07.02.2017
Windsbacher Knabenchor

»Ein Glück, hier arbeiten zu dürfen«

Im Februar 2012 hat Martin Lehmann die Leitung des weltbekannten Windsbacher Knabenchors übernommen. Der 43-Jährige über seine ersten fünf Jahre in Westmittelfranken, seine musikalische »Handschrift«, die Zukunftspläne für den evangelischen Chor und das Reformationsjubiläum.
Martin Lehmann, Leiter des Windsbacher Knabenchors (2017).
Blick voraus aufs Jubiläumsjahr: Windsbacher-Chef Martin Lehmann.

Herr Lehmann, wie ist es nach fünf Jahren in Windsbach um Ihr Mittelfränkisch bestellt?

Lehmann: Ich verstehe inzwischen sicher eine ganze Menge – und hin und wieder rutscht mir bei den Proben auch etwas Fränkisches heraus. Aber meine Muttersprache ist's nun mal nicht und wird es nicht werden.

Zum Amtsantritt haben Sie gesagt, Sie hoffen, dass Windsbach zu Ihrer neuen musikalischen Heimat wird. Hat das geklappt?

Lehmann: Ja, ich denke schon. In den vergangenen fünf Jahren haben Chor und Chorleiter aus meiner Sicht gut zusammengefunden und sind ein Team geworden. Musikalisch haben wir gemeinsam schon viel erlebt: tolle Probenarbeit, gelungene Konzertreisen und einiges mehr.

Ihr Highlight in Ihrer bisherigen Windsbacher Zeit? Vielleicht der gemeinsame Auftritt mit dem Päpstlichen Chor im Petersdom?

Lehmann: Das kann man nicht auf ein Ereignis reduzieren – es gab so viele tolle Erlebnisse. Das erste Highlight war sicher im Mai 2012, also vier Monate nach meiner Amtsübernahme, die gemeinsame Chinareise, die Chor und Chorleiter erstmals so richtig zusammengeschweißt hat. Da gab es in den darauffolgenden Jahren noch so vieles, 2014 etwa haben wir frühbarocke Chormusik von Johann Staden wiederentdeckt - oder die h-Moll-Messe von Bach, das ist mit den Windsbachern ein Traum!

Was unterscheidet die Windsbacher heute von vor fünf Jahren? Wo ist ihr musikalischer »Stempel«?

Lehmann: Ich hoffe, dass die Unterschiede - was den Klang unseres Chores angeht - nur gering sind. Ich habe von Karl-Friedrich Beringer ein tolles Erbe übernommen, es wird ja immer vom »Windsbacher Klang« gesprochen. Klar, der ohnehin nie konstante Klang hat sich sicher unter meiner Leitung hier und da leicht verändert, aber ich denke nicht zum Negativen. Mein musikalischer »Stempel« ist eher nicht im Klanglichen, sondern im musikalischen Programm zu suchen – wir widmen uns heute auch immer mal wieder der moderaten zeitgenössischen, aber vor allen Dingen der Alten Musik.

Die Windsbacher sind eine Institution. War es da so problemlos möglich, die programmatische Ausrichtung zu verändern?

Lehmann: Natürlich musste ich diesen Veränderungsprozess innerhalb des Chors moderieren, gerade wenn man als neuer Leiter zum Beispiel ein etwas sperriges zeitgenössisches Stück in die Hand nimmt. Der Chor war auf den Übergang Beringer-Lehmann aber sehr gut eingestellt, die Jungs waren offen für Neues. Davor habe ich bis heute Respekt! Von außen wurde zu Beginn meiner Arbeit hier natürlich genau geguckt: Was macht der? Wie verändert sich ›unser‹ Chor? Die Fußspuren Beringers waren ja auch enorm! Aber ich denke, es hat sich alles gut gefügt.

Sie sind damals mit viel Respekt und Demut an den Job herangegangen. Wie würden Sie sich heute charakterisieren?

Lehmann: Eigentlich genauso, hoffe ich doch! Gerade Demut kommt in unserem Metier oft viel zu kurz. Ich glaube, wenn ich demütig an meine Aufgaben herangehe und es als Glück empfinde, überhaupt mit einem Chor wie den Windsbachern arbeiten zu dürfen, dann ist das in meinen Augen eine gute Grundhaltung. Und: Respekt habe ich nach wie vor. Alle die im Knabenchor-Bereich arbeiten, wissen, dass das eine schwere Arbeit ist - der Klangkörper befindet sich in einem ständigen Wandel. Sei es, weil ältere Schüler nach dem Abitur den Chor verlassen, weil neue Sänger kommen oder eben, weil Sänger in den Stimmbruch treten. Man hat eigentlich keinen Monat, wo man den Chor nicht umbauen muss ...

Hat Sie die Arbeit bei den Windsbachern, haben Sie die vielen Tourneen verändert – auch ganz persönlich?

Lehmann: Das fände ich schade, wenn ich mich als Person verändert hätte. Aber natürlich wächst man mit seinen Aufgaben. Ich habe etwas an Zielstrebigkeit gewonnen, bin ruhiger, gelassener geworden. Aber ich denke, dass ich noch der Martin Lehmann von vor fünf Jahren bin.

Haben Sie sich denn die Belastung, den Stress und den Arbeitsaufwand wirklich so enorm vorgestellt?

