch die schwächsten Länder davon profitieren und Armut überwunden wird«, forderte der Landesbischof.

Schon Luther habe sich gegen eine Orientierung des Preises am Markt gewendet, weil es anderen gegenüber unverantwortlich sein könne. Als Beispiel nannte der Landesbischof eine Studentenwohnung, die zu vermieten sei. »Wem gibt man die Wohnung? Dem, der am meisten zahlt, oder dem, der sonst keine Chance hat«, fragte er.

Grundsätzlich sieht Bedford-Strohm eine ethische Grundorientierung der Wirtschaft im Modell der sozialen Marktwirtschaft umgesetzt. Durch sie seien Regeln gegeben, die Ungleichgewichte verhindern sollen. Der Schwache erhalte nicht das, was das Wachstum übrig lasse, sondern Schwächere würden ins System mit eingebaut.

In Zukunft werde es aber darum gehen, diese Grundgedanken »auf nationaler, europäischen und auf der Ebene der Weltwirtschaft« zur Geltung zu bringen, erklärte Bedford-Strohm. Dafür müsste weltweit eine entsprechende Institution gefunden werden, die den Finanzsystemen eine Orientierung geben könne.

Auch zu seinem persönlichen Umgang mit dem Geld hatte Bedford-Strohm etwas zu sagen: »Ich gebe von meinem Einkommen zu einem gewissen Prozentsatz weiter.« Der Landesbischof unterstützt Projekte in Ruanda, die dazu beitragen, dass Menschen dort Hilfe zur Selbsthilfe bekommen. »Denn«, so Bedford-Strohm, »wer nicht am Geld klebt, wer teilen kann, der ist am Ende der glücklichere Mensch.«

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