15.04.2017
Ostern in der Grabeskirche

»Im Haus meines Vaters«

Mehr als 70 Jahre lang hielt ein hässliches Stahlskelett die »Ädikula«, die Kapelle über dem Heiligen Grab, zusammen. Es musste das marode Bauwerk in der Jerusalemer Grabeskirche vor dem Einsturz bewahren. Rechtzeitig vor Ostern 2017 erstrahlt die komplett sanierte Ädikula nun in neuem Glanz – ein Mammutwerk auch deswegen, weil jede noch so kleine Veränderung in der Grabeskirche Konfliktpotenzial in sich trägt. Der fragile »Status quo«, wer was wann in der Kirche darf, sorgt regelmäßig für Ärger zwischen den christlichen Konfessionen, gerade zu Ostern. Er ist auch das Ergebnis eines fast 1400 Jahre andauernden Ringens der Christenheit mit dem Islam und um Jerusalem.
Die renovierte Ädikula über dem Grab Christi in der Rotunde der Grabeskirche Jerusalem (Frühjahr 2017).
Kalif al-Hakim ließ 1009 das Felsengrab zerstören: Die frisch renovierte Ädikula im Zentrum der Rotunde der Jerusalemer Grabeskirche steht an dem Ort, an dem sich einst die Grabhöhle Jesu befand.

Wo war das Grab Jesu? Allein mit den Angaben der Bibel hätte ein frommer christlicher Jerusalempilger wenige Jahrzehnte nach Ostern vermutlich vergeblich gesucht.

Von einem »Felsengrab« sprechen übereinstimmend die synoptischen Evangelien (Matthäus 27, 60; Markus 15, 46; Lukas 23, 53) – ohne jede nähere Ortsbestimmung, dafür mit dem Hinweis, dass die Grablege einem gewissen Josef aus Arimathäa gehörte. Und im Johannesevangelium steht: »Es war aber an der Stätte, wo er gekreuzigt wurde, ein Garten und im Garten ein neues Grab, in das noch nie jemand gelegt worden war.« (19, 41)

Das Jerusalem, in dem ein frühchristlicher Pilger heilige Stätten gesucht hätte, hatte mit dem Jerusalem der Zeit Jesu nichts mehr zu tun. Die Römer hatten nach dem jüdischen Aufstand im Jahr 70 den jüdischen Tempel zerstört und die Stadt so gründlich geschleift, »dass kein Fremder mehr sich hätte an Ort und Stelle überzeugen können, ob irgend je hier Menschen gewohnt haben«, wie der jüdische Historiker Flavius Josephus in seiner »Geschichte des jüdischen Kriegs« schreibt.

Jerusalem hieß nicht mehr Jerusalem

Jerusalem hieß nicht mal mehr Jerusalem. Auf den Resten der jüdischen Stadt hatte der römische Kaiser Hadrian ab 130 die Planstadt »Aelia Capitolina« errichten lassen, eine spät­antike hellenistische Kolonie. Weil die Römer auch die Stadtmauern ausweiteten, führte nun sogar die biblische Angabe in die Irre, die Kreuzigung habe »draußen vor dem Tor« stattgefunden (Hebräer 13, 12). Der jüdische Bar-Kochba-Aufstand gegen diese Romanisierung ihrer heiligen Stadt führte zur fast vollständigen Vernichtung des Judentums in Judäa.

Heute ist sich die Wissenschaft ziemlich einig: Den ehemaligen Steinbruch, in dem sich Jesu Grab befand, füllten die Römer auf, um ein Forum zu schaffen. Vermutlich ragte noch der »Schädelfelsen« Golgatha, Jesu Todesort, aus dem niveauerhöhten und gepflasterten Platz. Nördlich davon errichteten sie einen der Venus (respektive Aphrodite), also der Schönheit, Liebe und sinnlichen Begierde gewidmeten Tempel. Hielt sich in der Stadt trotzdem die Erinnerung an den Ort, an dem Jesus starb?

