28.08.2017
Geschichte NS-Zeit

Das intimste Geheimnis des »Führers« Adolf Hitler

Es gibt Dinge, die will man eigentlich gar nicht so genau wissen, die aber dennoch Stoff für Klatsch und daher unerhört interessant sind. Zum Beispiel, ob Adolf Hitler wirklich nur einen Hoden hatte, wie bereits zu seinen Lebzeiten vorwiegend von britischen Soldaten gesungen wurde. Der Nürnberger Historiker Peter Fleischmann hat in seinem Buch »Hitler als Häftling« aber weitaus mehr als den Beweis dieser pikanten Geschichte erbracht. Sein Fazit: Ohne die wohlwollende Behandlung durch bayerische Behörden wäre der »Führer« nie so weit gekommen.
Adolf Hitler hinter Gittern in Untersuchungshaft am 30. November 1923. In Landsberg wird er »Mein Kampf« schreiben. Und ein Amtsarzt wird interessante Details in die Krankenakte schreiben.
Adolf Hitler hinter Gittern in Untersuchungshaft am 30. November 1923. In Landsberg wird er »Mein Kampf« schreiben. Und ein Amtsarzt wird interessante Details in die Krankenakte schreiben.

 

9. November 1923: Adolf Hitler und seine Anhänger der NSDAP patrouillieren durch München, wollen die in Bayern stehenden Reichswehrverbände und weitere antidemokratische Wehrverbände mobilisieren und nach Berlin marschieren, wo sie die Macht im Deutschen Reich übernehmen wollen.

Rund 2000 Mann wallen, Hitler voran, über den Marienplatz in Richtung Odeonsplatz und Feldherrenhalle. Auf ihrem Weg treffen sie auf eine 130 Mann starke Division der Landespolizei, die den Aufstand niederschlagen soll. Es kommt zu einer Schießerei, in deren Zuge 20 Mann auf Seiten der Putschisten, Polizisten und Bürger sterben. Die Aufständischen werden verhaftet, Rädelsführer Hitler flieht zwar, wird aber bald aufgefunden, es wird ihm der Prozess gemacht. Das Urteil: fünf Jahre Festungshaft. Hitler geht wegen Hochverrats ins Gefängnis.

Ausgekugelter Arm und »rechtsseitiger Kryptorchismus«

Bei der Einlieferung in die Strafanstalt Landsberg am 12. November 1923 zur Schutzhaft untersucht Amtsarzt Dr. Josef Brinsteiner den Gefangenen. Er vermerkt einen ausgekugelten Arm, schätzt ihn als »gesund, kräftig« ein und vermerkt in der Krankenakte einen »rechtsseitigen Kryptorchismus«: Hitlers rechte Hoden war nach dem Säuglingsstadium nicht aus dem Hodenkanal in den Hodensack gewandert, sondern saß weiter im Unterleib des damals 34-Jährigen fest. Eine Lageanomalie, die zu Unfruchtbarkeit und Krebs führen kann, die Hitler bis dahin verschwiegen hatte und die ihn sicherlich beeinträchtigte.

 

Autor Peter Fleischmann mit seinem Buch und den Kopien der Sprechkarten zu Hitlers Haft in Landsberg am Lech.
Autor Peter Fleischmann mit seinem Buch und den Kopien der Sprechkarten zu Hitlers Haft in Landsberg am Lech.

 

Inwieweit diese Anomalie dem späteren Führer auf die Psyche schlug und welche Schlüsse man daraus auf sein weiteres Denken und Wirken ziehen kann, das bleibt spekulativ. Fest steht, dass diese Fehlbildung oft mit Impotenz einhergeht. Zudem ist der Makel nach dem Entkleiden offensichtlich, was Hitler seinem Gegenüber in gewisse Erklärungsnot einer intimen Tatsache brachte – Schamgefühl bis hin zur Neurose sind da programmiert. Brinsteiner notiert im »Aufnahmebuch für Schutzhaft-, Untersuchungshaft- und Festungshaftgefangene« jedoch, dass er bei Hitler keine »krankhafte Geistestätigkeit« feststelle, wohl aber eine »hervorragende Rednergabe« sowie eine »Begeisterung für ein großes, geeinigtes Deutschland«.

