18.06.2017
Archäologie

Die Stadt Maria Magdalenas

Es ist wie so oft in der Archäologie: Planbar ist nur wenig. Durch einen Zufall stieß man bei Bauvorbereitungen am See Genezareth auf die Reste der Stadt Magdala – und auf eine Synagoge aus dem 1. Jahrhundert. Zur Freude der Archäologen.
»Hier hat Jesus gepredigt«: ein Mosaik in der Synagoge von Magdala.
»Hier hat Jesus gepredigt«: ein Mosaik in der Synagoge von Magdala.

In Pater Eamon Kellys Stimme schwingt Begeisterung mit. Und eine Aufregung, als seien die erstaunlichen Funde am West­ufer des See Genezareth erst gestern gemacht worden – und nicht schon vor acht Jahren bei den Bauvorbereitungen für ein großes Pilgerzentrum am See Genezareth, das seine Ordensgemeinschaft, die Legionäre Christi, plante.

Der irische Geistliche, der seine helle Haut mit einem Hut vor der israelischen Sonne schützt, lotst die Besucher mit zügigen Schritten durchs Gelände. Er führt sie vorbei an den Gruben, deutet auf Mauern, die Forscher freigelegt haben: Spuren der antiken Hafenstadt Magdala.

Die Entdeckung einer ganzen Stadt

Eamon Kelly erzählt von kleinen Fischfabriken, die hier lagen, vom Marktplatz und den Bädern, die man entdeckt hat. Vogelgezwitscher begleitet seine Erklärungen, und immer wieder der Lärm von Baumaschinen. Neben der Ausgrabungsstelle, die seit drei Jahren Besuchern zugänglich ist, entsteht ein großes Gästehaus. Die große Pilgerkirche »Duc in Altum« ist hingegen schon fertig: ein großer Bau mit verschiedenen Kapellen und Säulen, die Namen von den Frauen tragen, die Jesus unterstützt haben.

»Eine ganze Stadt hat man hier entdeckt«, erklärt der Pater. Doch das allein war noch keine Sensation – auch wenn die Archäologen davon ausgehen, dass es sich bei dem Ort um Magdala aus dem Neuen Testament handelt, also um die Heimat von Maria Magdalena, der Anhängerin Jesu und Zeugin seiner Auferstehung. Die erste Überraschung waren die Überreste einer Synagoge aus dem 1. Jahrhundert, auf die die Forscher gestoßen sind. Der Verlauf mehrerer Mauern, die Rechtecke bilden, ist deutlich zu erkennen. Spuren bunter Fresken fanden die Archäologen an den Wänden und am Boden sogar Mosaike.

Pater Eamon Kelly auf der Grabungsstätte Magdala.
Pater Eamon Kelly auf der Grabungsstätte Magdala: Auf einem Grundstück seiner katholischen Ordensgemeinschaft am Westufer des israelischen Sees Genezareth machten Archäologen einen unglaublichen Fund. Wo eigentlich ein christliches Pilgerzentrum entstehen sollte, stießen Wissenschaftler auf eine Synagoge aus dem ersten Jahrhundert. So alt sind nur sechs weitere in Israel und auf der ganzen Welt.

»In dieser Synagoge hat Jesus gepredigt«, ist Eamon Kelly überzeugt. Und führt dafür mehrere Gründe an: Jesus wird zwar häufig mit Jerusalem oder Betlehem verbunden, doch hier in Galiläa hat er den Großteil seines Lebens verbracht. Magdala lag an der Via Maris, einer wichtigen Handelsstraße der Antike. Nicht weit davon befinden sich Kapernaum, wo sich Jesus am häufigsten aufgehalten haben soll, Tabga, der Ort der Brotvermehrung, und auch die Stelle, an der er seine Bergpredigt gehalten haben soll. Synagogen dienten damals nicht nur zum Gebet, sondern als Versammlungs- und Treffpunkte, und auch Jesus hat in Synagogen gelehrt. »Er muss auf seinen Wegen hier vorbeigekommen sein«, sagt der Pater.

Älteste Darstellung einer Menora weltweit

Die Synagoge ist das »Juwel« der Funde, wie es Eamon Kelly formuliert, aber es gibt sogar noch ein »Kronjuwel«: Einen rechteckigen Kalkstein, rund einen Meter breit. In den behauenen Seiten sind verschiedene Motive zu erkennen. Auch eine Menora ist darunter – der siebenarmige Leuchter gehört zu den wichtigsten Symbolen des Judentums. »Wir haben hier die älteste Darstellung einer Menora, die es weltweit gibt«, erklärt der Priester. Unter Experten sei dieser Stein genauso wichtig wie der Fund der Qumran-Rollen, also der ältesten Bibeltexte, am Toten Meer vor einigen Jahrzehnten.

Sowohl die Bedeutung der Symbole als auch die Funktion des Steins sind unter Experten umstritten. Vermutlich diente er zur Ablage der Thorarollen während der Sabbatfeiern. Doch während die Archäologen staunen, interpretieren und mit Erklärungen ringen, jubelt der Pater: »Gott hat uns hier einen Ort der Begegnung geschenkt.« Einen Ort, an dem sich die jüdische und die christliche Geschichte gekreuzt haben. »Dieses Geschenk müssen wir nutzen!«

Solche Orte sind es, die die Menschen nach Ansicht Eamon Kellys berühren. »Hier ist der Mythos spürbar und viele Geschichten aus der Bibel werden plötzlich greifbar«, sagt er.

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