21.02.2017
Flüchtlingsrettung im Mittelmeer

Glück und unendliche Müdigkeit

Flüchtlingsrettung im Mittelmeer als Comic-Reportage: Der Zeichner Peter Eickmeyer und die Journalistin Gaby von Borstel haben mit der »Aquarius« eine Rettungsmission auf dem Mittelmeer begleitet. In einer »Graphic Novel« erzählen sie davon, wie das Schiff Flüchtlinge vor dem Tod auf See bewahrte.
»Liebe deinen Nächsten« von Peter Eickmeyer und Gaby von Borstel (Buchseite)
»Liebe deinen Nächsten« von Peter Eickmeyer und Gaby von Borstel (Buchseite aus dem Graphic-Novel-Band).

Ernst und mit weit aufgerissenen Augen blickt das Baby dem Betrachter entgegen. Das Gemälde zeigt übergroß seinen dunkelbraunen Kopf. Ein Handtuch ist schützend darum gelegt. Die Sonne taucht die Szenerie in warmes Licht. Peter Eickmeyer hat sein Bild »Goldenes Kind« genannt. Der oder die Kleine gehört zu den Tausenden Menschen aus Afrika, die im vergangenen Jahr über das Mittelmeer geflüchtet sind. Drei Wochen lang hat der Künstler Rettungsaktionen auf See an Bord der »Aquarius« hautnah miterlebt. In mehr als 200 Zeichnungen und Skizzen hat er Ereignisse, Momente, Menschen festgehalten.

Sie werden im April zusammen mit Texten der Journalistin Gaby von Borstel als Graphic Novel, einer Art modernem Comic-Roman, erscheinen. Ein Teil der Bilder ist gerade in einer Ausstellung im Erich-Maria-Remarque-Zentrum im niedersächsischen Osnabrück zu sehen.

Die beiden Künstler haben ihrem Projekt und dem Buch den Titel »Liebe deinen Nächsten« gegeben. Mit dem Jesus-Wort aus der Bibel appellieren sie zugleich an das christlich-abendländische Europa, es möge seine Asylpolitik menschlicher gestalten: »Niemand hat es verdient, im Mittelmeer zu ertrinken«, sagt Eickmeyer knapp.

Die Schleuser schickten Tausende los

Als er und von Borstel im Dezember 2015 von der Arbeit der zivilen Hilfsorganisation »SOS Méditerranée« erfuhren, beschlossen sie, mit künstlerischen Mitteln ihren Beitrag zu leisten. Auf dem von den Helfern gecharterten ehemaligen Fischereikontrollschiff »Aquarius« führten sie im Sommer 2016 Interviews mit Rettern und Geretteten. Eickmeyer fertigte Skizzen an und malte Aquarelle. Ein Teil der Einnahmen, die sie aus dem Buchverkauf, mit Ausstellungen und Vorträgen erzielen, soll den Helfern zugute kommen.

Es war der Tag des Brexit, der 23. Juni, als sie ihre erste große Rettungsaktion erlebten. Immer wieder wurden Menschen aus völlig überfüllten Schlauchbooten geholt. Rund 600 Geflüchtete hatte die »Aquarius« am Ende des Tages aufgenommen, erinnert sich Eickmeyer. »Überall saßen und lagen in graue Decken gehüllte Menschen. Das Wetter hatte sich kurz zuvor deutlich verbessert, und die Schleuser hatten Tausende auf die Reise geschickt.«

Der Künstler aus Melle bei Osnabrück hat diese und viele weitere Szenen in Tusche-Zeichnungen festgehalten. Am Computer hat er sie, wie bei Comics üblich, nachträglich koloriert. Da ist ein Blick durch ein Fernglas aufs offene Meer hinaus. Inmitten der Schaumkronen zeichnen sich – winzig klein – die Köpfe von Menschen ab. Da ist der Fotojournalist mit seiner Kamera, dem sich die Arme der Geretteten entgegenstrecken. Da ist ein Boot im Mondenschein, voll mit Flüchtlingen: »Das haben wir mitten in der Nacht nach stundenlanger Suche entdeckt«, sagt Eickmeyer. Das ungläubige Staunen über solch einen Zufall ist ihm noch anzumerken.

Ein Paar, das sich auf der »Aquarius« wiederfand

Auf den zahlreichen Porträts spiegeln sich die Gedanken und Gefühle der Geretteten wider. Große Erleichterung, bange Erwartung, manchmal auch einfach Leere – und vor allem unendliche Müdigkeit. Eickmeyer hat die Porträts nicht am Computer, sondern per Hand mit Farbe versehen: »Ich möchte die Distanz verkürzen, dem Betrachter die Menschen und ihre Geschichte nahebringen.«

So hat der Künstler, der schon aus Erich Maria Remarques »Im Westen nichts Neues« eine Graphic Novel gemacht hat, auch sein »Glückspaar« porträtiert: Eine junge Frau und ihr junger Freund sitzen eng aneinandergeschmiegt und lächeln. »Sie hatten sich in Libyen am Strand verloren«, erzählt von Borstel. »Die Schlepper haben sie auf verschiedene Boote getrieben. Auf der ›Aquarius‹ haben sie sich wiedergefunden.«

Eickmeyer und von Borstel ist klar, dass ihre Graphic Novel auch ganz anders hätte aussehen können. Beim nächsten Rettungseinsatz, als sie schon wieder von Bord waren, haben die Helfer die Leichen von 22 jungen Frauen bergen müssen. Sie waren in einem völlig überfüllten und mit Wasser vollgelaufenen Schlauchboot ertrunken.

