08.09.2017
Kirchenpersonal

Personalchef Helmut Völkel zur kirchlichen Landesstellenplanung 2020 in Bayern

Wenn ein neuer »Landesstellenplan« ansteht, merkt man überall in der Kirche auf – es geht immerhin um die Verteilung der Pfarrstellen im Land. Oberkirchenrat Helmut Völkel ist als Personalchef der bayerischen Landeskirche für das theologische Personal verantwortlich. Im Interview erläutert er, wohin die Reise geht in Sachen »Landesstellenplanung 2020«.
»Mit ganz neuen Formaten und Ansätzen«: Oberkirchenrat Helmut Völkel.
»Mit ganz neuen Formaten und Ansätzen«: Oberkirchenrat Helmut Völkel.

Herr Völkel, Sie bereiten wieder einmal eine neue Landesstellenplanung vor, also die Verteilung von Pfarrstellen in Bayern. Was soll diesmal anders ein?

Völkel: In einer Zeit, in der alles komplexer wird, soll die Landesstellenplanung möglichst einfach und unkompliziert werden. Das bedeutet, dass auch die Formel, nach der die Ressourcen, in diesem Fall die Pfarrer und die theologischen Mitarbeiter, in der Fläche und auf die Gemeinden verteilt werden, vereinfacht wird. Die Wunschvorstellung dabei ist ein »Simplify your Church«.

Wie ändern sich dadurch die Kriterien der Verteilung?

Völkel: Als Hauptkriterium bleibt die Anzahl der Gemeindemitglieder pro Einheit. Eine weit stärkere Rolle soll aber das Thema Fläche spielen, also auf welche räumliche Fläche bezogen sich der Dienst am Evangelium entfalten soll. Der nötige Aufwand der Hauptamtlichen hängt ja stark davon ab, ob sie in einem städtischen Umfeld, auf dem Land oder in einer ausgeprägten Diasporafläche tätig sind. Bei diesen Planungen kann die Kirchenleitung nur die Rahmenbedingungen setzen, also die finanzierbaren Kontingente an Stellen vorgeben, sollte sich aber ansonsten aus diesen Prozessen raushalten. Die konkrete Planung und Verteilung muss dann in diesen kirchlichen Räumen laufen.

Wie könnten denn diese Räume aussehen?

Völkel: Neben dem Dekanatsbezirk und der einzelnen Kirchengemeinde muss es flexiblere Strukturen geben. Man muss über den Tellerrand der eigenen Gemeinde- bzw. Dekanatsstruktur hinausschauen und den gesamten Sozialraum mit seinen spezifischen Herausforderungen in den Blick bekommen, denen sich die Kirche vor Ort stellen muss. Wenn sie gemeinsame Interessen und Anforderungen haben, können sich beispielsweise mehrere Kirchengemeinden zu einem Verbund, also zu einer neuen Planungsebene, zusammenschließen. In den größeren Dekanaten können Subregionen entstehen. Die rechtliche Möglichkeit dazu bietet eine Überarbeitung der Kirchengemeindeordnung, die Oberkirchenrat Hübner der Landessynode vorlegen will.

Ein Dekanatsausschuss kann nicht die Summe der Egoismen der Kirchengemeinden sein.

Helmut Völkel

In der Praxis läuft das auf eine Stärkung der Mittleren Ebene im weiten Sinne hinaus.

Völkel: Natürlich. Die Verantwortung muss noch konsequenter als bisher auf diese Ebene, also die Dekanatsbezirke, übergehen, die am besten wissen, wo die Bedarfe sind und wo sie künftig Schwerpunkte setzen müssen. Damit soll auch die Kreativität und die Bereitschaft gefördert werden, neue Wege zu gehen. Die kommende Landesstellenplanung soll ausdrücklich auch eine Lizenz zum Ausprobieren sein. Dabei liegt mir sehr am Herzen, dass die jungen Leute wieder stärker in den Blick kommen – auch mit ganz neuen Formaten und Ansätzen. Es wird verstärkt die Aufgabe der Mittleren Ebene sein, in ihrem Verantwortungsbereich das je eigene Profil zu finden und sowohl Prioritäten als auch Posterioritäten kirchlicher Arbeit zu finden und festzulegen.

Was bedeutet das für die bisherige parochiale Struktur? Tun sich da neue Gräben zwischen den verschiedenen Ebenen auf?