Einer der frühesten namentlich bekannten christlichen Jerusalempilger war ein Judenchrist des 2. Jahrhunderts: Melito, der Bischof von Sardes, einer Stadt östlich des heutigen türkischen Izmir. Doch Melito kam nicht auf der Suche nach heiligen Stätten, sondern mit dem bibelwissenschaftlichen Interesse, welche Schriften denn nun genau zum Alten Testament zu zählen seien.

Eine der ältesten überlieferten Osterpredigten

In Melitos »Peri Pascha – Über Pessach«, einer der ältesten erhaltenen Osterpredigten überhaupt, spiegelt sich der damalige Zustand Jerusalems ebenso wie antijüdische christliche Überzeugungen: »Wertvoll war der Tempel unten, nun ist er wertlos wegen des Christus droben. Wertvoll war das untere Jerusalem, nun ist es wertlos wegen des oberen Jerusalem.«

Vom britischen Historiker Edward David Hunt stammt die These, dass christliche Pilgerreisen ins Heilige Land von Anfang an keine Kultwallfahrten waren, wie es sie bis zur Zerstörung des Tempels im Judentum gab. Im Islam ist die Pilgerfahrt nach Mekka ebenfalls religiöse Pflicht. Vielmehr habe die »Pax Romana«, Friede und Sicherheit im riesigen römischen Reich, der Oberschicht (auch ihren Frauen) einen frühen »Bildungstourismus« ermöglicht – bevor der Niedergang des Reichs und die Stürme von Völkerwanderung und islamischer Expansion dies unmöglich machten.

Eine fromme »Bildungstouristin« war im Jahr 326 auch Helena (248-330), die Mutter des oströmischen Kaisers Konstantin. Schon vor ihrem Sohn hatte sie sich zum christlichen Glauben bekehrt und taufen lassen. Und sie wurde fündig.

Archäologische Sensation im 4. Jahrhundert

Kirchenvater Eusebius von Cäsarea (gestorben um 340) schildert die archäologische Sensation. Zunächst zeigt er sich in seiner Biografie Konstantins überzeugt, beim Bau des heidnischen Tempels hätten teuflische Kräfte versucht, die christliche Wahrheit im Wortsinn zuzuschütten. Doch dann habe sich mit dem von Helena und Konstantin angeordneten Tempelabriss und Kirchenneubau beim Golgatha-Felsen das Blatt gewendet: »Als sich aber statt des beseitigten Fußbodens ein anderer in der Tiefe der Erde zeigte, da zeigte sich auch gegen aller Erwarten das hehre und hochheilige Denkmal der Auferstehung des Heilands. Und der heiligsten Höhle sollte ein ähnliches Wiederaufleben beschieden sein wie dem Erlöser selber.«

Auch Eusebius ist überzeugt, dass ein neues Jerusalem das alte ablöst: »Gerade an dem Grabmal des Erlösers [wird] das neue Jerusalem gebaut, jenem altberühmten gegenüber, das, nach der schrecklichen Ermordung des Herrn, die Gottlosigkeit seiner Einwohner mit völliger Verwüstung hatte büßen müssen.« (Eusebius, vita Constantini 3, 33)

Nach Eusebs Beschreibung wurden der Fels und die auferstandene Grabhöhle prächtig ausgeschmückt. Den römischen Platz ließ Konstantin mit Säulenarkaden zu einem Hof umbauen, der auch den Golgatha-Felsen umfasste. Irgendwann überbaute man dann das Höhlengrab mit einer kuppelgekrönten Rotunde – ähnlich wie sich heute die Rotunde über die Ädikula (siehe Foto) wölbt. Gegenüber der sich in Richtung Osten öffnenden Höhle entstand eine nicht minder prächtige Basilika – die eigentliche Grabeskirche.

Die Gebetsverweigerung des Kalifen Omar

Die oströmisch-byzantinische Herrschaft dauerte bis 637. Dann kamen die Araber. Unter der Führung des zweiten Kalifen Omar nahmen sie nur fünf Jahre nach dem Tod des Propheten Mohammed Jerusalem ein. Palästina und Syrien waren die ersten großen islamischen Eroberungen außerhalb der arabischen Halbinsel.

