19.06.2016
Menschenrechte

Die Zehn Gebote in den modernen Verfassungsstaaten

Die Zehn Gebote beginnen mit der Erinnerung an eine Befreiung. Der Jude Jesus Christus hat daran erinnert, dass die Liebe ihr Wesenskern ist. Warum Staaten, die Gott durch das Recht ersetzt haben, keineswegs gottlos sind - wir neue Gottesstaaten aber fürchten sollten.

Freiheit und Verantwortung - sie sind in den Zehn Geboten aufs Engste verbunden. »Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft geführt hat.« Nicht mit einem »Du sollst« beginnt der Dekalog, sondern mit der Erinnerung an: Befreiung.

Der Jude Jesus Christus hat - in dem, was er sagte und in dem, was er tat - daran erinnert, dass die Gebote für den Menschen da sind und nicht der Mensch für die Gebote. Aus den Geboten und Verboten Gottes ein Gefängnis der Vorschriften und Strafen zu mauern, ist eine Verkennung der Liebe Gottes zu uns Menschen, zu seinen Geschöpfen: Der Wert der Zehn Gebote liegt wesentlich auch darin, dass sie ein Grundgesetz der Würde des Lebens sind.

»Wir sollen Gott fürchten und lieben« - damit klammert Martin Luther in seinem Kleinen Katechismus geradezu monoton jede seiner Auslegungen zu den Zehn Geboten. Er macht damit deutlich, was Seinsgrund und Quelle rechten Lebens für den Menschen und für seine Freiheit ist: seine Beziehung zu Gott.

Die große zivilisatorische Leistung der Aufklärung war es dann, dass sie im freiheitlichen Verfassungsstaat »Gott« durch das »Recht« ersetzt hat - auch wenn es den fundamentalistisch Religiösen gleich welcher Couleur bis heute nicht schmeckt.

Erst indem er sich über die konkreten Glaubensdinge und Religionen stellt, schafft der Staat dauerhaften Frieden. So schützt er uns alle vor den tendenziell totalitären Wahrheits- und Gestaltungsansprüchen, die Religionen erheben können. Europa musste dies in verheerenden Glaubensgemetzeln lernen, angefangen mit jenem dreißig Jahre dauernden Krieg in seiner Mitte, an dem die protestantische Partei bekanntlich nicht unbeteiligt war.

Es ist dennoch kein Zufall, dass jene sämtlich Protestanten waren, die Pate standen für die Aufklärung und ihr Kind, den freiheitlichen Verfassungsstaat. Also auch für die von den Kirchen bis heute gerne beklagte »Säkularisierung«.

Der Reformator Martin Luther (1483-1546) war es, der in seinem Kleinen Katechismus die Zehn Gebote auf ihren allgemeingültigen Inhalt zuspitzte. Aus dem für das Volk Israel geltenden göttlichen Recht schälte er das darin enthaltene für alle Menschen geltende »natürliche Recht« deutlicher als bisher heraus.

Dabei war dieses keineswegs eine Neuentdeckung Luthers: Schon der jüdisch-hellenistische Philosoph und Theologe Philon von Alexandrien (15 v. Chr. bis 40 n. Chr.) erkannte in den Zehn Geboten eine Art universales Grundgesetz: und zwar nicht nur für die von Mose in der Tora gegebenen Einzelgesetze, sondern für die Welt. Dieses »Weltgesetz« der Zehn Gebote setzte Philon in seiner Schrift »De decalogo« mit den philosophischen Erkenntnissen seiner Zeit in Beziehung - zum Beispiel mit den zehn »Kategorien« des Aristoteles, einer Art Basiswerkzeugkasten der logischen Philosophie.

Der spätantike Kirchenlehrer Augustinus (354-430) bezeichnete dann die von Ewigkeit her bestehende göttliche Ordnung der Welt als »lex aeterna« - ewiges Gesetz. Weil die Schöpfungsordnung in der Vernunft oder im Willen Gottes existiert, hinterlässt dieses ewige Gesetz in der menschlichen Vernunft, der »ratio«, einen Abdruck: die »lex naturalis«, das natürliche Gesetz. Die Offenbarung Gottes und die allgemeine Vernunft sind also eng verbunden - Erstere ist mit »gesundem Menschenverstand« erkennbar. Aber wer sprach eigentlich erstmals von »Menschenrechten«? Und was haben diese mit dem sich in den Zehn Geboten zeigenden »natürlichen Recht Gottes« zu tun?

Er war Niederländer, reformierter Theologe, in Hamburg im Exil, während des Dreißigjährigen Kriegs in Diensten der lutherischen Schweden: In seiner Heimat geriet Hugo Grotius (1583-1645) zwischen die Fronten calvinistischer Gruppen. Zwei Gruppen stritten erbittert miteinander über die Frage, ob Gott von Anfang an das Schicksal jedes Menschen vorherbestimmt hat (Prädestinationslehre). Ihren Konflikt trugen sie mit allen Mitteln aus. Danach erlebte Grotius die Gräuel des Dreißigjährigen Kriegs aus nächster Nähe. Kein Wunder, dass sich ein Großteil seiner Schriften mit dem Ausgleich zwischen den Konfessionen befasst - und mit der Frage des »gerechten Kriegs«.

Es ging um das Recht der ganzen Menschheit

Ausgehend von Überlegungen zum Völkerrecht leitete der Protestant Grotius erstmals »das Recht der ganzen Menschheit« aus dem natürlichen Recht ab - ein Recht also, das alle Rechtsverhältnisse umfasst, auch zwischen Einzelpersonen. Grotius gilt zwar als »Säkularisierer«, doch für ihn war sonnenklar, dass dieses Recht der Welt von Gott eingeschrieben wurde. Sich dessen bewusst zu sein, berechtige aber nicht dazu, anderen Menschen ihre natürlichen Rechte zu nehmen, um sie zu diesem Glauben zu zwingen: Grotius lehnte jede gewaltsame Mission entschieden ab.

