23.08.2017
Kirche und NS-Zeit

Herxheim - was tun mit der evangelischen Hitlerglocke?

Herxheim am Berg — 
Was ist der richtige Umgang mit einer Kirchenglocke mit Hakenkreuz und der Zeile »Alles für‘s Vaterland – Adolf Hitler«? Schon seit mehreren Monaten wird darüber in der rheinland-pfälzischen Kirchengemeinde Herxheim am Berg diskutiert, mittlerweile berichten sogar schon Medien im Ausland über die Geschichte. Am Montag, 28. August will der Gemeinderat über die Zukunft der Glocke beschließen.
»Alles für's Vaterland - Adolf Hitler« steht zusammen mit einem Hakenkreuz auf einer Glocke in der Herxheimer protestantischen Kirche.
»Alles für's Vaterland - Adolf Hitler« steht zusammen mit einem Hakenkreuz auf einer Glocke in der Herxheimer protestantischen Kirche.

 

Ins Rollen gebracht hatte die Geschichte im Mai Organistin Sigrid Peters aus dem benachbarten Weisenheim am Berg. Ein Bekannter hatte über Hinweise in einem Archiv von der Glockeninschrift im Turm von St. Jakob in Herxheim am Berg erfahren. Peters reagierte empört. Es sei entsetzlich, dass sie dort in der Kirche Dietrich Bonhoeffers »Von guten Mächten« gespielt habe, während im selben Gottesdienst diese Glocke im Turm geläutet habe. Dabei habe Hitler persönlich Bonhoeffers Ermordung angeordnet. Peters forderte im Zuge der Diskussion um Wehrmachtsdevotionalien in Kasernen ein Abstellen der Glocke, zumindest aber eine Hinweistafel in der Kirche.

 

Die evangelische Kirche St. Jakob im pfälzischen Herxheim, in deren Turm die Hitlerglocke hängt.
Die evangelische Kirche St. Jakob im pfälzischen Herxheim, in deren Turm die Hitlerglocke hängt.

 

Keine bewusste Verheimlichung der Glocke

Pfarrer Helmut Meinhardt bezog daraufhin Stellung, genauso wie die Kommune als Inhaberin der Glocke. Die Aufschrift sei ein Ärgernis, sagte er. Gleichzeitig sei die Glocke aber auch ein Zeitdokument. »Ich habe innerlich die Glocke entnazifiziert«, erklärte der Pfarrer. Als Vorsitzender des Vereins für Pfälzische Kirchengeschichte ist ihm die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in Kirchengemeinden ein Anliegen. Meinhardt entschied, die Glocke weiter klingen zu lassen. Schließlich schwinge in dem »Mahnläuten« eine Zeile aus der Barmer Theologischen Erklärung mit: »Wir verwerfen die falsche Lehre ...«

Rückendeckung bekommt er von der Glockensachverständigen der pfälzischen Landeskirche, Birgit Müller. Sie unterstützt Meinhardts Argumentation und nennt einen weiteren Grund. Ohne die umstrittene Glocke sei der Klang des Geläuts nicht zu ertragen. »Das hören Sie sich maximal zwei Minuten an.«

Ortsbürgermeister Ronald Becker geht noch einen Schritt weiter. Die Glocke solle nicht nur hängenbleiben, spezielle Hinweise zu deren Geschichte seien ebenfalls nicht sinnvoll. »Wir wollen das in Herxheim nicht besonders herausstellen.« Schließlich habe sich bei ihm noch nie jemand über die Glocke beschwert. Und eine Nazi-Kultstätte sei das letzte, was die Kirchengemeinde wolle. Der Gemeinderat werde sich deshalb auch nicht damit beschäftigen.

 

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Historische Debatte um Hitlerglocke

Doch das Thema schlägt Wellen, trifft einen Nerv. In Leserbriefen in der Lokalpresse wird seit Wochen eine Auseinandersetzung mit der Glocke, ja mit der ganzen Ortsgeschichte zur Zeit des Nationalsozialismus gefordert. Andere verweigern sich einer Diskussion und raten per Facebook dazu, doch gleich alle Autobahnen abzureißen, wenn man sich am Geläut störe. Radio- und Fernsehsender rückten in dem kleinen Weinort an und führten Interviews.

Focus, Stern und Spiegel berichteten. Dazu trägt bei, dass die Glocke in ihrer Art offenbar die einzig erhaltene im gesamten südwestdeutschen Raum ist, bestätigt die Glockensachverständige, die für gleich mehrere Bistümer und Landeskirchen tätig ist. Leider trägt der Auftritt des Herxheimer Bürgermeisters bei stern TV nicht zu dessen Plan bei, die Wellen zu glätten. »Die Gemeinde steht voll hinter der Glocke und ihrer Inschrift«, sagte er etwas unglücklich formulierend in laufende Kameras. Allerdings kündigte er nun doch eine Gemeinderatssitzung zum Thema an.

Zeitgleich trat das Presbyterium der Kirchengemeinde kursierenden Gerüchten entgegen, man habe die Glocke bisher bewusst verheimlicht. In einer Stellungnahme heißt es, das Pfarramt habe bereits 2011 auf deren Existenz hingewiesen. Sie habe ihren Erhalt der Tatsache zu verdanken, dass sie die kleinste dreier Glocken war, die 1942 für die Kriegsindustrie eingeschmolzen werden sollten. So durfte sie als Polizeiglocke hängenbleiben.

