06.09.2017
Oper mit Flüchtlingen

Kaddisch für »Carmen« in Hitlers Heizkraftwerk

München — 
Diese »Carmen« ist bemerkenswert, ja: ein Ereignis. Die Gruppen »Opera incognita« und »Zuflucht Kultur« zeigen mit Bühnenprofis und mit Flüchtlingen aus Irak, Syrien und Afghanistan, wie lebendig und aktuell klassische Oper sein kann. Diese »Carmen« ist ein kluger Kommentar zu Liebe und Freiheit und zugleich ein Projekt, das Brücken baut. In Hitlers Heizkraftwerk singt dabei ein jüdischer Kantor das Kaddisch – als Carmen tot ist und alles von vorn anfängt.
»Carmen« im »Mixed Munich Arts«: Carmen (Cornelia Lanz) umgarnt Zuniga (Ahmad Shakib Pouya) – bewundert von Soldaten und den Schmugglern Dancaïro (Tom Amir, mit Stirnband) und Remendado (Yoed Sorek, ganz rechts).
Carmen (Cornelia Lanz) umgarnt Zuniga (Ahmad Shakib Pouya) – bewundert von Soldaten und den Schmugglern Dancaïro (Tom Amir, mit Stirnband) und Remendado (Yoed Sorek, ganz rechts).

 

»Carmen« ist die wohl berühmteste französische Oper. Das Hauptwerk des Komponisten Georges Bizet (1838-1875) ist eine Hit­maschine, deren Melodien selbst die kennen, die noch nie ein Opernhaus von innen gesehen haben.

Die Premiere am 3. März 1875 war allerdings erst einmal ein Fiasko: Musiker und Chor waren überfordert, die Kulissenwechsel zu langsam. Publikum und Kritik waren reserviert bis empört. Man empfand das Stück als unmoralisch, als zu »realistisch«, jedenfalls als skandalös. Der Komponist überlebte die Anstrengungen der Uraufführung und deren Scheitern nicht: Drei Monate später starb Bizet – erst 37 Jahre alt – an einer Herzattacke.

Die Gruppe »Opera incognita« und das Ensemble von »Zuflucht Kultur« um die Mezzosopranistin Cornelia Lanz haben nun im »Mixed Munich Arts« (MMA) in der Münchner Katharina-von-Bora-Straße eine »Carmen«-Premiere hingelegt, die eine Menge ist, nur eins nicht: ein Fiasko.

Viel Action und hohe physische Intensität

Es fängt beim spektakulären Spielort an: »Carmen« ist zu Gast in Hitlers Heizkraftwerk.

Das liegt in einem unscheinbaren Gebäude gegenüber dem evangelischen Landeskirchenamt: Hitlers Partei übernahm mit der Macht praktisch das ganze Viertel östlich des Münchner Königsplatzes. Mehr als 50 Gebäude gingen hier ab 1933 in den Besitz der NSDAP über – per Kauf, per Erpressung, per Enteignung. Manche wurden abgerissen, um Platz für Neubauten zu machen, in andere zogen Dienststellen der zahlreichen Parteiorganisationen ein.

 

»Carmen« im »Mixed Munich Arts«: Der Torero Escamillo als Fight-Club-Schnösel auf der Vespa (Torsten Petsch, Bariton).
Der Torero Escamillo als Fight-Club-Schnösel auf der Vespa (Torsten Petsch, Bariton).

 

Auch die evangelische Kirche musste 1936 ihr »Moy-Palais« an die Partei verkaufen. In das Schlösschen, durch das man heute das Landeskirchenamt betritt, zog die Kanzlei des »Führer«-Stellvertreters Rudolf Heß ein. Auf der anderen Straßenseite entstand die »Zentrale«. Sie diente als Versorgungsbau für das Parteiviertel inklusive Pumpenhaus, Telefonzentrale, Kantine, eigenem Postamt – und eben einem Heizkraftwerk.

Es ist eine Pointe ganz eigener Art, wenn der jüdische Sänger Yoed Sorek, der den Schmuggler Remendado spielt, nach Carmens Tod in der NSDAP-»Zentrale« ein Gebet in aramäischer Sprache, also der Sprache Jesu singt. »In diesem Hitlergebäude als Jude das Kaddisch zu singen, 70 Jahre danach, das heißt für mich: Schalom ist möglich, Versöhnung ist möglich«, sagt der in Jerusalem geborene Enkel einer Holocaust-Überlebenden aus Wilna. Der 36-jährige Augsburger betet als Kantor in jüdischen Gemeinden vor, zudem tritt er mit den jiddischen Liedern seiner Großmutter auf.

