24.03.2013
Geschichte

Goethes Muse starb vor 200 Jahren

Sie war Goethes »Heidenröslein«: Die Pfarrerstochter Friederike Brion. Nach nicht einmal einem Jahr schwärmerischer Verliebtheit verließ Goethe sie - und sie blieb für immer allein.

Goethe war verzaubert: »In diesem Augenblick trat sie wirklich durch die Türe; und da ging fürwahr an diesem ländlichen Himmel ein allerliebster Stern auf«, erinnerte sich der Dichter in seiner Autobiografie »Dichtung und Wahrheit« an seine Jugendliebe Friederike Brion (1752-1813), die am 3. April vor 200 Jahren gestorben ist. Sie inspirierte ihn zu Gedichten, die ihn als »Sturm-und-Drang-Lyriker« auswiesen, den »Sesenheimer Liedern«.

Eines der bekanntesten Goethe-Gedichte, das »Heidenröslein« (Sah ein Knab ein Röslein stehn) - später von Franz Schubert vertont -, ist ihr gewidmet. Goethe schrieb es 1771 für die Pfarrerstochter - bevor er sie verließ.

Doch Friederike lebte nicht auf der Heide, sondern im linksrheinischen Sessenheim nahe Straßburg, im Ried voller Schnaken. »Und so ist die Gegend am Rheinstrom fast allenthalben auf der deutschen Seite schöner«, notierte 1827 der Romantiker Ludwig Tieck, einer der ersten Goethe-Pilger in Sessenheim. Friederikes Heimatdorf, von Goethe stets »Sesenheim« geschrieben, ist bis heute ein Wallfahrtsort für Goethe-Fans. Und der österreichische Komponist Franz Lehár schrieb 1928 gar die Operette »Friederike« über die Sessenheimer Zeit.

Vom schlechten Gewissen geplagt

Der leichtlebige Frankfurter Patriziersohn studierte damals in Straßburg Rechtswissenschaften. Gemeinsam mit einem Kommilitonen ritt er gern in die Umgebung aus und besuchte dabei auch das alte Rieddorf etwa 40 Kilometer nordöstlich von Straßburg.

Hier lernte er im Oktober 1770 die damals 18-jährige Friederike mit den blonden Zöpfen und blauen Augen kennen, die im April 1752 im elsässischen Niederrödern geboren worden war. Die Familie Brion nahm ihn freundlich auf. Dafür half er dem Hausherrn beim Grundriss des geplanten neuen Pfarrhauses.

»Er war ein blendender Gesellschafter«, schreibt der elsässische Germanist Raymond Matzen. Gemeinsam mit Freunden gingen Friederike Brion und Goethe auf Landpartien oder unternahmen Spaziergänge zu zweit. Abends versammelten sie sich mit Friederikes Eltern und Geschwistern zu Unterhaltungsspielen und Tanz in der guten Stube.

War Goethe in Straßburg, wechselten die Verliebten Briefe. An Pfingsten 1771 besuchte Goethe abermals Sessenheim. Damals entstand das Poem »Maifest«, das mit dem Frühlingsgedicht »Kleine Blumen, kleine Blätter« und dem Gedicht »Willkommen und Abschied« in die Sammlung der »Sesenheimer Lieder« aufgenommen wurde - Zeugnisse der Epoche des Sturm und Drang.

Adieu 7. Himmel

Doch im Sommer 1771 trübte sich der siebte Himmel ein. Friederike kränkelte und wurde bettlägerig, Goethe musste sein Studium abschließen. Kaum hatte er im August seine »56 Straßburger Promotionsthesen« erfolgreich verteidigt, fuhr er nach Frankfurt. Erst von dort schrieb er der verlassenen Freundin, was er sich ihr nicht zu sagen getraut hatte: Das Verhältnis war beendet. Ihre Antwort, so gestand er später in »Dichtung und Wahrheit«, habe ihm das Herz zerrissen.

Friederike heiratete nie. Goethe sandte ihr ein Exemplar seines Theaterstücks »Götz von Berlichingen« (1773), in dem er seine Treulosigkeit auf die Figur des Weislingen projiziert hatte: »Die arme Friederike wird sich einigermaßen getröstet finden, wenn der Untreue vergiftet wird«, glaubte er.

Auch in seinem treulosen »Clavigo« spiegelt sich Goethes schlechtes Gewissen wider. Erst am 25. September 1779, als Goethe, nunmehr Minister, den Weimarer Herzog in die Schweiz begleitete, wagte er es, Friederike wieder unter die Augen zu treten.

Kalte Schulter

Er wurde »freundlich und gut aufgenommen«, schrieb er an seine Weimarer Freundin Charlotte von Stein. Friederike habe nicht einmal den Versuch unternommen, in seiner Seele »irgendein altes Gefühl zu wecken«. Beiläufig erfuhr er, dass sich der Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz vergeblich um das Mädchen bemüht hatte.

Nach dem Tod ihres Vaters zog Friederike mit ihrer jüngeren Schwester Sophie nach Rothau ins obere Breuschtal, wo ihr Bruder Christian Pfarrer war. Dort handelte sie mit Web- und Töpferwaren und brachte jungen Mädchen aus dem unteren Elsass Französisch bei.

Im Herbst 1802 verließen die Schwestern Rothau, Friederike kam bei ihrer älteren Schwester Salomea nahe dem badischen Offenburg unter und zog mit ihr später nach Meißenheim im heutigen Ortenaukreis. Hier starb Friederike Brion 1813 und wurde nahe dem östlichen Kirchenfenster begraben.

Seit 1866 ziert ein Gedenkstein mit Marmorbüste ihr Grab. Zwei Verse eines badischen Dichters erinnern als Grabinschrift an ihre Jugendliebe: »Ein Strahl der Dichtersonne fiel auf sie / So reich, dass er Unsterblichkeit ihr lieh.«

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