Einer muslimischen Überlieferung zufolge weigerte sich der siegreiche Omar, einer Einladung des Jerusalemer Patriarchen Sophronius (560-638) zu folgen und in der Grabeskirche zu beten. Der Grund: Omar habe den Rechtsstatus der Kirche nicht gefährden wollen. Hätte er dort muslimische Gebete verrichtet, hätten seine Nachfolger einen Grund gehabt, das christliche Gotteshaus in eine Moschee zu verwandeln. Vielleicht handelte es sich auch nur um eine freundliche Ausflucht des Kalifen, der fürchtete, bei einem Gebet in einer mit Ikonen ausgestatteten Kirche gegen das strikte Bilderverbot im Islam zu verstoßen.

Die Pracht der christlichen Kirchen Jerusalems forderte die neuen Machthaber jedenfalls heraus. 50 Jahre nach der Eroberung von »Bayt al-Muqaddas« (Jerusalem = Haus des Heiligen) befahl der Umayyadenkalif Abd al-Malik den Bau des Felsendoms auf dem Tempelberg. Denn der Name, den die Araber der Stadt gaben, leitet sich direkt vom hebräischen Namen für den Tempel ab: »Beit Ha-Miq­dash«. Der Jerusalemer Geschichtsschreiber al-Muqaddasi schrieb später, der Kalif habe den Bau angeordnet, um mit den christlichen Kirchen – zuvorderst der Grabeskirche – konkurrieren zu können. Auch der Islam machte nun Jerusalem zu seiner heiligen Stadt.

Diskriminierte Dhimmis

Als »Dhimmis«, »Schutzbefohlene« unter islamischer Herrschaft, waren Christen und Juden nur noch Bürger zweiter Klasse. Sie mussten Sondersteuern bezahlen und Kleidervorschriften befolgen. Der 1001-Nacht-Kalif Harun al-Raschid (763-809) befahl beispielsweise Juden einen gelben Gürtel und Christen einen blauen. Doch abgesehen vom Verbot öffentlicher christlicher Prozessionen (das in Jerusalem offenbar meist nicht ganz genau befolgt wurde) waren Christen und Juden in ihrer Religionsausübung vergleichsweise frei.

Das änderte sich, als der Gegenkalif al-Hakim (985-1021) an die Macht kam. Je nach Perspektive fällt das historische Urteil über ihn unterschiedlich aus. Er stammte aus dem Geschlecht der Fatimiden, einer Dynastie, die sich auf die Prophetentochter Fatima zurückführte und um die Jahrtausendwende von Kairo aus auch Jerusalem eroberte. Al-Hakim gehörte der schiitischen Glaubensrichtung der Ismailiten an, zu deren bekanntesten Vertretern heute der Aga Khan und seine Anhänger zählen.

Einerseits machte sich al-Hakim um die Wissenschaften verdient zu einer Zeit, als das christliche Mittelalter in Europa in dieser Hinsicht eher finster war. Weil er 1021 von einem nächtlichen Ausritt nicht zurückkam (und vermutlich ermordet wurde), seine Leiche aber nie gefunden wurde, verehren ihn die Drusen bis heute als zum Himmel aufgefahrene Inkarnation Allahs.

Was den ersten Kreuzzug auslöste

Andererseits hatten Juden und Christen unter diesem Kalifen wenig zu lachen. Sie mussten sich wieder durch ihre Kleidung öffentlich kennzeichnen. Den Christen verbot al-Hakim, Ostern und Epiphanias zu feiern. Und das Schweinefleisch. Auch allen Nichtmuslimen war ab sofort der Wein verboten – mit entsprechenden Folgen fürs christliche Abendmahl und jüdische Sederfeiern. Juden mussten sich – offenbar in spöttischer Anspielung an den Tanz um das goldene Kalb – ein Halsband mit einem hölzernen Kalb umhängen. Bei Christen war es ein eisernes Kreuz. Jüdische und christliche Frauen mussten zwei Schuhe in unterschiedlicher Farbe tragen: jeweils einen schwarzen und einen roten.