Völkel: Der mitunter ja auch instrumentalisierte Gegensatz zwischen Gemeinde und überparochialen Formen des kirchlichen Diensts ist der völlig falsche Ansatz, er führt nicht weiter und schon gar nicht in die Zukunft. Es geht vielmehr um das sinnvolle Verhältnis Mensch-Raum-Gebäude. Wir werden künftig weniger Gemeindemitglieder und weniger Pfarrer haben, weshalb auch der Raumbedarf zurückgehen wird. Hinter allen Überlegungen steht die Frage, wie die künftigen Bedarfe sein werden und mit welchen Ressourcen sie bearbeitet werden können. Dadurch bekommen auch die Regionalen Einsatzstellen (RE-Stellen) ein neues Gewicht. Während sie bisher oftmals nur als Notnagel gesehen wurden, um Löcher im Gemeindepfarrdienst zu stopfen, sollen sie in Zukunft bewusst eingesetzt werden, um neue Schwerpunkte zu setzen und neue Formate zu schaffen – etwa im Seniorenbereich und vor allem in der Jugendarbeit. Grundsätzlich geht es auch künftig um eine größtmögliche Gerechtigkeit bei der Verteilung der Personalstellen, wobei allerdings die finanziellen Mittel der Kirche wie alles auf dieser Welt endlich sind.

Die Verantwortlichen auf der Gemeindeebene müssen dann aber über den eigenen Kirchturm hinausdenken.

Völkel: Das ist zwangsläufig die Voraussetzung. Ein Dekanatsausschuss etwa kann nicht die Summe der Egoismen der Kirchengemeinden sein. Wer in diesem Gremium sinnvoll mitarbeiten will, kann sich deshalb nicht allein auf die Order seines Kirchenvorstands zurückziehen. Damit wir auch in Zukunft möglichst kraftvoll das Evangelium zu den Menschen bringen können, sollte auch in der Kirche der berühmte Ausspruch Kennedys gelten, nicht ausschließlich an sich selbst zu denken, sondern daran, was man für das große Ganze tun kann – in unserem Fall eben die Kirche. Aber wie gesagt, bei der Landesstellenplanung stehen wir erst ganz am Anfang.

Wie passt die neue Landesstellenplanung in den übergreifenden kirchlichen Reformprozess »Profil und Konzentration« (PuK)?

Völkel: Die Landesstellenplanung ist eine Konkretisierung von PuK, weil wir durch die Verteilung der Ressourcen Kirche in neuen Räumen denken, in denen wir unsere Angebote konzentrieren und damit auch effizienter werden. Außerdem ist PuK der übergreifende Rahmen für alle Reformprozesse, die gerade unterwegs sind, wie etwa die Verwaltungsreform oder das Immobilienkonzept. Diese einzelnen Prozesse haben durch PuK einen gewaltigen Schub bekommen, allein schon, weil die Verantwortlichen der einzelnen Prozesse in ständigem Kontakt und Austausch stehen, die Kommunikation also wesentlich intensiver geworden ist. Darüber hinaus sehe ich PuK aber auch als ein großes Aktivierungsprogramm für alle in der Kirche. Wer etwas bewegen will, muss sich auch selbst bewegen.

Im Schnitt kommen laut Landesstellenplanung 2010 rund 1.545 Gemeindeglieder auf einen Pfarrer. Das ist auch im EKD-Vergleich eine sehr vernünftige Relation.

Helmut Völkel

Ziel der Verwaltungsreform war aber auch, dass die Pfarrer, die häufig unter wachsender Bürokratie leiden, wieder mehr Zeit und Kraft für theologische Kernaufgaben haben.

Völkel: Die Überlastungsphänomene, die ich ja gar nicht wegdiskutieren will, muss man differenziert sehen. In der nächsten Zeit werden deutlich mehr Pfarrer und Pfarrerinnen in den Ruhestand gehen, als Berufsanfänger nachkommen werden.

