07.05.2017
Nebelkerzen eines Berufszeitzeugen

Ausstellung des Doku-Zentrums Nürnberg zur zweiten Karriere der Hitlerarchitekten Albert Speer

»Von den scheußlichen Dingen habe ich nichts gewusst«: Nach seiner Entlassung aus der Spandauer Haft sagte Hitlers Architekt Albert Speer nichts anderes als die meisten Deutschen nach dem Krieg. Er strickte erfolgreich an der Geschichte des von Hitler verführten, unpolitischen Technokraten und machte als Berufszeitzeuge eine zweite Karriere. Eine sehenswerte Ausstellung des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände in Nürnberg widerlegt anhand über Jahrzehnte gesammelter Forschungsergebnisse Speers Legende.
Blick in die Ausstellung »Albert Speer in der Bundesrepublik« im Nürnberger Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände.
Blick in die Ausstellung »Albert Speer in der Bundesrepublik« im Nürnberger Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände.

»Albert Speer in der Bundesrepublik« lautet der nüchterne Titel der Ausstellung; ihr Untertitel »Vom Umgang mit deutscher Vergangenheit« präzisiert, um was es eigentlich geht: Albert Speer war nicht nur verantwortlich für Nazi-Hinterlassenschaften wie das ehemalige Reichsparteitagsgelände, auf dem mit der Kongresshalle das Gebäude steht, in dessen Nordflügel das Doku-Zentrum untergebracht ist. In nahezu kriminalistischer Weise beleuchtet die Ausstellung eher die zweite Karriere Speers als Autor und den oft arglosen Umgang der Öffentlichkeit mit den »alternativen Fakten«, derer sich der »Berufszeitzeuge« gerne bedient hat.

Speer war 1946 vom Nürnberger Militärgerichtshof wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 20 Jahren Haft verurteilt worden und machte nach seiner Entlassung in der Bundesrepublik als Buch­autor von sich reden. Als ehemaliger Rüstungsminister und einer der engsten Vertrauten Hitlers inszenierte er sich als Geläuterter und trug seine Legende als angeblich unwissender Technokrat in die bundesdeutsche Öffentlichkeit.

Skrupelloser Narzisst

Speer erscheint als gewissenloser Narzisst, der skrupellos mit Geschichtsklitterung und seinen Büchern Kasse machte. Die Ausstellungsmacher zeichnen die kalkulierten Täuschungen des 1981 in London während einer Interview-Reise gestorbenen Architekten nach. Das Angebot der Speer-Legenden sei zur Entschuldung einer ganzen Nation aber auch gerne angenommen worden, erklärt Ingrid Bierer, Direktorin der Museen der Stadt Nürnberg.

 

Seine öffentliche Neuinszenierung begann Albert Speer bereits im Nürnberger Prozess. Sein Schlusswort begann er mit den Worten: »Herr Präsident, meine Herren Richter! Hitler und der Zusammenbruch seines Systems haben eine ungeheure Leidenszeit über das deutsche Volk gebracht. Die nutzlose Fortsetzung dieses Krieges und die unnötigen Zerstörungen erschweren den Wiederaufbau. Entbehrungen und Elend sind über das deutsche Volk gekommen. Es wird nach diesem Prozess Hitler als den erwiesenen Urheber seines Unglücks verachten und verdammen. Die Welt aber wird aus dem Geschehenen lernen, die Diktatur als Staatsform nicht nur zu hassen, sondern zu fürchten...«

 

»Wir wollten eine Ausstellung über Speer ohne Speer machen«, sagt Alexander Schmidt, der gemeinsam mit Martina Christmeier das Projekt leitet. Blickt man auf die riesige Installation »Lebens-Tonband« gleich am Eingang, scheint dieses Ansinnen gründlich misslungen zu sein: Hier stehen die fünf Buchstaben des Namens »Speer« überlebensgroß wie ein Zelt angeordnet, innen werden Originalaufnahmen in Ton und Bild gezeigt. Und doch ist das Bild stimmig, denn diese Parabel auf die »Marke Speer« gehört einfach zum Gesamtverständnis dieser Ausstellung, die eigentlich ein inhaltsvoll-didaktisches Kunstprojekt ist.