Am 18. Oktober 1009 befahl al-Hakim, die Grabeskirche abzureißen. Begründung: Mit dem aus dem Grab herausgereichten Osterfeuer werde den Gläubigen ein Wunder vorgetäuscht. Den Felsen mit dem heiligen Grab ließ er bei der Gelegenheit gleich ebenfalls zerstören.

Die Kreuzzüge gelten heute als Beweis für den zeitweise brutalen Missionierungsdrang des Christentums, nicht nur bei Muslimen oder säkularen Zeitgenossen, sondern auch bei vielen Christen. Weniger bekannt ist, dass es eben jene Zerstörung der Grabeskirche inklusive des Felsengrabs Christi durch den muslimischen Herrscher al-Hakim war, die im Europa der Jahrtausendwende für so viel Wut und Empörung sorgte, dass sie den ersten Kreuzzug auslöste. Man stelle sich zum Vergleich vor, was heute in der islamischen Welt los wäre, käme die israelische Regierung auf die Idee, den Felsendom und die Al-Aksa-Moschee abzureißen.

1099 eroberten die Kreuzritter Jerusalem zum ersten Mal. Und bauten die Grabeskirche wieder auf. Viel von der Bausubstanz der heutigen Grabeskirche geht auf die Zeit zurück, da Jerusalem in christlicher Hand war.

Saladin und Löwenherz

Im Jahr 1187 eroberte der legendäre Saladin die Stadt zurück. Das christliche Europa hielt mit dem Dritten Kreuzzug dagegen.

Der kurdische Sultan Saladin gilt bis heute als Inbegriff muslimischer religiöser Toleranz. Doch auch er ließ viele christliche Kirchen Jerusalems in Moscheen umwandeln. Alle an die Christen erinnernden öffentlichen Inschriften wurden beseitigt. Die Grabeskirche aber tastete Saladin nicht an.

In einem Waffenstillstandsvertrag mit dem englischen König Richard Löwenherz garantierte der Sultan christlichen Pilgern den Zugang nach Jerusalem. Und er ermöglichte, dass fortan auch zwei lateinische Priester der westlich-römischen Kirche in der Grabeskirche Dienst tun durften.

Erst kamen die Mameluken, dann, Anfang 1517, kamen die Osmanen: Just im Jahr von Luthers Thesenanschlag eroberten sie Jerusalem, Ägypten und Arabien – und schwangen sich zur Hegemonialmacht der islamischen Welt auf. Der türkische Präsident Erdogan knüpft heute daran gerne an.

Gerangel und Bestechung

Sultan Süleyman »der Prächtige« (1494-1566) sorgte 1555 für eine umfassende Renovierung Jerusalems, seiner Stadttore und Mauern, des Felsendoms – und der Grabeskirche. Unter osmanischer Herrschaft begann eine Zeit religiöser Toleranz. Und in der Grabeskirche begann ein bis heute andauerndes Gerangel zwischen den christlichen Konfessionen.

Mal stellten sich die Franziskaner mit der Hohen Pforte besser und sicherten sich beim Sultan die Oberhoheit über die Kirche, mal gelang dies den Orthodoxen. Dabei scheuten die Parteien nicht vor offener Bestechung zurück.

1757 reichte es der türkischen Regierung mit den ewigen Querelen unter den Christen. Die Hohe Pforte erließ einen Ferman, einen Erlass, der die Grabeskirche unter den Konfessionen aufteilte. Protestanten hatten damals wie heute allerdings keinen Fuß in der Tür. Der letzte Ferman von 1852 (»Status quo von 1852«) bestätigte das Arrangement und machte es zur dauerhaften Regelung.

Seither wachen alle, orthodoxe Griechen, römisch-lateinische Franziskaner, Syrer und Armenier, Kopten und äthiopische Christen eifersüchtig über ihre angestammten Rechte und Privilegien.

