03.12.2017
Münchner Krippenfreunde

Ausstellung zeigt Krippen von mini bis monumental

München — 
Vom 7. bis 26. Dezember präsentiert der 1917 gegründete Verein »Münchner Krippenfreunde« seine Jubiläumsausstellung in der Rathausgalerie in München. Aber wo lagern die Schätze den Rest des Jahres? Im Kirchenkeller von St. Theresia wird man fündig: Ein paar unscheinbare Betonstufen führen hinunter ins Krippenparadies.
Annette Krauß von den Münchner Krippenfreunden.
Annette Krauß mit dem »blauen König« aus der »Schachinger Krippe« in der Vereinswerkstatt der Münchner Krippenfreunde.

Auf dem Tisch in der Teeküche stapeln sich knorrige Wurzeln und halbfertige Holzställe. Aus den Säcken auf der Eckbank lugen Gestrüpp und getrocknete Kräuter heraus. Auch Annette Krauß hat ein paar davon aus ihrem Sommerurlaub in Südfrankreich mitgebracht. »Es sieht einfach originalgetreuer aus, wenn man die Krippenlandschaft mit echten Pflanzen gestaltet«, sagt die 2. Vorsitzende der Münchner Krippenfreunde. Und zu gestalten ist in den nächsten Wochen einiges: 100 Krippen zeigt der Verein in seiner Jubiläumsausstellung zum 100. Geburtstag in der Münchner Rathausgalerie.

Truhenkrippe aus Tirol, Ende 19. Jahrhundert.
Die Jubiläumsausstellung der Münchner Krippenfreunde zeigt über 100 Krippen aus 300 Jahren. Zum Beispiel diese »Krippe to go«: Tragekästchen aus Tirol (Ende 19. Jahrhundert) mit Figuren aus der Wachszieherei Ebenböck.
Bayerische Krippe (um 1965) von Georg Spiegler.
Georg Spiegler war in den 1960er-Jahren Mitglied der Krippenfreunde und hat oft märchenhafte Krippenszenen gebaut.
»Blauer König« aus der Schachinger-Krippe.
Besonders stolz sind die Krippenfreunde auf ihre Monumental-Krippe der »Stiftung Schachinger« mit Figuren aus 200 Jahren: Hier der »Blaue König« und sein Gefolge.
Kinderkrippe aus Modelliermasse.
Es geht aber auch einfacher: Eine Kinderkrippe mit Figuren aus Modelliermasse steht im Kinderbereich der Ausstellung, wo kleine Gäste mit einer Playmobil-Krippe spielen können.
Trümmerkrippe aus Papier.
Zeitzeuge ist diese »Trümmerkrippe« aus Papier von 1945, die Jesu’ Geburt ins Nachkriegs-München verlegen.
Miniatur-Felskrippe.
Von besonderer Fingerfertigkeit zeugt Martin Reicharts Miniaturkrippe: Auf einem 25 Zentimeter hohen Felsbrocken hat der Bildhauer aus Starnberg die Weihnachtsgeschichte inszeniert.
Verkündigungsszene.
Eine moderne Anmutung hat Thomas Hubers »Verkündigung an Maria«: Die Szene ist aus Styrodur, Karton und Modelliermasse gefertigt und farbig gefasst. Alle Krippen sind in der Jubiläumsausstellung in der Münchner Rathausgalerie vom 7. bis 26. Dezember zu sehen.

Münchner Krippenfreunde zeigen Schnitzereien aus 200 Jahren

Von der Miniaturkrippe bis zur Monumentalszene auf fünf Metern, vom alpenländischen Idyll bis zur orientalischen Geburtshöhle, von der tansanischen Krippe bis zur Stein-Krippe aus Irland reicht die Bandbreite der Ausstellung. Besonders stolz sind die Krippenfreunde auf ihre wertvolle »Schachinger Krippe« mit Schnitzarbeiten berühmter Krippenkünstler aus 200 Jahren. Es geht aber auch kleiner: Annette Krauß klappt eine kleine Truhe voll sorgsam eingepackter Wachsfiguren auf: »Das ist eine Krippe to go aus Tirol«, erklärt sie und setzt ein paar Schäfchen hinter den Zaun, der auf die Innenseite der Klappwand montiert ist – ein frühes Stück Pop-up-Kunst, wenn man so will.

