13.12.2017
Schülerchor aus zehn Nationen

Ein junger Multikulti-Chor, die Musik und der Glaube

Nürnberg — 
Fast keiner der Sänger im Dürerchor ist religiös. Trotzdem ist der Chor aus zehn verschiedenen Nationen eine Bereicherung für jeden Gottesdienst. Denn die Schüler des Nürnberger Dürer-Gymnasiums brennen für eine gemeinsame Sache: die Musik.

 

»Klappt mal eure Zunge etwas nach oben, wenn ihr das 'I' singt«, sagt Chorleiterin Caroline am Flügel stehend, winkt den Chor energisch ab und greift sofort wieder mit Elan in die Tasten. »Dann klingt es nicht ganz so spitz«, ruft sie noch hinterher, und schon setzen die Schüler auf ihr Nicken hin neu an. Der Multikulti-Chor des Nürnberger Dürer-Gymnasiums probt noch einmal, was das Zeug hält. Denn am kommenden Sonntag (17. Dezember) hat er seinen großen Auftritt in der Lorenzkirche.

So viel Eifer reißt einfach mit: »Jesus, der Heiland ist heute geboren, ohne ihn wären wir alle verloren.« Das klingt überzeugend, einleuchtend, ansteckend. Dabei, an diese Zeilen glauben, das tut hier fast keiner. »Ich muss gestehen, ich bin gar nicht richtig religiös«, sagt Maria. Und Benno ergänzt: »Wir in unserer Familie sind alle Atheisten.« Auch Elisabeth, die eigentlich evangelisch ist, glaubt nicht an Gott, jedenfalls nicht im klassischen Sinne. Zaina dagegen schon: »Ich bin allerdings Muslima. Für uns ist Jesus ein Prophet und nicht gottgleich.«

»Typisch Gostenhof«

Zaina ist Syrerin, Marias Familie kommt aus Russland, Bennos Mutter aus Großbritannien. Im Dürerchor des Nürnberger Dürer-Gymnasiums singen Schüler mit Wurzeln aus zehn unterschiedlichen Nationen. Insgesamt 80 junge Leute, Klasse fünf bis zwölf, und auch Ex-Schüler wie Michi sind begeistert dabei. Petra, deren Mutter aus Rumänien stammt, findet die bunte Mischung ganz normal. »Wir kommen tatsächlich aus allen Ecken und Enden der Welt. Das ist jetzt aber nicht chorspezifisch, sondern das betrifft das ganze Dürer-Gymnasium und eben ganz Gostenhof, wo unsere Schule ist.«

Den jungen Leute ist egal, wer von woher kommt und auch, was wer und warum glaubt. »Keine Ahnung, wer von uns Moslem ist oder wer aus der Türkei oder wer weiß wo her kommt. Das sieht man doch niemandem an! Es ist ja auch nicht wichtig«, ergänzt Petra und schüttelt den Kopf. Eine solche Frage finden die Schüler hier merkwürdig. Muslimisch, russisch-orthodox, katholisch, evangelisch, atheistisch? Irrelevant, sagen sie.

»Wir glauben doch alle an den gleichen Gott«

»Ich bin der Meinung, jeder soll glauben, was er will, solange jeder in Frieden leben kann«, findet Ex-Schüler Michi. »Wir glauben doch alle an den gleichen Gott«, ergänzt Zaina und Maria schiebt nach: »Die Leute hier im Chor sind super und die Sachen, die wir hier singen sind so schön und manchmal hat man den ganzen Tag eines der Lieder im Ohr und denkt einfach nur daran und das ist so schön für mich.« Michi nickt, schließlich sei man wegen der Musik im Chor. Und die versetze gerade an Weihnachten in die richtige Stimmung, sagt auch Benno, der mit seiner atheistischen Familie in der Adventszeit auch zu Hause viel singt - sogar christliche Lieder. 

Aber wie kommt es, dass junge, eher ungläubige Menschen so auf geistige Musik abfahren? »Chormusik kommt von der geistlichen Seite«, stellt Chorleiterin Caroline Di Rosa fest. »Ich wähle die Stücke aus und stelle das auch gar nicht zur Diskussion. Dabei erlebe ich immer wieder, dass die Schüler nach und nach auf den Geschmack kommen und merken, dass das richtig gute Musik ist«.

Hinfiebern auf den Auftritt in der Lorenzkirche

Petra aus dem Sopran bestätigt das. Ihr Lieblingsstück sei derzeit die Missa Festiva von Christopher Tambling. Der Chor führt die Messe am Dritten Advent in der Lorenzkirche auf, im Rahmen des ganz normalen Gottesdienstes. Darauf fiebern die jungen Leute hin. »Die Lorenzkirche ist ja die Kirche in Nürnberg und dass wir die Chance haben, dort zu singen, für so viele Leute. Das ist einfach unglaublich«, sagt Benno. 

Viele Eltern und Verwandte, auch Kirchenferne und Andersgläubige, kommen wegen des Chors in den Gottesdienst, erzählt Chorleiterin Di Rosa und findet das eine wunderbare Bereicherung. Auch wenn der Chor selbst keine Botschaft, keine Mission hat, ist sie sich sicher, dass geistliche Musik immer etwas bewirken kann. »Ich glaube schon, dass da jeder Schüler, jeder Mensch in irgendeiner Form etwas findet, mit dem er etwas anfangen kann. Und wenn dann alles nicht greift, dann der schöne Klang. Der Glaube an die Musik.«

 

Share Facebook Twitter Google+ Share
Sonntagsblatt