Sinnbild des »Status quo«

Eine Leiter hoch in der Fassade über dem Haupteingang ist Sinnbild für den »Status quo«. Keiner weiß so recht, wie sie da hingekommen ist. Auf alten Fotos ist zu sehen, dass die Mönche den Vorsprung als Balkon und für Topfpflanzen nutzten. Das zugehörige Fenster ist inzwischen vergittert. Aber niemand darf die längst sinnlos gewordene Leiter wegnehmen oder verrücken. Seit 1757 soll sie dort stehen.

In der britischen Mandatszeit hat der kunstgeschichtlich gebildete englische Offizier ­Lionel Archer Cust 1929 die gültigen Regelungen genau aufgeschrieben: »Der Eingangshof ist zur allgemeinen Nutzung«, erfährt man bei ihm, »aber nur die Orthodoxen haben das Recht, ihn zu putzen.« Oder: »Die Treppen, die zur Frankenkapelle (Mariä Schmerzen) hinaufführen, sind lateinisches Eigentum. Die Frage, wer die unterste Stufe putzt, die sich kaum über das Niveau des Hofs erhebt, war 1901 Anlass für eine blutige Auseinandersetzung zwischen lateinischen und orthodoxen Mönchen. Die Regelung nun ist, dass die Lateiner sie täglich in der Morgendämmerung kehren, die Orthodoxen manchmal zusammen mit dem Rest des Hofs.«

Der Grabeskirche und dem angespannten Miteinander der Konfessionen unter dem »Status quo« hat der deutsche Filmemacher Hajo Schomerus 2010 den eindrucksvollen Dokumentarfilm »Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen« gewidmet.

Staunendes Kopfschütteln

Der Film nähert sich der »heiligsten Stätte der Christenheit« zunächst mit dem staunend-kopfschüttelnden Blick von jungen israelischen Soldatinnen. »Ich glaube, nirgendwo auf der Welt gibt es ein Kloster, eine Gemeinschaft wie diese«, sagt dann der Franziskaner Jay aus Indien, der erst einen Monat da ist. In der Grabeskirche wohnen Priester der unterschiedlichsten Glaubensrichtungen auf engstem Raum zusammen. Die Schönheit der Kirche liege auch in ihrer Vielfältigkeit, in unterschiedlichen Liturgien und Messen und Traditionen, sagt Pater Jay.

Doch es gibt auch den erbitterten Kampf um die angestammten Rechte. »Wenn du schwach bis und nachgibst, verlierst du«, sagt der armenische Priester Samuel. Die Äthiopier, die einst ebenfalls Rechte im Inneren der Grabeskirche hatten, verloren sie im 17. Jahrhundert, weil sie ihre Steuern nicht bezahlen konnten. Jetzt sitzen sie als fromme Hausbesetzer auf dem Dach der Grabeskirche.

»Status quo«, das ist ein hochkomplexer Stundenplan der Riten und Liturgien, ein babylonisches Sprachgewirr aus Koptisch, Arabisch, Aramäisch, Griechisch, Armenisch, Lateinisch – gelegentlich auch durcheinander – dazu die unzähligen Sprachen der vielen Touristengruppen. Besucher staunen immer wieder, wie die Stimmung in der Grabeskirche mit ihrem Menschen-Mix aus genervten Geistlichen, andächtigen Pilgern, erstaunten Israelis und neugierigen Touristen aus der ganzen Welt binnen Sekunden von Markthallengemurmel zu aggressiven Ausbrüchen und tiefster Andacht oszilliert – und wieder zurück.

Ärger zu Ostern

Regelmäßig zu Ostern gibt es Ärger, vor allem, wenn, wie in diesem Jahr, die westlich-lateinische Kirche und die Orthodoxen des Ostens zum selben Termin feiern. In der Osternacht ist der Ort, an dem sich der christliche Auferstehungsglaube festmacht, jedes Jahr in Gefahr, Schauplatz einer Massenpanik zu werden, vor allem beim Kampf mit der Osterkerze um das Osterlicht.

Schomerus’ Film fängt eine Palmsonntagsprügelei in der Kirche ein. Auslöser: ein griechischer Mönch, der sich gegen die Regeln zum falschen Zeitpunkt in die Ädikula gewagt hatte, zum handgreiflichen Verdruss der Armenier.