Im zweiten Teil werden in einer Themeninsel zahlreiche Ausgaben der Bücher Speers aneinandergereiht. Schautafeln zeigen das Netzwerk an Helfern, das sich der Architekt während seines Gefängnisaufenthalts in Spandau, aber auch danach aufgebaut hat. Manche, wie der Verleger Wolf Jobst Siedler, witterten das große Geschäft mit den Memoiren Speers. Überraschend ist die kritiklose Anerkennung durch Simon Wiesenthal, den »Nazi-Jäger« und Adolf-Eichmann-Überführer, der Speer gegenüber jüdischen Kritikern entlastet hatte.

Dass Speer damit durchkam, macht fassungslos

Bei einer dritten Station werden unter der Überschrift »Wartende Experten« auf Bildschirmen Historiker eingeblendet, die sich in den letzten Jahren mit der Rolle Speers befasst haben. Mit dabei sind auch »Speer und Er«-Regisseur Heinrich Breloer oder Autor Magnus Brechtken. Auf Knopfdruck beantworten diese Experten dann Fragen wie »Ist Speer ein Verbrecher?« oder »Wie wurden seine Fälschungen aufgedeckt?«.

 

Blick in die Ausstellung »Albert Speer in der Bundesrepublik« im Nürnberger Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände.
Mit Geschichtsklitterung und Büchern Kasse gemacht: Blick in die Ausstellung »Albert Speer in der Bundesrepublik« im Nürnberger Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände.

Heute ist bewiesen, dass Albert Speer als einer der Haupttäter des nationalsozialistischen Regimes maßgeblich an der Judenverfolgung und an den Verbrechen in den Konzentrationslagern beteiligt war. So geht es beispielsweise auf seine Initiative zurück, dass KZ-Häftlinge in Steinbrüchen unter unmenschlichen Bedingungen Granit für die Großbauten des »Dritten Reichs« abbauen mussten – Tausende gingen dabei elend zugrunde.

»Der Typus Speer ist nach wie vor aktuell«, meint Museumsleiter Florian Dierl, der den Architekten als Teil einer »bürgerlichen Funktions­elite« versteht, wie er auch heute noch bei Managern beispielsweise zu finden sei. Dass die Öffentlichkeit mit Speer zu dessen Lebzeiten so unkritisch umging, liege zum einen daran, dass viele Deutsche die Nürnberger Prozesse noch als Siegerjustiz empfunden hätten und die Generation der »Täter« noch immer in Amt und Würden war, als Speer Ende der 1960er-Jahre seine mediale Zweitkarriere startete. Erst 1982, ein Jahr nach seinem Tod, seien erste Publikationen öffentlich wahrgenommen worden, die das Bild, das Speer von sich selbst gezeichnet hatte, mit Fakten widerlegten. »Heute weiß man, es gibt keine besseren Nazis«, so Dierl. Dass Speer »20 Jahre lang bis zu seinem Tod mit dieser Nummer durchgekommen« sei, mache das Team von »Mythos Speer« immer noch fassungslos.

In einer Zeit, die von »alternativen Fakten« geprägt sei, solle man die Ausstellung auch als ein Plädoyer für wissenschaftliches Arbeiten verstehen, meint Martina Christmeier. Zudem sei dieser wichtige Teil der Rezeption des Nationalsozialismus nach 1945 bisher in der Dauerausstellung des Museums nicht vorgekommen und daher »überfällig«.

INFO

Die Ausstellung »Albert Speer in der Bundesrepublik« ist noch bis 26. November im Nürnberger Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände (Bayernstraße 110) zu sehen.

Im Internet unter museen.nuernberg.de/dokuzentrum

Hitlers Helfer: »Der Architekt« - Guido-Knopp-Dokumentation aus dem Jahr 1996 (Teil 1).
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Sonntagsblatt