Noch mehr Krippenfiguren verbergen sich in durchnummerierten Kisten in den Wandschränken der Vereinswerkstatt. Die Räume, die sich treppauf, treppab durch den Kirchenkeller schlängeln, sind vollgepackt mit Brettern, Styrodurplatten, kistenweise Tannenzapfen, Stöckchen, Zweiglein, Kieselsteinchen. Eine Geheimtür führt zu einer verwinkelten Kammer, auf deren Regalen Pigmente zum Färben des Krippenmörtels Spalier stehen. »Selbst eine Schneekrippe strahlt schließlich nicht Alpina-weiß«, sagt Krippenexpertin Krauß trocken. Das Herz des Krippenparadieses ist die Werkstatt selbst: Hier versammeln sich zweimal im Jahr Krippenliebhaber, um einen Stall oder eine Höhle für ihre noch unbehausten Krippenfiguren zu bauen.

München spielt für Krippenszene besondere Rolle

Kunsthistorikerin Krauß kennt die Krippentradition aus ihrer Kindheit. »Für meinen Vater gehörte, obwohl er evangelisch war, eine Krippe zur Familie dazu.« Richtig mit dem »Krippenvirus« infiziert hat sie sich aber erst vor zehn Jahren. Im Winter 2007 nahm sie der Mesner von St. Ursula zur Seite, um der Kunsthistorikerin seinen Fund zu zeigen. »Auf dem Tisch in der Sakristei fand ich ein Lazarett von Krippenfiguren«, erinnert sich die Journalistin. Bei näherer Betrachtung beschlich sie das Gefühl, dass sie einen Schatz in Händen hielt. Der Verdacht bestätigte sich: Die Figuren stammten aus der Werkstatt von Sebastian Osterrieder, dem Wiederentdecker der orientalischen Krippentradition. Krauß initiierte eine »Rettungsaktion«. Mithilfe des Ordinariats und zahlreicher Paten aus der Gemeinde konnte die Krippe restauriert werden.

Annette Krauß blieb der Jahreskrippe von St. Ursula treu: Seit zehn Jahren setzt sie die Figuren in immer neuen biblischen Bildern in Szene. »Es ist unglaublich schön, wenn sich die Kinder die Nasen an der Scheibe platt drücken und jede Kleinigkeit entdecken«, sagt sie. München spielt für die Krippenszene eine besondere Rolle: In über 30 Kirchen inszenieren Ehrenamtliche wie Annette Krauss das ganze Jahr über Bilder der Bibel mit beweglichen Figuren in großen Jahreskrippen. »Das gibt es sonst nirgends auf der Welt«, sagt Krauß . Die emotionalen Bilder über Schmerz, Trauer, Liebe und Verrat seien »Szenen unseres Lebens« und sprächen Menschen oft mehr an als Worte. Auch der Kern der Weihnachtsbotschaft lässt sich für Krauß im Krippenbild am besten ausdrücken: »An der Krippe kommen alle zusammen.« Im Falle einer provenzalischen Krippe sind im Stall sogar Katholiken, Lutheraner und Orthodoxe friedlich vereint.

Schild zur Krippenwerkstatt.
Im Kirchenkeller von St. Theresia haben die Krippenfreunde ihr Zuhause.
Material.
In den verwinkelten Räumen stapeln sich Kisten mit Kieselsteinchen und Zweiglein, ...
Styrodur.
... die Regalbretter sind bis unter die Decke voll mit Styrodurplatten, dem Hauptbaumaterial für die Krippen, ...
Regal mit Farben.
... und in einer Geheimkammer stehen Pigmente zum Färben des Krippenmörtels Spalier.
Wurzelstock.
Aus manch knorriger Wurzel aus den bayerischen Voralpen wird später eine orientalische Geburtshöhle.
Material für Ausstellung.
Vor der Jubiläumsausstellung wird die Teeküche zum Materiallager: Krippen und Zweige warten auf den Transport in die Rathausgalerie.