»Das ist bezeichnend für die Weise, wie Hitler während seiner Haftzeit angesehen wurde«, sagt Peter Fleischmann. Der Leiter des Staatsarchivs in Nürnberg hat in seinem Buch »Hitler als Häftling« nicht nur den Gefangenen-Personalakt Hitlers mit Dokumenten über dessen Besucher während seiner im Endeffekt nur gerade mal neun Monate lang bis zum 20. Dezember 1924 dauernden Haft in Landsberg am Lech ausgewertet; seine akribische Arbeit hat auch einige bis dato unbekannte Seiten sowie Fakten über den Österreicher ans Tageslicht gebracht. Dabei ist die Geschichte rund um Hitlers rechten Hoden lediglich eine etwas pikante Nebensache.

Nur auf dem rechten Auge blinde Justiz

»Eher links orientierte Gefangene mussten ihre Festungshaft in Niederschönefeld unter Bedingungen absitzen, wie man sie aus Kinderheimen kennt«, erklärt Fleischmann. Gefängnisdirektor Otto Leybold habe solche Gefangene als »unnational« benannt, wohingegen er national gesinnte Personen prinzipiell schätzte – dass sie dennoch Häftlinge waren, schien ihn nicht zu kümmern. »Die Justiz war Hitler äußerst wohlgesonnen«, so der Autor, der nicht der erste ist, der sich derart äußert. So hat der Münchner Jurist Otto Gritschneder diese These bereits in den 1990er-Jahren vertreten und publiziert.

Peter Fleischmann hingegen belegt die Richtigkeit der Behauptung in seinem Buch nun minutiös anhand der Vermerke im Gefangenenakt sowie der überlieferten Sprechkarten: Auf diesem Karteikärtchen vermerkte ein Aufseher, welcher Gefangene welchen Besucher empfangen hat, wie lange der Besuch dauerte und ob ein Beamter der Justizvollzugsanstalt anwesend war oder nicht. Über die Inhalte der Gespräche geben die Notizen keinen Aufschluss. Je nach Gästeliste kann man sich den thematischen Rahmen aber immerhin denken.

500 Sprechkarten ausgewertet

Rund 500 solcher Karten hat Fleischmann ausgewertet, 330 Besucher wurden in den wenigen Monaten von Hitlers Haft zwischen dem 3. April und dem 10. Dezember 1924 verzeichnet – eine ganze Menge, sodass man sich fragt, wie er noch die Zeit gefunden hat, sein Werk »Mein Kampf« zu schreiben.

In der Regel besuchen Hitler Verwandte, Freunde und Bewunderer, aber auch Altparteigenossen und Männer der ersten Stunde wie Ernst Röhm, Führer der SA und SS, Julius Streicher, Mitglied des Reichstags und Herausgeber des antisemitischen Hetzblatts »Der Stürmer«, Erich Ludendorff, Generalstabschef im Ersten Weltkrieg, oder der NSDAP-Politiker Alfred Rosenberg. Dauern die meisten Gespräche lediglich wenige Minuten (mehr wurde in der Regel nicht genehmigt), wird man bei einer Sprechkarte, auf der die Namen Ludendorffs und Rosenbergs verzeichnet sind, die geschlagene zweieinhalb Stunden bei Hitler saßen, stutzig. Vor allem, weil die Besprechung ohne Aufsicht stattfand.

Der spätere Diktator hat auch keine Probleme, Post aus der Anstalt zu schmuggeln. In einem Brief vom 13. September 1924 an den Münchner Autohändler Jakob Werlin bestellt Hitler ein Auto, das er nach seiner bevorstehenden Freilassung am 1. Oktober des-selben Jahres fahren möchte.

Unter den Augen des Anstaltsdirektors

Hitlers Strafe wird bereits nach wenigen Monaten zur Bewährung ausgesetzt. Dass es mit Oktober doch nichts geworden ist, liegt daran, dass der Briefschmuggel auffliegt. Also noch einmal drei Monate länger Haft, doch eben immer noch eine insgesamt sehr milde Strafe, bedenkt man, wie viel Post mit Instruktionen an die Anhänger in Freiheit in den wenigen Wochen bereits nach draußen gefunden hatten.

