21.04.2017
Helgoland vor 70 Jahren

»Big Bang« in der Nordsee

Als sich der Rauch legte, war die Südspitze der Insel weg. Helgoländer erinnern an die Sprengung der Befestigungsanlagen nach dem Zweiten Weltkrieg. Jahrelang war das alte Seebad unbewohnbar. Aber der Maulbeerbaum blüht bis heute.
Der »Big Bang« am 18. April 1947 von der Insel Düne aus gesehen: Die Sprengung Helgolands war eine der größten nichtnuklearen Detonationen der Geschichte.
Der »Big Bang« am 18. April 1947 von der Insel Düne aus gesehen: Die Sprengung Helgolands war eine der größten nichtnuklearen Detonationen der Geschichte.

Mit 6700 Tonnen Munition wurde vor 70 Jahren, am 18. April 1947, ein Teil der Nordseeinsel Helgoland gesprengt. Es war die bislang größte nicht nukleare Sprengung. Die Inselbewohner waren zuvor evakuiert worden und erwarteten auf dem Festland mit Bangen die »Stunde X«.

Auch heute noch herrscht weitgehend Unklarheit darüber, ob die Briten lediglich die Befestigungsanlagen oder die gesamte Insel sprengen wollten. Mit einem evangelischen Gottesdienst und einer Kranzniederlegung begehen die Helgoländer am Dienstag nach Ostern den 70. Jahrestag.

Zwei Jahre zuvor, am 18. und 19. April 1945, hatte die britische Luftwaffe Helgoland bereits mit verheerenden Folgen bombardiert. 1 000 Flugzeuge warfen rund 7 000 Bomben ab und machten die Insel unbewohnbar. Die meisten Bewohner überlebten in den unterirdischen Luftschutzbunkern. Sie wurden am nächsten Tag evakuiert und später in verschiedenen Orten in Schleswig-Holstein untergebracht. 285 Menschen kamen ums Leben, darunter viele Flak- und Marinehelfer.

 

Video der Royal Navy über die Sprengung Helgolands am 18. April 1947. Erst 1952 konnten die Helgoländer auf ihre Insel zurückkehren.

Die Sprengung der Insel vor 70 Jahren verwüstete Helgoland dann endgültig: Kriegsgefangene hatten Sprengstoff und Munition in die unterirdischen Gänge schaffen müssen. Am 18. April 1947 pünktlich um 13 Uhr wurde der Befehl zur Zündung des »Big Bang« gegeben. Ein Teil der Steilküste wurde weggerissen, 900 000 Kubikmeter Felsen wurden abgesprengt, etwa zwei Prozent der gesamten Inselmasse. Als sich der Rauch legte, wurde sichtbar, dass die Südspitze der Insel weggesprengt worden war. Helgoland war für Jahre unbewohnbar.

Gestützt wurde die Behauptung von der geplanten Totalzerstörung durch den damaligen Pinneberger Landrat Walter Damm, der eine entsprechende Äußerung des britischen Marinekommandeurs von Cuxhaven weitergegeben hatte. René Leudesdorff, einer der »Inselbesetzer« Ende 1950, widersprach der Darstellung in seinem Buch »Wir befreiten Helgoland«. Nach seinen Recherchen hätte bei einer Totalzerstörung wesentlich mehr Sprengstoff eingesetzt werden müssen.

 

Durch die britische Sprengung der Bunkeranlagen sackte ein Teil der Insel zum heutigen »Mittelland« ab (Luftbild aus dem Jahr 2012).
Durch die britische Sprengung der Bunkeranlagen sackte ein Teil der Insel zum heutigen »Mittelland« ab (Luftbild aus dem Jahr 2012).

Nur der alte Maulbeerbaum hatte überlebt

Leudesdorff und sein Freund Georg von Hatzfeld waren über die Weihnachtstage 1950 verbotenerweise auf die Insel gelangt und hatten auf der Ruine des alten Leuchtturms die Flaggen von Europa, Deutschland und Helgoland gehisst. Die spektakuläre Inselbesetzung löste eine breite öffentliche Debatte aus. 1951 forderte der Deutsche Bundestag die Rückgabe der Nordseeinsel. Doch erst am 1. März 1952 wurde Helgoland durch den schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Friedrich-Wilhelm Lübke (CDU) wieder an die Helgoländer übergeben.

Mit wenigen Habseligkeiten in ihren Koffern kehrten die ersten Insulaner zurück. Nichts war von dem einstigen Seebad mehr übrig geblieben. Nur der alte Maulbeerbaum im ehemaligen Pastoratsgarten hatte Bombardierung und Sprengung überlebt und blüht heute immer noch. Im Gedenkgottesdienst soll an ihn erinnert werden, wenn die Gemeinde leicht verändert das Kirchenlied »Freunde, dass der Maulbeerbaum wieder blüht und treibt ...« anstimmt.

Waffenstarrendes Helgoland: Die U-Boot-Bunkeranlagen im Hafen der deutschen Kriegsmarine zogen sich kilometerlang durch die Insel (Foto der britischen Luftaufklärung aus dem Zweiten Weltkrieg).
Waffenstarrendes Helgoland: Die U-Boot-Bunkeranlagen im Hafen der deutschen Kriegsmarine zogen sich kilometerlang durch die Insel (Foto der britischen Luftaufklärung aus dem Zweiten Weltkrieg).
So sah Helgoland nach dem Zweiten Weltkrieg aus: Blick vom »Oberland« auf das »Unterland«.
So sah Helgoland nach dem Zweiten Weltkrieg aus: Blick vom »Oberland« auf das »Unterland«.
So sah Helgoland nach dem Zweiten Weltkrieg aus: Blick über das »Oberland« und auf den Leuchtturm.
Die Insel war seit den Bombardements im April 1945 völlig unbewohnbar, die Zivilbevölkerung wurde aufs Festland evakuiert.
Video über einen Helgolandbesuch 1955.
Bilder aus dem zivilen Bunker Helgolands, der 1947 nicht gesprengt wurde und bis heute besucht werden kann.
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Sonntagsblatt