Und dann sind da noch die muslimischen Türwächter und Schlüsselbewahrer der Kirche, die mit Fes auf dem Kopf und Stöcken auf den Boden schlagend vor der Kirche den Prozessionen vorangehen. Der Überlieferung nach geht die Ernennung muslimischer Wächter auf die Zeit des erwähnten Kalifen Omar zurück, der nicht in der Grabeskirche beten wollte. »Der Schlüssel wurde in die Obhut der Familie Nusseibeh gegeben, um zu vermeiden, dass sich die verschiedenen Gruppen um den Besitz streiten«, vermerkte Cust.

Seit 1612 ist allerdings noch eine weitere Familie im Geschäft, die Joudehs, die den Schlüssel bewahren, aber nicht die Tür aufsperren. Auch die beiden muslimischen Grabeskirchen-Familien sind sich nicht recht grün.

Letztlich sind es heute die israelischen Sicherheitskräfte, die das komplizierte Getriebe rund um die Grabeskirche sichern und schützen. Und irgendwie klappt es immer, dass die Kirche ab 4 Uhr morgens geöffnet und um 20 Uhr wieder von außen verriegelt wird.

Dann, nachts, wenn die unfreiwillige christliche WG wieder eingeschlossen ist in der heiligsten Kirche der Welt, beten die Mönche vor dem Grab. Und endlich scheint sich die Grabeskirche in einen mystischen Ort der Hingabe und Sehnsucht nach erfülltem Glauben zu verwandeln. Nur in der Osternacht dürfte es damit wieder nichts werden – wie jedes Jahr.