Dokumentiert ist auch Hitlers 35. Geburtstag am 20. April 1924: 21 Gratulanten erscheinen persönlich, zahlreiche Briefe und Geschenkpakete werden abgegeben. Anstaltsdirektor Otto Leybold verschließt wie so oft die Augen vor dem Geschehen.

»Ein grandioses Fehlverhalten jagt das nächste«, kommentiert Peter Fleischmann das Prozedere kopfschüttelnd, auch wenn ihn nach den fünf Jahren Arbeit an seinem Buch eigentlich nichts mehr wundern sollte. »Hitler hätte wegen seines Hochverrats eigentlich des Landes verwiesen werden, sein Fall an höherer Stelle in Leipzig verhandelt werden müssen«, ergänzt der Historiker.

Dass ihm die Reststrafe von »drei Jahren, 333 Tagen, 21 Stunden und 50 Minuten«, so der amtliche Vermerk, letztlich erlassen wird und bei seiner Berufungsverhandlung sogar derselbe Richter urteilt, der Hitler einst ins Gefängnis gebracht hat, sei der letzte Hinweis darauf, dass der rechte Dunstkreis, in dem sich Bayern in den 1920er-Jahren befand, der perfekte Nährboden für das weitere Wirken des »Führers« wurde.

Immerhin: Mit seiner Arbeit zu »Hitler als Häftling« sieht der Autor selbst den Abschluss der Aufarbeitung des Lebens des »GröFaZ«. »Es wird nichts mehr Neues zu Hitler erscheinen, das war’s«, ist Fleischmann überzeugt. Und nachdem man dem Führer nun auch unter die Gürtellinie schauen kann, sind wohl die letzten Rätsel gelöst. Indes: Die Person Hitler wird wohl auf ewig unfassbar bleiben.

 

DER »KRIMI« UM HITLERS GEFANGENENAKT

Vom Nürnberger Flohmarkt ins Fürther Auktionshaus

Im Juni 2010 vermeldet das Auktionshaus Behringer in Fürth die Versteigerung von »über 500 Papierobjekten aus Hitlers Haft in Landsberg«.

Peter Fleischmann, damals Chef des Staatsarchivs München, wird informiert. Wie sich herausstellt, war die seit den 1950er-Jahren verschollene Gefangenenakte Adolf Hitlers auf dem Nürnberger Trempelmarkt aufgetaucht und von einem Interessenten für günstiges Geld gekauft worden. Die bayerische Archivverwaltung hatte nach Zusendung einer CD-Rom die 762 Aufnahmen alter Dokumente auf Echtheit geprüft.

Wie später herauskommt, hatte der damalige Chef des Landsberger Gefängnisses die Akten in den 1960er-Jahren entwendet und zu Hause aufbewahrt. Nach dessen Tod wurde das Haus geräumt, wobei sie von einem Nichtsahnenden auf dem Flohmarkt weiterverkauft wurden.

Fleischmann gelingt es, die Akten unter das »Gesetz zum Schutz deutschen Kulturguts« zu sichern. Die amtliche Verfügung hält Fleischmann buchstäblich in letzter Minute »unter die Nase«.

 

BUCHTIPP: »Hitler als Häftling« von Peter Fleischmann ist im Verlag PH. C. W. Schmidt (Neustadt an der Aisch) erschienen und kostet 59 Euro.

Szene aus dem Spielfilm »John Rabe« (2009) mit Ulrich Tukur und Steve Buscemi. Das britische Spottlied über Hitlers Hoden ging so: »Hitler has only got one ball / Göring has got two but they're small / Himmler has something sim'lar / But poor old Goebbels has no balls at all«. Auf Deutsch: »Hitler hat nur Ei / Göring hat zwei, aber sie sind klein / Himmler hat was Ähnliches / Aber der arme alte Goebbels hat gar keine Eier«.
Share Facebook Twitter Google+ Share
Sonntagsblatt