Kunstprojekt: Wäsche in der Kirche

München — 
Wäsche und Kirche - passt das zusammen? Das Künstlerduo Empfangshalle findet schon. Mit ihrem Kunstprojekt wollen die Münchner Künstler Corbinian Böhm und Michael Gruber provozieren. Auf ungewöhnliche Art verbinden sie die katholische Kirche St. Paul mit der Galerie der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst.
Kunstprojekt Empfangshalle Galerie für christliche Kunst

Wäsche. Mit einem Wort beschreibt das Münchner Künstlerduos Empfangshalle das Kunstprojekt, das an diesem Wochenende zur Open Art eröffnet wird. Corbinian Böhm und Michael Gruber verbinden mit ihrer ungewöhnlichen Aktion zwei Orte in München, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Die noble Galerie der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst und die ehrwürdige katholische St. Paulskirche.

Der Begriff Wäsche weckt viele Assoziationen. Von dreckiger Wäsche über Geldwäsche bis Reizwäsche kann und soll in diesem Kunstprojekt alles mitgedacht werden. Für ihr Projekt haben die Künstler in und an der Kirche St. Paul Kleider, darunter liturgische Gewänder, Altkleider und Fundstücke von obdachlosen Wanderarbeitern gesammelt, die auf den Stufen des Kirchenportals schlafen. Diese Kleidungsstücke werden in einer Industriewaschmaschine gereinigt, die in der Galerie aufgestellt wird, und auf einer Leine getrocknet und präsentiert.

Partizipation als Element von Kunst

In der Kirche wiederum wird der Waschvorgang auf das große gotische Rosettenfenster projiziert. Besucher des Kirchenraums haben zudem die Möglichkeit, an einer großen gemeinsamen Waschstation Teil einer Videoarbeit zu werden, die als
Projektion in der Galerie der DG zu sehen ist.

Das ist die Versuchsanordnung  des Künstlerduos. Das Projekt bietet viele Interpretationsebenen - insbesondere auch in der christlichen Formen- und Symbolsprache. Denn wer denkt in einem Kirchenraum bei Wasser und Waschen nicht automatisch an biblische Themen wie Reinigung, Umkehr und Versöhnung? Und ist es nicht reizvoll, zwei so verschiedene Räume miteinander zu verbinden - ausgerechnet durch einen partizipativen künstlerischen Vorgang?

Waschen als Symbol für Kreatürlichkeit

Mit der Aktion nehmen die Künstler bewusst Bezug auf biblische Worte. In der Einladung zitieren sie Levitikus 19,18: "Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du.“ Alle Menschen sind miteinander verbunden in ihrer Kreatürlichkeit, ihren Hoffnungen, Wünschen, Nöten, Abgründen und eben in der Notwendigkeit, sich regelmäßig zu waschen und zu kleiden.

Auf einer anderen Ebene spielt das Kunstwerk auch auf aktuelle kirchenpolitische Probleme an. So kann die dreckige Wäsche durchaus als Symbol für die Notwendigkeit stehen, sich mit Missbrauch, Veruntreuung und dergleichen zu beschäftigen.

Betende Hände nach Albrecht Dürer

Ergänzt wird die Installation in der Galerie durch weitere Arbeiten des Künstlerduos. Dort ist die Fotoserie »Betende Hände« zu sehen, bei denen verschiedene Menschen versuchen, das berühmte Motiv von Albrecht Dürer nachzustellen. »Die Arbeiten strahlen durch die dargestellte Gestik, ihre Textur und Farbgebung eine versöhnliche Innigkeit, Sinnlichkeit und Harmonie aus, die auf den Betrachter tröstend und ausgleichend wirken und Hoffnung auf Verständigung wecken«, so die Kuratoren.

Das Künstlerduo thematisiert auch die Kluft zwischen verschiedenen Lebenswelten: In der Videoinstallation »Gläubiger & Schuldner« konfrontieren die beiden Bilder von der Abtei Sankt Bonifaz, einem zentralen Anlaufpunkt für Obdachlose mit Bildern von den Lenbach-Gärten, einem hochexklusives Gebäudeensemble. Dazwischen navigieren die Künstler in einer Endlosschleife, jeweils aus der entgegengesetzten Richtung kommend.

Kunstpreis der DG für Böhm und Gruber

Die Ausstellung in München würdigt das Werk der beiden Künstler, denn Corbinian Böhm und Michael Gruber sind Preisträger des diesjährigen Kunstpreises der DG, der alle drei Jahre in den Bereichen bildende Kunst, angewandte Kunst und Baukunst vergeben wird. Der Preis zeichnet zeitgenössische Künstler, einzelne ihrer Werke oder ihr Gesamtoeuvre aus. Bei der Preisverleihung am 24. Oktober 2017 wird ein Künstlergespräch mit Dr. Ulrich Schäfert stattfinden.

Programm Kunstprojekt Wäsche

Begleitprogramm zum Kunstprojekt »Empfangshalle«

Ausstellungsort I: Galerie der DG

Eröffnung:  Freitag, 8. September 2017, 18 bis 21 Uhr

OPEN art: Samstag, 9. September 2017, 11 bis 18 Uhr / Sonntag, 10. September 2017, 11 bis 18 Uhr

Gespräch: What if? – Gedankenspiel eines alternativen Weltverlaufs mit Claudia Zeiske und Manaf Halbouni /  Mittwoch, 4. Oktober 2017, 19 Uhr

Führungen:  Dienstag, 10. Oktober 2017, 18 Uhr / Dienstag, 7. November 2017, 18 Uhr

Lange Nacht der Museen:  Samstag, 14. Oktober, 19 bis 24 Uhr

Verleihung des Kunstpreises der DG: Künstlergespräch mit Corbinian Böhm und Michael Gruber mit Dr. Ulrich Schäfert / Dienstag, 24. Oktober 2017, 19 Uhr

Finissage: Samstag, 11. November 2017, 11 bis 15 Uhr


Ausstellungsort II: St. Paul

Eröffnung und TatOrtZeit: Gottesdienst mit Kunst-Betrachtung von Dr. Ulrich Schäfert / Sonntag, 10. September 2017, 20.15 Uhr

Lange Nacht der Museen: Samstag, 14. Oktober 2017, 19 bis 24 Uhr

Finissage und TatOrtZeit: Gottesdienst mit Kunst-Betrachtung / Sonntag, 12. November 2017, 20.15 Uhr

Link-Tipp

Kunst & Religion

Die Webseite »Kunst & Religion« präsentiert aktuelle Meldungen, Ausstellungshinweise und Projekte zum Thema. Bei den Atelierbesuchen wurde das Künstlerduo Empfangshalle besucht.

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