Galerie Bild Referenz
Blick auf die Grabeskirche vom Turm der evangelisch-lutherischen Erlöserkirche.
Blick auf die Grabeskirche vom Turm der evangelisch-lutherischen Erlöserkirche.
Grablegung Christi, um 1460, Rogier van der Weyden (1399/1400–1464), Uffizien, Florenz
Die Grablegung Christi, wie sie sich der niederländische Maler Rogier van der Weyden (1399/1400–1464) vorstellte. Im Hintergrund sind die Kreuze der »Schädelstätte« Golgatha zu sehen, wo Jesus hingerichtet wurde. Das um 1460 entstandene Gemälde ist in den Uffizien von Florenz zu sehen.
»Hagia Polis Hierousalem« - heilige Stadt Jerusalem: Teil der Mosaikkarte von Madaba, der ältesten im Original erhaltenen kartografischen Darstellung des Heiligen Landes und Jerusalems.
»Hagia Polis Hierousalem« - heilige Stadt Jerusalem: Teil der Mosaikkarte von Madaba, der ältesten im Original erhaltenen kartografischen Darstellung des Heiligen Landes und Jerusalems. Das spätantike Mosaik aus dem 6. Jahrhundert befindet sich in der St.-Georgs-Kirche in Madaba (Jordanien). Die Karte zeigt links das Damaskustor und den mit Säulen flankierten Verlauf des Cardo, der Hauptstraße römischer Planstädte. Gewissermaßen auf dem Kopf stehend ist in der Mitte die Grabeskirche zu sehen.
Die Spuren von Aelia Capitolina: schematischer Plan der Altstadt Jerusalems.
Die Spuren von Aelia Capitolina: schematischer Plan der Altstadt Jerusalems.
Im jüdischen Viertel der Jerusalemer Altstadt wurde unweit der Klagemauer ein Teil der spätantik-byzantinischen Erweiterung des römischen Cardo freigelegt.
Im jüdischen Viertel der Jerusalemer Altstadt wurde unweit der Klagemauer ein Teil der spätantik-byzantinischen Erweiterung des römischen Cardo freigelegt. Die Zeichnung zeigt eine Rekonstruktion der Straßensituation.
Das Jerusalemer Damaskustor in der Dämmerung.
Das Damaskustor bildet im Norden der Altstadt von Jerusalem den Eingang in das christliche Viertel. Hier befand sich schon zu römischer Zeit das wichtigste Stadttor mit dem Beginn des Cardo, der Hauptachse durch die Stadt Aelia Capitolina. Nach der Eroberung Jerusalems durch die Osmanen ließ Sultan Süleyman »der Prächtige« (1494-1566) die Stadt 1555 umfangreich renovieren - auch die Grabeskirche. Die Stadtmauern und das Damaskustor erhielten damals ihre heutige Gestalt.
Überreste der römischen Stadt Aelia Capitolina an der Südseite des Tempelbergs. Sichtbar sind auch die drei Bögen des zugemauerten Huldah-Tors.
Überreste der römischen Stadt Aelia Capitolina an der Südseite des Tempelbergs. Sichtbar sind auch die drei Bögen des zugemauerten Huldah-Tors.
Kaiser Konstantin und seine Mutter Helena auf einer Wandmalerei in Troodos-Kirche Erzengel Michael in Pedoulas, Zypern (1474).
Kaiser Konstantin (270-337) und seine Mutter Helena (248-330) mit dem heiligen Kreuz auf einer Wandmalerei in Troodos-Kirche Erzengel Michael in Pedoulas, Zypern (1474).
Der Fatimidenkalif al-Hakim (985-1021).
Der Fatimidenkalif al-Hakim (985-1021) verbot auch Nichtmuslimen den Wein, zwang Juden und Christen, sich in der Öffentlichkeit durch bestimmte Kleidungsstücke erkennbar zu machen, zerstörte Kirchen und Synagogen. In Jerusalem, zu dem unter ihm christliche Pilger keinen Zugang mehr hatten, ließ er das Felsengrab Jesu schleifen. Das löste in Europa Wut, Empörung und die Kreuzzüge aus.
Querschnitt durch die Grabeskirche mit der mutmaßlichen Lage des Felsengrabs Jesu und des Golgatha-Felsens.
Querschnitt durch die Grabeskirche mit der mutmaßlichen Lage des Felsengrabs Jesu und des Golgatha-Felsens.
Ansicht der Grabeskirche aus einem »Reiseführer des Spätmittelalters«: Illustration von Erhard Reuwich in der 1486 erschienenen »Peregrinatio in Terram Sanctam« (Pilgerreise ins Heilige Land) des hessischen Ritters Bernhard von Breydenbach (um 1440-1497).
Ansicht der Grabeskirche aus einem »Reiseführer des Spätmittelalters«: Illustration von Erhard Reuwich in der 1486 erschienenen »Peregrinatio in Terram Sanctam« (Pilgerreise ins Heilige Land) des hessischen Ritters Bernhard von Breydenbach (um 1440-1497).
Der Felsendom auf dem Tempelberg in Jerusalem.
Der Felsendom auf dem Tempelberg in Jerusalem: Herausgefordert von der Pracht der christlichen Kirchen Jerusalems begannen die neuen muslimischen Machthaber 50 Jahre nach der Eroberung von »Bayt al-Muqaddas« (Jerusalem = Haus des Heiligen) mit dem Bau des Felsendoms auf dem jüdischen Tempelberg. Der Name, den die Araber Jerusalem gaben, leitet sich direkt vom hebräischen Namen für den Tempel ab: »Beit Ha-Miqdash«.