Das wird aber zumindest relativiert, weil auch die Zahl der Kirchenmitglieder zurückgeht. Man muss also zwei Kurven übereinanderlegen. Wenn man die Vakanz-Quote ansieht, die inzwischen unter vier Prozent liegt, ist die Situation der Pfarrer sogar besser geworden. Natürlich gibt es auch jetzt noch hier und da unbesetzte Stellen. Dabei handelt es sich aber in erster Line um eine Rotationsvakanz. Hätten wir diese Marge nicht, wären die Pfarrer und Pfarrerinnen auf ihren Stellen geradezu einbetoniert und es würde viel zu wenige Personalveränderungen geben. Im Schnitt kommen laut Landesstellenplanung 2010 rund 1.545 Gemeindeglieder auf einen Pfarrer. Das ist auch im EKD-Vergleich eine sehr vernünftige Relation.

Neben der Personaldichte geht es aber vor allem um die Haltung der einzelnen Pfarrerin, des einzelnen Pfarrers. Wer in der Lage ist, konsequent Aufgaben und damit auch Verantwortung dahin zu delegieren, wo sie auch hingehören, etwa an die Verwaltungsstellen, bekommt den Rücken frei für Kernaufgaben. Eine wichtige Entlastung können auch Pfarramtssekretärinnen mit geschäftsführenden Funktionen sein, weil dann manche Vorgänge gar nicht mehr auf den Schreibtisch des Pfarrers kommen.

Gibt es noch Problemregionen in Bayern, die bei den Pfarrern weniger attraktiv sind?

Völkel: Ausgesprochene Problemzonen, wie es früher fast schon klischeehaft Oberfranken, Unterfranken oder die Oberpfalz waren, gibt es heute so nicht mehr. Wir erleben eher den neuen Trend, dass junge Pfarrer, die Familie und Kinder haben, aufs Land wollen, weil da einfach die Lebensqualität größer sein kann.

Wie ist es um den Pfarrernachwuchs bestellt?

Völkel: Die Anwärter-Liste für das geistliche Amt führt derzeit 420 Studierende. Das ist auch im EKD-Vergleich ein sehr guter Wert. Zusätzlich entwickeln wir gerade auf EKD-Ebene die Kampagne »Das volle Leben«, mit der wir intensiv für den Pfarrberuf werben wollen. In unserer Landeskirche haben wir vor Kurzem zu einem Schnupperwochenende fürs Theologiestudium mit dem Motto »Die Wissenschaft vom lieben Gott« eingeladen. Dazu kamen 26 Schüler an die Augustana-Hochschule, eine sehr erfreuliche Resonanz. Ebenso erfreulich ist, dass wir im letzten Jahr 50 Vikarinnen und Vikare in den Pfarrdienst übernehmen konnten. Das ist der Durchschnitt der letzten Jahre, der durch die Übernahme von Pfarrerinnen und Pfarrern aus anderen Landeskirchen zu ergänzen ist.

Für die Ausbildung scheint aber auch das Ambiente wichtig zu sein. Der Leiter des Nürnberger Predigerseminars hat deutlich dafür plädiert, seine idyllisch gelegene Einrichtung nicht in das funktionale Bürogebäude zu verlagern, das die Landeskirche kürzlich in Nürnberg erworben hat.

Völkel: Diese Diskussion um das Gebäude greift dem tatsächlichen Sachstand weit voraus. Denn diese Immobile haben wir erst einmal als Ertragsobjekt erworben, um unsere Verpflichtungen, etwa für die Altersbezüge unserer Pfarrer, finanzieren zu können. Sollte sich die Ertragsimmobilie in Richtung einer Dienstimmobilie entwickeln, bräuchte es dafür selbstverständlich ein Konzept. Im Augenblick jedenfalls gibt es dafür noch keine Grundlage, weshalb ich es für verfrüht halte, definitiv zu sagen, was geht bzw. nicht geht, und dadurch Nutzungsmöglichkeiten auszuschließen.

Für die Ausbildung der Pfarrer sollten wir keinen Gegensatz zwischen idyllischer Abgeschiedenheit und umtriebiger Welt konstruieren. Denn den Pfarrberuf macht beides aus, sich und anderen Räume der Ruhe und der Stille zu eröffnen, aber sich auch in einem Alltag zu bewähren, der von lauten Tönen erfüllt ist.

Eine ganz andere Frage ist, ob die Evangelische Hochschule in dem neuen Gebäude unterkommen kann. Sie war ursprünglich auf 800 Plätze angelegt, hat heute fast doppelt so viele Studenten, platzt aus allen Nähten und braucht dringend mehr Raum.

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