Die ehemalige Kesselhalle, ein spektakulärer Raum aus Beton, lang und sehr hoch, wird auf drei Etagen zum Schauplatz einer »Carmen« mit viel Action und hoher physischer Intensität.

»Wahrheit« in der Schönheit der menschlichen Stimme

Dirigent Ernst Bartmann (geb. 1976 in München) hat am Salzburger Mozarteum Kirchenmusik, Komposition und Chorleitung studiert. Im Brotberuf ist er katholischer Kirchenmusiker in Dorfen bei Erding. Er ist der musikalische Kopf des Ensembles von »Opera Incognita«, das seit 2005 selten gehörte Opern an ungewöhnlichen Spielorten zur Aufführung bringt – Glucks »Armide« in der Reaktorhalle zum Beispiel oder Benjamin Brittens »The Turn of the Screw« im Müller’schen Volksbad. Historische Opern werden bei Opera Incognita (wieder) zu zeitgenössischem Musiktheater. Nicht nur traditionellen Opernbegeisterten gefällt das, es hat auch neue, junge Fans zur Oper geführt.

Momente höchster musikalischer Konzentration, in denen so etwas wie »Wahrheit« in der Schönheit der menschlichen Stimme erklingt, machen das Faszinosum Oper aus. Unter Bartmanns Leitung entstehen sie, wenn Julia Bachmann und der Meraner Tenor Anton Klotzner als Micaëla und Don José im Duett »Parle-moi de ma mère« zum Gleichklang der Herzen finden – und ihn wieder verlieren. Aber auch die anderen Sängerinnen und Sänger, vor allem Judith Beifuß als Mercedes und Anne Elizabeth Sorbara als Frasquita, zeigen hohe Qualität.

Arabisches Liebeslied

Ein Moment, in dem die Zeit stillzustehen scheint, ereignet sich auch, als eine junge Frau mit feuerroten Haaren ein in das Zigeunerlied von Bizet eingeflochtenes arabisches Liebeslied anstimmt: »Habibi, ya nur el ain« (Mein Schatz, du bist das Licht in meinen Augen) und »Lamuni li raru mini« (Eifersüchtige Menschen klagen mich an) singen die syrischen Schwestern Walaa und Wisam Kanaieh (die mit den roten Haaren). Das eine ist ein Hit jüngeren Datums, das andere ein traditionelles Volkslied. Eine Zutat, die nicht aufgesetzt wirkt, sondern sich organisch ins Stück einfügt.

Die Kinder des Flüchtlingskinderchors »Viel Harmonie« aus einer Unterkunft im Münchner Osten fallen ihren Bühnen-Müttern vom Chor der »Opera incognita« in die Arme, als die Näherinnen mal Pause machen dürfen. Später fährt der Fighter-Schnösel Escamillo (Torsten Petsch) mit einer Vespa ein (die beim Abgang leider nicht mehr anspringt und vom rasenden Chor der Wachen spontan aus der Halle geschoben wird), es fallen Schüsse, Kokain fliegt durch die Halle, und Carmens Ende ist bekanntlich blutig.

Regisseur Andreas Wiedermann und sein Ensemble haben kräftig in der Carmen herumgefuhrwerkt. Aus der Zigarettenfabrik als Schauplatz des Originals ist eine lateinamerikanische Textil-Maquila geworden. Für niedrige Löhne und bei ausbeuterischen Arbeitsbedingungen wird hier im Akkord Exportware produziert – von Firmen des reichen Nordens für die Märkte des Nordens. Damals wie heute bedient man sich zur Sicherung ungerechter Produktionsverhältnisse gerne des Militärs. Der Männerchor Dorfen und der Flüchtlingschor Zuflucht bilden eine gemischte, aber sehr martialisch auftretende Security-Truppe der Nähfabrik. Soldaten, Dealer, Prostituierte und Arbeiterinnen: Der Kampf ums Überleben prägt alle Figuren.