Blick auf die Grabeskirche (rechts) und die evangelisch-lutherische Erlöserkirche (links) von der Dachterrasse des Österreichischen Hospizes.
Blick auf die Grabeskirche (rechts) und die evangelisch-lutherische Erlöserkirche (links) von der Dachterrasse des Österreichischen Hospizes.
Die 9. Station des Kreuzwegs (Via Dolorosa) mit Blick von Osten auf die Grabeskirche.
Die 9. Station des Kreuzwegs (Via Dolorosa) mit Blick von Osten auf die Grabeskirche.
Die Leiter über dem Hauptportal der Grabeskirche steht dort seit Menschengedenken - auf diesem Foto des Briten Charles Wilson aus dem Jahr 1865 und noch heute. Der »Status quo« verbietet, Änderungen an und im Inneren der Kirche vorzunehmen.
Die Leiter über dem Hauptportal der Grabeskirche steht dort seit Menschengedenken - auf diesem Foto des Briten Charles Wilson aus dem Jahr 1865 und noch heute. Der »Status quo« verbietet, Änderungen an und im Inneren der Kirche vorzunehmen.
Vorhof der Grabeskirche in der Osterzeit 1914. Das Bild machte ein unbekannter Fotograf der American Colony.
Vorhof der Grabeskirche in der Osterzeit 1914. Das Bild machte ein unbekannter Fotograf der American Colony.
Der Vorhof (Parvis) der Grabeskirche in Jerusalem.
Der Vorhof der Grabeskirche liegt nach Süden zu. Rechts im Bild die Frankenkapelle: Um die Frage, wer deren unterste Stufe reinigen darf, gab es 1901 eine Auseinandersetzung zwischen Griechisch-Orthodoxen und Katholiken, bei der die Fäuste flogen und Blut floss.
Mehr als 70 Jahre lang musste ein hässliches Stahlskelett die marode Ädikula zusammenhalten (Foto aus dem Jahr 2011).
Mehr als 70 Jahre lang musste ein hässliches Stahlskelett die marode Ädikula zusammenhalten (Foto aus dem Jahr 2011).
Die renovierte Ädikula über dem Grab Christi in der Rotunde der Grabeskirche Jerusalem (Frühjahr 2017).
Kalif al-Hakim ließ 1009 das Felsengrab zerstören: Die frisch renovierte Ädikula im Zentrum der Rotunde der Jerusalemer Grabeskirche steht an dem Ort, an dem sich einst die Grabhöhle Jesu befand.
Der indische Franziskanerpater Jay in Hajo Schomerus' Dokumentation »Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen«.
»Ich glaube, nirgendwo auf der Welt gibt es ein Kloster, eine Gemeinschaft wie diese«, sagt der indische Franziskanerpater Jay in Hajo Schomerus' Dokumentation »Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen« über die Grabeskirche.
Der armenische Priester Samuel in seiner Zelle: Er führt genau Buch, welcher seiner Kollegen was wann getan hat in der Grabeskirche. Und wacht so über die Einhaltung des »Status quo«.
Der armenische Priester Samuel in seiner Zelle: Er führt genau Buch, welcher seiner Kollegen was wann getan hat in der Grabeskirche. Und wacht so über die Einhaltung des »Status quo«.
Schließer der Grabeskirche: Wajeeh Y. Nusseibeh (aus Hajo Schomerus' Dokumentation »Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen«).
Wajeeh Y. Nusseibeh: Seine Familie, die für das Verschließen und Öffnen der Grabeskirche zuständig ist, gehört zu den ältesten muslimischen Familien in Jerusalem. Kalif Omar soll die Nusseibehs eingesetzt haben, weil es schon damals unter den Christen ständig Streit gab.
Schlüsselbewahrer der Grabeskirche bis 2012: Abdul Khader Joudeh, geb. 1930 (aus Hajo Schomerus' Dokumentation »Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen«).
Abdul Khader Joudeh (geb. 1930) war bis 2012 der zuständige Schlüsselbewahrer für die Grabeskirche. Sind die Joudehs, die von Saladin eingesetzt worden sein sollen, oder die Nusseibehs wichtiger? Das ist unter den beiden muslimischen Familien umstritten. Das Amt wird von Bruder zu Bruder vererbt. Heute ist Abdul Khaders Neffe Adib (geb. 1964) der offizielle Schlüsselbewahrer der Grabeskirche.
Griechisch-orthodoxe Mönche feiern in der Rotunde der Grabeskirche mit dem Wunder des heiligen Feuers in der Osternacht die Auferstehung Christi.
Filmemacher Hajo Schomerus war mit der Kamera in der Osternacht in der Jerusalemer Grabeskirche dabei – und in sehr viel stilleren »normalen« Nächten. Er erlebte das orthodoxe Wunder des Osterfeuers (das sich jedes Jahr wiederholt) und eine Palmsonntagsprügelei.
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