06.04.2017
Skulpturen-Ausstellung in Rosenheim und Lenggries

Kunst mit der Kettensäge

Rosenheim — 
Aus Totholz fräst der Bildhauer Andreas Kuhnlein ausdrucksstarke Gestalten. Sie reisen von seinem Hof in Unterwössen bis nach Amerika und China.
"Wachstumsschub" von Andreas Kuhnlein.
"Wachstumsschub" von Andreas Kuhnlein.

Zwei Skulpturen des Bildhauers Andreas Kuhnlein sind ab 9. April in der evangelischen Waldkirche Lenggries zu sehen. Am Gründonnerstag und Karfreitag stehen sie unter dem Titel »Passion« im Mittelpunkt der Gottesdienste. »Die Passionszeit empfinde ich als wohltuend, weil nach der allgegenwärtigen Narren- und Karnevalspräsenz wieder wichtigere Dinge sichtbar werden«, sagte der Künstler aus Unterwössen. Eine umfassende Werkschau des international renommierten Bildhauers, der seine Skulpturen mit der Motorsäge aus dem Holz schneidet, bietet derzeit die Städtische Galerie Rosenheim mit der Ausstellung »MenschSein«.

Mensch sein bedeute für ihn, zu allem fähig zu sein: »Zu Liebe und Empathie, aber auch zu grenzenloser Brutalität«, sagte Kuhnlein. Es sei ein Geschenk, wenn man keine Extremsituationen erleben müsse, die einem die Entscheidung für eine der beiden Seiten abverlangten. »Mensch sein« stehe seit über 30 Jahren im Zentrum seiner Arbeit. »Ein unerschöpfliches Thema – der morgendliche Blick in den Spiegel bietet zusätzlichen Stoff«, sagte der 63-Jährige.

Andreas Kuhnlein war nach seiner Schreinerlehre in den 1970er-Jahren beim Bundesgrenzschutz in der Terrorbekämpfung im Einsatz. Er war mit der RAF genauso konfrontiert wie mit Anti-Atomkraft-Demonstrationen und patrouillierte an der damaligen Grenze zur DDR. 1981 Jahren quittierte er den Dienst, übernahm den Bauernhof seiner Tante im Chiemgau und begann als Autodidakt mit der Holzbildhauerei. Seit Jahren sind Kuhnleins Werke bei internationalen Ausstellungen gefragt. 2003 fertigte er die Figurengruppe »Befreiung« für die Dresdner Kathedrale, 2007 schuf er den Andachtsraum im Bendlerblock des Bundesverteidigungsministeriums in Berlin.

"Aufbruch" von Andreas Kuhnlein.
"Aufbruch" von Andreas Kuhnlein.

Die Ausstellung »Passion« in der Waldkirche Lenggries hat Tradition: »Wir fragen immer Künstler aus der Region an«, erklärt Pfarrer Stefan Huber. Der Kontakt zu Andreas Kuhnlein entstand während der »Lenggrieser Kunstwoche 2016«. Der Künstler stellt zwei Figuren für die Ausstellung zur Verfügung, außerdem hat er zugesagt, in der Reihe »Waldkirchenforum« einen Abend über seine Werke zu sprechen. Der Termin steht noch nicht fest.

Die wenigsten seiner Skulpturen zeigten explizit Leid, sagte Kuhnlein zur Ausstellung »Passion«. »Aber durch die Zerklüftung der Oberfläche versuche ich daran zu erinnern, dass unsere Zeit doch sehr begrenzt ist und wir dementsprechend unser Leben gestalten sollten«, so Kuhnlein. Beim Thema Leid stünden ihm oft »die vom Menschen geschundene und ausgebeutete Tierwelt vor Augen«. Obwohl die Schöpfung im Christentum eine zentrale Rolle spiele, hätten gerade die Kirchen dieses Thema über Jahrhunderte »auf sträfliche Weise vernachlässigt«.

Passion und Menschsein

PASSION: Die beiden Kuhnlein-Skulpturen in der Waldkirche Lenggries sind vom 9. bis 23. April zu sehen. www.waldkirche.de

MENSCHSEIN: Die Städtische Galerie Rosenheim zeigt noch bis 30. April die Ausstellung »MenschSein«. Andreas Kuhnlein führt am Sonntag, 23. April (14 Uhr) und am Donnerstag, 27. April (18 Uhr) selbst durch die Ausstellung. Am Samstag, 27. Mai, findet eine Exkursion zum Atelier von Andreas Kuhnlein statt. Alle Infos: www.galerie.rosenheim.de

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