Künstler mit und ohne Fluchterfahrung

Die Rolle des Zuniga spielt der aus Afghanistan stammende Künstler Ahmad Shakib Pouya. Sein Fall hat bundesweit Aufsehen erregt: Seit fast neun Jahren ist der gelernte Zahnarzt in Deutschland. Er hat hier Frau und Kinder, ist perfekt integriert, arbeitet bei Musiktheaterprojekten und im Augsburger »Grandhotel Cosmopolis« (in einem Gebäude der Diakonie) mit, als er Anfang des Jahres seinen Status als geduldeter Flüchtling verliert und abgeschoben werden soll. Pouya reist freiwillig aus, um nicht für die Wiedereinreise gesperrt zu werden. Für ein Engagement an der Münchner Schauburg in einer Neuproduktion von Rainer Werner Fassbinders »Angst essen Seele auf« kehrte er im März mit einem Visum zurück. Zunigas Rezitative bringt Pouya als Rap in die Heizkraftwerk-Carmen ein.

»Carmen« ist das inzwischen vierte Projekt, das »Zuflucht Kultur« und »Opera Incognita« gemeinsam machen. Cornelia Lanz muss sich nicht vorwerfen lassen, als Künstlerin auf einen fahrenden Zug kultureller Flüchtlingsintegration aufgesprungen zu sein. Ihr Verein »Zuflucht Kultur« bot Flüchtlingen schon Zuflucht in der Kultur, bevor im Herbst 2015 die »Willkommenskultur« und »Wir schaffen das«-Euphorie ausbrach (die sich seither merklich abgekühlt hat). Aber sie haben Cornelia Lanz und ihren Projekten enorme mediale Aufmerksamkeit von RTL bis Al Dschasira und am Ende auch noch Anteil an einem Grimme-Preis eingetragen.

Die »Habanera« als Höhepunkt am Ende

Wiedermann erzählt die Geschichte in Rückblenden. Durch diesen – gelegentlich etwas verwirrenden – Kunstgriff landet die wohl bekannteste »Carmen«-Arie am Ende, wenn alles auf den dramatischen Höhepunkt zusteuert. Sonst bekommt man die berühmte »Habanera« bereits im ersten Akt zu hören. »L’amour est un oiseau rebelle« (Die Liebe ist ein wilder Vogel) singt Cornelia Lanz, die nicht nur eine glänzende Mezzosopranistin ist, sondern auch eine begabte Kulturmacherin, der es gelingt, Projekte mit so unterschiedlichen Beteiligten zusammenzuhalten. Als »Carmen« zeigt sie viel Bein. Erotik, Verführung, Gewalt und Tod waren schon immer die Themen des Stücks.

In muslimischen Ländern berühren sich Männer und Frauen in der Öffentlichkeit praktisch nie. Wenn eine junge Frau hierzulande einen Mann umarmt, ist es dagegen kein Heiratsantrag, schon gar nicht auf der Bühne. Einigen geflüchteten jungen Männern sieht man trotzdem noch die Unsicherheit an, wenn sie die verführerische Carmen umarmen sollen. »Bei so einem Projekt lernen alle Beteiligten eine Menge«, sagt die Sopranistin Julia Bachmann.

Die Folgen der deutschen Asylpolitik

Spannungen können da nicht ausbleiben – zum Beispiel, weil sich die Nationalitäten-Hier­archie der deutschen Asylpolitik auch im Ensemble spiegelt: hier von Abschiebung bedrohte Afghanen, da vergleichsweise privilegierte Syrer. Aber die glücklichen Gesichter der Akteure beim begeisterten Schlussapplaus beweisen, dass sich alle Mühe lohnt.

Ist Carmen eine freie Frau? Nein, sie ist eine Getriebene, die in anderen die Triebe weckt. Sie träumt von der Freiheit, aber Freiheit bedeutet nicht Libertinage, sondern Verantwortung. Freiheit, die nur an sich selbst denkt, ist ein Gefängnis. Und für andere hat eine solche »Freiheit« fürchterliche Folgen. Liebe ist etwas anderes als Begehren allein, wird aber gerne und oft damit verwechselt. Was nicht nur Carmen und Don José für Liebe halten, ist in Wahrheit eine zur Beziehung unfähige Besitzgier.