Ausstellung bietet auch Kinderbereich mit Playmobil-Krippe

250 Mitglieder haben die Münchner Krippenfreunde derzeit. Davon sind etwa 50 Aktive, die gerade vor der jährlichen Ausstellung im Rathaus voll im Einsatz sind. »Heuer müssen wir 90 Vitrinen aufstellen, die Leihgaben mit großen Autos abholen, während der Ausstellung präsent sein«, zählt Annette Krauß auf. Trotz der hohen Kosten bleibe der Eintritt aber frei: »Wir wollen, dass sich auch Familien den Besuch der Ausstellung leisten können«, sagt Krauß . Neu bei der Jubiläumsausstellung ist ein eigens konzipierter Rundgang für Kinder, der junge Besucher mit gezielten Fragen an eine Auswahl von Vitrinen lockt, sowie zwei Spieltische mit einer Ostheimer- und einer Playmobil-Krippe.

Für die Lutheranerin Krauß haben Krippen nichts Konfessionelles oder Angestaubtes. Jede Krippe sei, unabhängig von ihrem künstlerischen Wert, ein wertvolles Unikat mit aktueller Botschaft: »Jesus ist heute geboren, er ist mitten unter uns«, fasst Krauss zusammen. Daran erinnern die Krippen – egal, ob sie sich dem Betrachtenden als bayerischer Stall, als orientalisches Gemäuer oder als moderne Szene präsentieren.

Veranstaltungs-Tipp

Krippenfreunde zeigen ihre Schätze

100 KRIPPEN ZUM 100. GEBURTSTAG: Vom 7. bis 26. Dezember zeigen die Münchner Krippenfreunde in der Rathausgalerie im Neuen Rathaus in München (Zugang über Prunkhof/Marienplatz, barrierefrei über Zugang Marienhof) Weihnachtskrippen aus verschiedenen Epochen, Kulturkreisen und Künstlern. Für Kinder bietet die Ausstellung einen eigenen Rundgang. Alle Infos: www.muenchner-krippenfreunde.de

OBERBÜRGERMEISTER DIETER REITER eröffnet die Ausstellung als Schirmherr am Donnerstag, 7. Dezember, um 18 Uhr. Die Veranstaltung ist öffentlich!

ÖFFNUNGSZEIT: Täglich von 10 bis 19 Uhr. An Heiligabend geschlossen. Eintritt frei.

Münchner Krippenfreunde 1917 - 2017

Am 12. November 1917 gründeten 21 Bürgerinnen und Bürger den Verein der »Münchner Krippenfreunde«. Einige der Gründer waren selbst vom Fach: Kunstmaler Theodor Gämmerle setzte die Jahreskrippe in der Bürgersaalkirche mit kunstvoller Lichtregie in Szene; der Bildhauer Sebastian Osterrieder machte sich nach einer Reise ins Heilige Land 1910 als Erneuerer der orientalischen Künstlerkrippe einen Namen; die Krippensammlung von Kommerzienrat Max Schmederer ist eins der Glanzstücke des Bayerischen Nationalmuseums. Sein Todestag jährt sich am 7. Dezember zum hundersten Mal.

Zwei große Ausstellungen organisierten die Krippenfreunde: 1927 und 1932, kurz vor Hitlers Machtergreifung. »Diese Ausstellung war ein Manifest«, sagt Annette Krauß, zweite Vorsitzende des Vereins: »Jesus allein ist Führer, niemand anderes.« Die Krippenfreunde mussten einen Knebelvertrag akzeptieren, der mit sofortiger Räumung drohte, falls Polizei oder Stadt den »Weißen Saal« (das heutige Jagdmuseum) benötigten. Der Mut wurde belohnt: 40.000 Besucher kamen in nur drei Wochen, um die Weihnachts- und Fastenkrippen zu sehen. Die Kriegszeit überdauerte der Verein im Stillen. Ab 1946 lebte das Vereinsleben wieder auf. Heute zählen die Krippenfreunde 250 Mitglieder.

München spielt in der Krippenszene eine besondere Rolle: Über 30 Kirchen zeigen ganzjährige Jahreskrippen, die von Ehrenamtlichen regelmäßig neu in Szene gesetzt werden - »das gibt es sonst nirgends«, sagt Annette Krauß von den Krippenfreunden. Im Gegensatz zur Weihnachtskrippe sind die Figuren einer Jahreskrippe beweglich und können so in immer neuen Bildern arrangiert werden.

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