Lehmann: Mein vorheriger Chor, die Wuppertaler Kurrende, war kein Internatschor, deshalb waren die Voraussetzungen ganz andere - das lässt sich nicht so einfach vergleichen. Mir war schon bewusst, dass die Arbeit in Windsbach nochmal höhere Anforderungen in Punkto Arbeitspensum an mich stellen wird.

Die Windsbacher und Sie haben in den vergangenen Jahren viel für die Nachwuchsgewinnung getan. Wie sieht es aktuell aus?

Lehmann: Wir kümmern uns intensiv um interessierte Kinder und deren Eltern - mit unseren Schulkoordinatoren und unserem Nachwuchsbüro zum Beispiel. Außerdem bieten wir inzwischen an vier Standorten eine eigene Singschule an, die »Klangfänger«. Derzeit lernen dort mehr als 80 Grundschüler das Singen – unabhängig davon, ob sie später auch zu uns kommen wollen oder nicht. Diese Musikalisierung ist für uns sehr wichtig, denn das musikalische Niveau an Grundschulen und aus dem Elternhaus ist heute oft nicht mehr so, wie es der Windsbacher Knabenchor braucht. Die Jungs müssen nach einem Jahr bei uns in der Lage sein, schwierigste Literatur zu singen.

Aber reicht das? Kann man mit solchen Angeboten dauerhaft die Zukunft eines weltbekannten Knabenchores sichern?

Lehmann: Nein, das reicht nicht alleine - aber es ist ein weiterer Baustein. Zentraler Punkt ist, dass die Leuchtkraft der Windsbacher weiter so ist, dass Eltern und ihre Kinder sagen: »Da gehen wir mal ins Konzert! Das hören wir uns an! Da will ich selbst mal hin!« Aktuell haben wir 125 Sänger, damit können wir nahezu alles singen. Mir ist also nicht bang.

Anders gefragt: Ist ein Internat im Westmittelfränkischen wirklich noch zukunftsträchtig oder braucht es andere Modelle?

Lehmann: Das Internat ist die Grundfeste der Windsbacher, daran zu rütteln wäre wohl das Ende des Knabenchores in seiner heutigen Form. Wir müssen uns aber aktuell auch keine Sorgen machen, dass es unser Internat bald nicht mehr gibt. Im ersten Jahr habe ich 16 neue Sänger im Chor aufgenommen, 22 im zweiten, im dritten 27, im vierten 32 und heuer 24 - das ist für unsere Nachwuchssicherung völlig in Ordnung. Im Schnitt verlassen uns jährlich 15 Sänger nach ihrem Schulabschluss.

Wie offen und ehrlich sind Sie zu den Familien, wenn die fragen, wie sehr das Windsbacher-Sein das Familienleben ändert?

Lehmann: Immer zu 100 Prozent. Denn die Eltern, die ganze Familie müssen voll und ganz dahinter stehen, wenn ein Junge unser Internat besucht und bei uns singt. Zum einen, weil die Eltern ihre Kinder auch durch Durststrecken tragen müssen, wenn die gerade mal keine Lust mehr auf Singen haben. Zum anderen müssen Eltern loslassen können - und Einschnitte in normale familiäre Abläufe verkraften. Wenn wir auf Chorreise sind, kann die Familie eben nicht zusammen Urlaub machen.

Und wie gut klappt das in Ihrer eigenen Familie, also mit Ihrer Frau und den beiden Töchtern?

Lehmann: Meine Frau hält mir komplett den Rücken frei - ich würde ja nicht einmal dazu kommen, Rechnungen zu überweisen oder auch meine Töchter zur Orchesterprobe nach Fürth zu fahren. Ohne die Akzeptanz und den Rückhalt meiner Frau und meiner beiden Töchter für das, was ich hier tue, könnte ich nicht über ein normales Zeitkontingent hinaus für die Windsbacher tätig sein; aber dieses Mehr an Zeit braucht man eben.

Vor fünf Jahren haben Sie von gemeinsamen Projekten mit anderen Knabenchören geträumt. Was ist daraus geworden?

Lehmann: Wir haben bisher vor allem auf Tourneen Kontakt zu anderen Chören und Knabenchören gehabt. Ich erinnere mich etwa an den San Francisco Pacific Boychoir, den wir besucht haben und mit dem wir ein gemeinsames Konzert gegeben haben. Die Sänger haben uns danach auch hier besucht und wir sind hier gemeinsam aufgetreten. So etwas gab es öfter, meist mit ausländischen Chören. Wenn wir im Jahr 2021 das 75-Jährige feiern, wollen wir die deutsche Knabenchor-Szene nach Windsbach einladen; aber das ist momentan noch Zukunftsmusik.

Wo sehen Sie die Windsbacher in fünf Jahren?

Lehmann: Klanglich und programmatisch hoffentlich auch dort, wo wir aktuell stehen. Die bald beginnende energetische Sanierung sowie die Modernisierung des Chorzentrums wird unsere Ausbildungssituation bis dahin spürbar verbessern. Dieses Jahr stellen wir uns auch musikalisch auf das Jubiläum 500 Jahre Reformation ein. Wir haben ein eigenes Programm mit den Vertonungen fränkischer Komponisten aus der Lutherzeit erarbeitet. Einer der Konzert-Höhepunkte damit wird ein Auftritt im Münchner Dom mit ökumenischen Gottesdienst sein.

 

Im Internet unter windsbacher-knabenchor.de

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