»Carmen« ist Hit-Musik und Sex und Crime – aber eben auch ein zeitloser Sozialkommentar. Einer, der sich nicht nur auf der Ebene persönlicher Beziehungen, sondern auch als ökonomische Kritik lesen lässt. Und das ist dann die letzte Pointe: Das berühmte erste Motiv der Ouvertüre wird zur Schlussmusik. Carmen ist tot, und alles fängt von vorne an.

INFO

»Carmen. Chronik eines angekündigten Mordes«, Oper von Georges Bizet im MMA Mixed Munich Arts, Katharina-von-Bora-Str. 8a, 80333 München

Aufführungen: 6., 8., 9., 10., 13., 15. und 16. September – jeweils 19.30 Uhr. Einführung ins Stück ab 19 Uhr. Karten über muenchenticket.de oder an der Abendkasse.

Mehr Infos: www.zufluchtkultur.de, www.cornelia-lanz.com, www.opera-incognita.de

»Carmen« im »Mixed Munich Arts«: Wisam Kanaieh als Maria singt ein betörend schönes arabisches Liebeslied.
Wisam Kanaieh als Maria singt ein betörend schönes arabisches Liebeslied.
»Carmen« im »Mixed Munich Arts«: Carmen (Cornelia Lanz) mit Soldaten und anderen Näherinnen der Textil-Maquila.
Carmen (Cornelia Lanz) mit Soldaten und anderen Näherinnen der Textil-Maquila.
»Carmen« im »Mixed Munich Arts«: Carmen (Cornelia Lanz) mit den kartenlegenden Zigeunerinnen Mercedes (Judith Beifuß, Sopran) und Frasquita (Anne Elizabeth Sorbara, Sopran).
Carmen (Cornelia Lanz) mit den kartenlegenden Zigeunerinnen Mercedes (Judith Beifuß, Sopran) und Frasquita (Anne Elizabeth Sorbara, Sopran).
»Carmen« im »Mixed Munich Arts«: Mezzosopranistin Cornelia Lanz als Carmen.
Mezzosopranistin Cornelia Lanz als Carmen.
»Carmen« im »Mixed Munich Arts«: Menschen, die Besitzgier mit Liebe verwechseln: Anton Klotzner (Tenor) als Don José mit Cornelia Lanz (Mezzosopran) als Carmen.
Menschen, die Besitzgier mit Liebe verwechseln: Anton Klotzner (Tenor) als Don José mit Cornelia Lanz (Mezzosopran) als Carmen.
Carmen« im »Mixed Munich Arts«: Don José (Anton Klotzner) bedroht Carmen (Cornelia Lanz) mit dem Messer. Am Ende wird er es - während gleichzeitig in der Arena der Stier stirbt - in ihren Leib stoßen, um sie zu töten.
Don José (Anton Klotzner) bedroht Carmen (Cornelia Lanz) mit dem Messer. Am Ende wird er es - während gleichzeitig in der Arena der Stier stirbt - in ihren Leib stoßen, um sie zu töten.
Carmen« im »Mixed Munich Arts«: Don José (Anton Klotzner) und Carmen (Cornelia Lanz).
Don José (Anton Klotzner) und Carmen (Cornelia Lanz).
Carmen« im »Mixed Munich Arts«: Don José (Anton Klotzner) und Carmen (Cornelia Lanz).
Don José (Anton Klotzner) und Carmen (Cornelia Lanz).
»Carmen« im »Mixed Munich Arts«: Bühne mit drei Stockwerken im Kesselhaus von Hitlers Heizkraftwerk. Aus der Textil-Maquila wird in Handumdrehen ein Käfig für den Fight Club.
Bühne mit drei Stockwerken im Kesselhaus von Hitlers Heizkraftwerk: Aus der Textil-Maquila wird in Handumdrehen ein Käfig für den Fight Club.
»Carmen« im »Mixed Munich Arts«: Mohammed Mousa ist einer der Soldaten - und zeigt den Damen, was er hat.
Mohammed Mousa ist einer der Soldaten - und zeigt den Damen, was er hat.
»Carmen« im »Mixed Munich Arts«: Carmen (Cornelia Lanz) und Don José (Anton Klotzner).
Carmen (Cornelia Lanz) und Don José (Anton Klotzner).
Carmen« im »Mixed Munich Arts«: Carmen (Cornelia Lanz) und Don José (Anton Klotzner) - Mord.
Das Ende: Carmen stirbt - und alles fängt von vorne an.
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