 

Spendenkonto SOS ­Méditerranée: IBAN: DE 04 1005 0000 0190 4184 51, Internet: sosmediterranee.org

BUCHTIPP

»Liebe deinen Nächsten« von Peter Eickmeyer und Gaby von Borstel erscheint am 1. April 2017 im Splitter Verlag Bielefeld (96 Seiten, ISBN 978-3-95839-415-5, 22,80 Euro). Vorbestellung: www.splitter-verlag.eu

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»Wirklichkeit«: Zeichnung von Peter Eickmeyer in »Liebe deinen Nächsten« (Splitter Verlag Bielefeld, 2017).
»Wirklichkeit«: Zeichnung von Peter Eickmeyer in »Liebe deinen Nächsten« (Splitter Verlag Bielefeld, 2017).
»In Sicherheit«: Zeichnung von Peter Eickmeyer in »Liebe deinen Nächsten« (Splitter Verlag Bielefeld, 2017).
»In Sicherheit«: Zeichnung von Peter Eickmeyer in »Liebe deinen Nächsten« (Splitter Verlag Bielefeld, 2017).
»Erster Kontakt«: Zeichnung von Peter Eickmeyer in »Liebe deinen Nächsten« (Splitter Verlag Bielefeld, 2017).
»Erster Kontakt«: Zeichnung von Peter Eickmeyer in »Liebe deinen Nächsten« (Splitter Verlag Bielefeld, 2017).
»Gerettet«: Zeichnung von Peter Eickmeyer in »Liebe deinen Nächsten« (Splitter Verlag Bielefeld, 2017).
»Gerettet«: Zeichnung von Peter Eickmeyer in »Liebe deinen Nächsten« (Splitter Verlag Bielefeld, 2017).
»Ray of hope - Hoffnungsstrahl«: Zeichnung von Peter Eickmeyer in »Liebe deinen Nächsten« (Splitter Verlag Bielefeld, 2017).
»Ray of hope - Hoffnungsstrahl«: Zeichnung von Peter Eickmeyer in »Liebe deinen Nächsten« (Splitter Verlag Bielefeld, 2017).
»Nachtrettung«: Zeichnung von Peter Eickmeyer in »Liebe deinen Nächsten« (Splitter Verlag Bielefeld, 2017).
»Nachtrettung«: Zeichnung von Peter Eickmeyer in »Liebe deinen Nächsten« (Splitter Verlag Bielefeld, 2017).
»Rettung in der Nacht«: Zeichnung von Peter Eickmeyer in »Liebe deinen Nächsten« (Splitter Verlag Bielefeld, 2017).
»Rettung in der Nacht«: Zeichnung von Peter Eickmeyer in »Liebe deinen Nächsten« (Splitter Verlag Bielefeld, 2017).
»Mensch«: Zeichnung von Peter Eickmeyer in »Liebe deinen Nächsten« (Splitter Verlag Bielefeld, 2017).
»Mensch«: Zeichnung von Peter Eickmeyer in »Liebe deinen Nächsten« (Splitter Verlag Bielefeld, 2017).
»Adventure food«: Zeichnung von Peter Eickmeyer in »Liebe deinen Nächsten« (Splitter Verlag Bielefeld, 2017).
»Adventure food«: Zeichnung von Peter Eickmeyer in »Liebe deinen Nächsten« (Splitter Verlag Bielefeld, 2017).
»Ungewisse Aussichten«: Zeichnung von Peter Eickmeyer in »Liebe deinen Nächsten« (Splitter Verlag Bielefeld, 2017).
»Ungewisse Aussichten«: Zeichnung von Peter Eickmeyer in »Liebe deinen Nächsten« (Splitter Verlag Bielefeld, 2017).
»Zweiter Künstler an Bord«: Zeichnung von Peter Eickmeyer in »Liebe deinen Nächsten« (Splitter Verlag Bielefeld, 2017).
»Zweiter Künstler an Bord«: Zeichnung von Peter Eickmeyer in »Liebe deinen Nächsten« (Splitter Verlag Bielefeld, 2017).
Die Journalistin Gaby van Borstel und der Comickünstler Peter Eickmeyer.
Die Journalistin Gaby van Borstel und der Comickünstler Peter Eickmeyer.
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