Das Presbyterium empfahl daher der Kommune, durch die Glockensachverständige die Denkmalwürdigkeit der Glocke prüfen zu lassen. Die Presbyter distanzierten sich noch einmal deutlich von der Inschrift und kritisierten zugleich die »Enthüllungsstory« vieler Medien.

Ins gleiche Horn stieß die Mehrheit der Ratsmitglieder in Herxheim. Viele sprachen sich dafür aus, den Turm künftig ganz verschlossen zu halten. Dieser sei im Augenblick ohnehin offiziell wegen brütender Vögel gesperrt, sagt der Bürgermeister. Außerdem sollen künftig Aufnahmen von der Glocke unterbleiben. Beschlüsse dazu gab es in der Sitzung allerdings nicht, auch nicht zum empfohlenen Gutachten zur Denkmalwürdigkeit.

Landeskonservatorin: Kirche ist Kulturdenkmal

Allerdings erklärte Roswitha Kaiser, die Landeskonservatorin der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz als zuständiger Behörde in Mainz, bereits, dass es nicht unwahrscheinlich ist, dass die Glocke hängenbleiben müsse. Zwar tauche die Glocke in den Akten nicht auf, sagt sie. Allerdings sei die Jakobskirche als Kulturdenkmal geführt – was in der Regel mit der Kirche verbundene Gegenstände mit einschließe. So oder so plädiert sie für ein Hängenlassen des »Zeitdokuments«, auch wenn es schmerzlich sei. Natürlich sei ein »gewisses Wallfahrtsmoment« für Rechtsradikale gegeben. Aber ein Hinweis in der Kirche? Warum nicht.

Egal wie das Gutachten ausgeht, zu dem es laut Bürgermeister am 28. August einen Beschluss geben soll, die Diskussion in der Gemeinde wird weitergehen. Sollte die Glocke hängenbleiben müssen, ist wieder die Kirchengemeinde am Zug, der das Läuten obliegt. Pfarrer Helmut Meinhardt hat sich so oder so zu einem Hinweis im Kirchenschiff entschlossen. Und auch auf der Homepage der Kirchengemeinde ist die Geschichte der Glocke zu lesen. Selbstkritisch und distanziert informieren, »keine Furcht davor haben«, Verantwortung für ein fragwürdiges Erbe übernehmen, diese Haltung empfahl zuletzt im Falle Herxheims auch der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland, Johann Hinrich Claussen. In jedem Fall ist die Hitler-Glocke eine Herausforderung für alle Beteiligten.

 

Glockenläuten der evangelischen Kirche St. Jakob in Herxheim (Pfalz) mit »Hitlerglocke«

KOMMENTAR

»Alles für’s Vaterland – Adolf Hitler« steht zusammen mit einem Hakenkreuz auf der Kirchenglocke, die im pfälzischen Herxheim zum Gottesdienst läutet. Wie soll man da Andacht halten und guten Gewissens »Von guten Mächten« des NS-Opfers Dietrich Bonhoeffer singen? Dass eine Organistin da an Streik denkt, ist nachvollziehbar.

Was könnte das heißen, »Verantwortung für ein fragwürdiges Erbe zu übernehmen«, wie es der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland, Johann Hinrich Claussen, den Herxheimern geraten hat? Auf die bösen Medien zu schimpfen, die die Sache »enthüllten«, wird nicht helfen. Nicht sie haben die Sache skandalisiert, die Hitlerglocke selbst ist der Skandal.

Mit der Gemeinderatsentscheidung, die Glockensachverständige der Evangelischen Kirche der Pfalz, Birgit Müller, mit einem Gutachten zu beauftragen, hat Herxheim etwas Zeit gewonnen. Die Glocke hängen lassen, den Turm absperren, auf gnädiges Vergessen hoffen, weiter läuten, und unten die Kirche vielleicht mit einer Hinweistafel versehen, all das kann die dauerhafte Lösung trotzdem nicht sein.

Vielleicht ist es mit der Herxheimer Hitlerglocke ähnlich wie mit der Kunst, die die Nazis den Juden raubten: Solange man nichts wusste (oder wissen wollte), schien alles gut zu sein. Wohlgemerkt: Schien.

Doch Unrecht bleibt Unrecht, und eine den Führer lobpreisende Glocke mit Hakenkreuz bleibt eine den Führer lobpreisende Glocke mit Hakenkreuz.

Wo eine Sache öffentlich wird, kann man die Augen nicht mehr verschließen. Raubkunst gehört ihren Besitzern – und die Hitlerglocke eingeschmolzen und zum Beispiel als Bonhoefferglocke neu gegossen. Oder jedenfalls außer Betrieb genommen und als »Denkmal« musealisiert.

Ein aufrichtiger Umgang mit der Geschichte kostet Mühe, ist manchmal schmerzhaft, und er kostet Geld. Protestanten müssen sich ihn leisten, und sie können ihn sich ihn leisten.

Markus Springer

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