04.12.2016
Kirchenmusik in St. Egidien

Kantorin erweckt Renaissance-Musik zum Leben

Es sind Klänge aus einer anderen Zeit, beinahe aus einer anderen Welt, die teils zum ersten Mal überhaupt nach Jahrhunderten wieder tönen: »Maria Magdalena« heißt das zweite CD-Projekt des Egidienchors Nürnberg, das Ostermusik der Renaissance wieder auferstehen lässt.
Pia Praetorius blickt gemeinsam mit Ulrich Großmann, Direktor des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg, und Produzent Andreas Meixner auf ein Egidien-Choralbuch, aus dem die Stücke der neuen CD stammen.
Pia Praetorius blickt gemeinsam mit Ulrich Großmann, Direktor des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg, und Produzent Andreas Meixner auf ein Egidien-Choralbuch, aus dem die Stücke der neuen CD stammen.

Töne flirren im Raum, eine Melodie spannt einen unerhörten Bogen, die Linie ungewöhnlich, aber beruhigend, die Sprache ist lateinisch. Der Chor setzt ein, dazu Gamben und Lauten. Wohlklang macht sich breit, man kehrt in sich. »Nichts zum Autofahren«, sagt Ulrich Großmann, Direktor des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg, wo die 13 Bände mit Choralmusik aus der Nürnberger »Kunstkirche« St. Egidien lagern, aus denen jetzt zum zweiten Mal Stücke für ein CD-Projekt ausgewählt wurden. »Aber durchaus zum Entspannen«, entgegnet Pia Praetorius.

Die Egidien-Kantorin hat über ein Jahr lang mit Recherche, Auswahl, Transkription und letztlich der Besetzung und der Aufnahme der Stücke zugebracht. Herausgekommen sind rund 70 Minuten Musik mit 16 Werken, beispielsweise von den einst in Nürnberg wirkenden Künstlers Leonhard Lechner und Hans Leo Hassler oder von Claudio Merulo und Orlando die Lasso. Ob der Hörer sich von der archaisch anmutenden Klangpoesie eher aufregen oder zum Träumen anregen lässt, das ist sicher von Mensch zu Mensch verschieden. Fakt ist: Die Musik wirkt betörend auf die Sinne.

Nach Weihnachten jetzt Ostern

Pia Praetorius hat bereits Erfahrung im Umgang mit der mittelalterlichen Choralnotation. Die dicken Bücher wurden damals auf ein Pult gelegt, sämtliche Musiker blickten auf die groß geschriebenen Noten, die nicht von Taktstrichen begrenzt werden, die Stimmführung lässt viel Raum für Improvisation. 2013 hatte Praetorius mit dem Egidien-Chor eine erste CD mit Weihnachtsmusik aufgenommen. Jetzt wurde für diese Ko-Produktion mit dem Bayerischen Rundfunk Passions-Musik ausgewählt: kleine Kantaten, Teile aus Messen und Chor-Stücke.

»Während heutzutage zu Karfreitag allerorts Konzerte gespielt werden, waren die Oster-Gottesdienste vor 500 Jahren musikalisch weitaus imposanter«, erklärt Praetorius. Ebenso reichhaltig wie der Kanon der Klangfarben sei die Besetzung. Manchmal rezitiert ein Solist, andernorts sind breite Chor-Passagen zu hören.

Eingespielt wurden die Stücke durch die Nürnberger »schola cantorum« sowie den rund 30-köpfigen und auf Musik der Renaissance und des Barock spezialisierten Egidienchor Nürnberg zusammen mit Solisten und den Ensembles »I Fideli«, »Lauten-Consort« und »Gamben-Consort« bereits im September 2015 in der Egidienkirche innerhalb von vier Tagen. Wert gelegt habe man auf eine historische Aufführungspraxis. Finanziert wurde die CD über den Verein Musica Egidiana sowie weitere Stifter.

Schätze wieder entdeckt

Das ein oder andere musikalische Kleinod wurde für die Produktion nach Jahrhunderten wieder entdeckt. Teils sind unter den insgesamt etwa 450 Werken in den Egidien-Chorbüchern Unikate enthalten, die nur in diesen alten Handschriften noch überliefert sind. »Auch St. Lorenz oder die Sebalduskirche in Nürnberg hatten solche Chorbücher besessen, die Aufzeichnungen sind aber verloren gegangen«, meint Praetorius. Produzent Andreas Meixner bekräftigt, dass hier ein europaweit einzigartiges Repertoire vertont wurde.

Und so entführt die Aufnahme auch in eine Zeit, in der Musik noch nicht medial allgegenwärtig und ständig allerorts reproduzierbar war. Wie das wohl in den Ohren des 16. Jahrhunderts geklungen haben mag?

 

  CD-TIPP: »Maria Magdalena« ist auf dem Label Spektral erschienen und im Handel erhältlich. Man kann die CD jedoch unter anderem auch direkt auf www.musik-st-egidien.de bestellen.

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Sonntagsblatt