Der Lutheraner Samuel Pufendorf (1632-1694) war zwar kein Theologe, nur Pfarrerssohn. Aber er sprach erstmals von der Menschenwürde als Teil des Naturrechts: »Der Mensch ist von höchster Würde, weil er eine Seele hat, die ausgezeichnet ist durch das Licht des Verstandes, durch die Fähigkeit, die Dinge zu beurteilen und sich frei zu entscheiden, und die sich in vielen Künsten auskennt.«

Auch der englische Philosoph John Locke (1632-1704), ein Altersgenosse Pufendorfs, war Protestant. Als Erster formulierte er die Naturrechte des Menschen als Abwehrrechte gegen die Herrschaftsgewalt: Aufgabe des Staats ist es, die unveräußerlichen, jedem Staat übergeordneten Menschenrechte life, liberty and property - Leben, Freiheit und Eigentum - zu sichern und zu erhalten. Erfüllt der Staat diese Aufgabe nicht, so verliert er seine Berechtigung.

Die Gleichberechtigung aller Menschen, einschließlich der von Männern und Frauen, leitete der Philosoph Locke selbstverständlich aus der Gottesebenbildlichkeit des Menschen (1. Mose 1, 27 f.) ab.

Sie alle wurden zu geistigen Paten der amerikanischen Revolution und der US-Gründerväter um Thomas Jefferson. Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 drückte die Gedanken von Locke in den Worten Pufendorfs aus: »Wir halten diese Wahrheiten für selbstverständlich, dass alle Menschen gleich an Rechten geboren werden und von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind und dass dazu gehören das Leben, die Freiheit und das Streben nach Glück«.

Von 1784 bis 1789 war Thomas Jefferson dann Botschafter der Vereinigten Staaten in Paris. Er war dabei, als Marquis de Lafayette, der im Unabhängigkeitskrieg für die Amerikaner gekämpft hatte, die Erklärung der Menschenrechte formulierte. Nach der Revolution wurden sie 1789 von der französischen Nationalversammlung beschlossen: »Die Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren und bleiben es. Unterschiede dürfen nur im Gemeinwohl begründet sein. Der Endzweck aller politischen Vereinigungen ist die Erhaltung der natürlichen und unveräußerlichen Menschenrechte.«

Heute sind die Menschenrechte das Wertefundament der westlichen Welt. Die »Theo­logie der Zehn Gebote« wirkt fort als eine »säkularisierte Theologie der Menschenrechte«. Dass viele in den freiheitlichen Verfassungsstaaten glauben, sich von ihrer Herkunftsreligion entfernt zu haben, ändert daran nichts. Auch und gerade in »säkularisierter« Gestalt bestimmt jüdisch-christlicher Wurzelgrund - vielgestaltig, oft unbewusst - unser Verhalten, Zusammenleben, gesellschaftliche Normen und Einrichtungen. In Vergessenheit geraten sollte dieser Zusammenhang aber nicht.

Nach dem Ende des Sozialismus und seiner totalitären Staaten ist heute vielleicht der vom politischen Islam angestrebte »Gottesstaat« der bedeutendste Rivale des freiheitlichen Verfassungsstaats. Von Anfang an sind bei Mohammed religiöse und politisch-staatliche Fragen eng verbunden. Selbst »liberaleren« Ausdrucksformen des Islams ist die Trennung von Staat und Religion bis heute meist fremd. Auch in der zweiten Zuwanderergeneration sind Muslime noch mehrheitlich der Meinung, dass die Gesetze des Islams über dem Grundgesetz stehen. Noch ist nicht erwiesen, ob und wie der Islam mit dem säkularen Verfassungsstaat, mit individuellen Freiheits- und Gleichheitsrechten zu einem balancierten Verhältnis finden wird.

Vor falschen Allianzen mit anderen Religionen im Dienste einer vermeintlichen »Renaissance der Religion« sollten sich Christen daher bewusst hüten. Selbst wenn irgendwann einmal die Kirchensteuer auf dem Spiel steht.

Lesen Sie mehr dazu in unserem THEMA-Magazin »Die Zehn Gebote«. Kompakt und hintergründig. THEMEN, die uns Christen beschäftigen.

Sandro Botticelli, Augustinus (1480).
Kirchenlehrer Augustinus (354-430) bezeichnete die überzeitliche göttliche Ordnung der Welt als »lex aeterna« - ewiges Gesetz. Weil die Schöpfungsordnung in der Vernunft oder im Willen Gottes existiert, hinterlässt dieses ewige Gesetz in der menschlichen Vernunft, der »ratio«, einen Abdruck: die »lex naturalis«, das natürliche Gesetz (Sandro Botticelli, Augustinus, 1480).
Michiel Janszoon van Mierevelt, Hugo Grotius, 1631 (Ausschnitt).
Reformierter Theologe im Dreißigjährigen Krieg, schwedischer Diplomat und »Erfinder« der Menschenrechte: Der Niederländer Hugo Grotius starb 1645 in Rostock.
Samuel von Pufendorf, Kupferstich von Pieter van Gunst nach einem Gemälde von David Klöcker Ehrenstrahl, 1734.
»That all men are created equal«: Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika von 1776.
»Wir halten diese Wahrheiten für selbstverständlich, dass alle Menschen gleich an Rechten geboren werden und von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind und dass dazu gehören das Leben, die Freiheit und das Streben nach Glück«: die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika von 1776.
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