28.10.2012
Reformationsjubiläum

Luther, der Europäer

Das Reformationsjubiläum 2017 hat viele Facetten. Zehn Jahre hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) dafür getrommelt. Doch die Reformation ist keine deutsche Angelegenheit, sondern eine europäische. In ganz Europa findet man Orte des Aufbruchs, der Reform von Kirche und Gesellschaft.
Protestantismus in Europa: Warum das Reformationsjubiläum 2017 eine europäische Angelegenheit ist (Luther und Calvin).
Protestantismus in Europa: Warum das Reformationsjubiläum 2017 eine europäische Angelegenheit ist.

  Wittenberg 1517: der junge Mönch Martin Luther veröffentlicht 95 Thesen. Tut Buße! - Damit ruft er die Kirche zu ihrer Sache zurück und löst eine gewaltige Lawine aus: Eine Gesellschaft im Umbruch der Zeiten bekommt neue Hoffnung, eine neue Zeit, die Neuzeit beginnt, noch verdeckt, sich zu regen.

  Zürich 1522 - man isst in der Fastenzeit Wurst. Der Priester Huldreich Zwingli verteidigt dies gegen geltende kirchliche Verbote. Die Reformation als Freiheit des Glaubens begann.

  Genf 1541 - Johannes Calvin gibt der Reformation eine Ordnung: Katechismus und Kirchenzucht machen die Freiheit des Glaubens verbindlich. Und auch der moderne Kapitalismus bekommt hier Auftrieb, man arbeitet nicht mehr für Gottes Ewigkeit, sondern für den Erhalt der Welt.

  Straßburg - der europaweit vernetzte Martin Bucer macht Straßburg zu einem Ort der Religions-Freiheit und einem Zufluchtsort für Verfolgte.

  Ljubljana - hier predigt und schreibt Primus Trubar auf Slowenisch, reformiert die Kirche und begründet slowenische Nationalliteratur. Noch heute findet man deswegen sein Bild auf slowenischen Euro-Münzen.

europa reformata - Zentren und Städte der Reformation in Europa
Europa reformata: In ganz Europa findet man Orte des Aufbruchs, der Reform von Kirche und Gesellschaft.

In ganz Europa findet man diese Orte des Aufbruchs, Reform von Kirche und Gesellschaft. Im Prinzip ist das nicht neu. Denn die Kirche zu reformieren, sie aus dem Geist des Evangeliums zu erneuern, das ist ein Prinzip von Kirche, von Anfang an. Den Schatz des Evangeliums gibt es nun einmal nur in irdischen Gefäßen, wie Paulus schreibt.

Und diese verschleißen sich, gehen kaputt, werden neu geschaffen. Gerade die großen Mönchsbewegungen haben die katholische Kirche im Umbruch der Zeiten immer wieder neu gestaltet - zum Heil der Seelen und auch zum Nutzen der Welt.

Die Suche nach neuer Gestalt von Kirche wird im Hochmittelalter stärker, die alte Ordnung bröckelt, Neues wird gebraucht. Im 12. Jahrhundert wird der Lyoner Kaufmann Waldes über dem Bibelstudium zum Prediger, setzt sich für die Armen ein und gerät in Konflikt mit der katholischen Kirche. Aber die Gruppe der Waldenser entsteht. Bis heute ist sie eine kleine, aber aktive evangelische Kirche vor allem in Italien.

Zu Beginn des 15. Jahrhunderts ist es Jan Hus, der theologisch begründet in Prag zur Reform der Kirche aufruft und in Konstanz am 6. Juli 1415 dafür verbrannt wird. Das schafft den Boden für die Böhmischen Brüder, eine evangelische Reformbewegung des 15. Jahrhunderts: Im Laufe der Geschichte wurde sie fast vernichtet. Doch die Kirche der Böhmischen Brüder hat überlebt, zu ihr gehören in Tschechien heute etwa 60 000 Mitglieder. Und die Tschechen, die vielleicht am stärksten säkularisierte Gesellschaft Europas, feiern immer noch am 6. Juli einen Staatsfeiertag - der Tag, an dem Jan Hus verbrannt wurde.

Die Reformatoren um Martin Luther: in der vorderen Reihe von links Johannes Forster, Georg Spalatin, Martin Luther, Johannes Bugenhagen, Erasmus von Rotterdam, Justus Jonas, Caspar Cruciger und Philipp Melanchthon. Kopie des im Krieg zerstörten Meyenburgischen Epitaph von Lucas Cranach d. J., Wittenberg (Stadtpfarrkirche St. Blasii Nordhausen).
Die Reformatoren um Martin Luther: in der vorderen Reihe von links Johannes Forster, Georg Spalatin, Martin Luther, Johannes Bugenhagen, Erasmus von Rotterdam, Justus Jonas, Caspar Cruciger und Philipp Melanchthon. Kopie des im Krieg zerstörten Meyenburgischen Epitaphs von Lucas Cranach d. J. (Stadtpfarrkirche St. Blasii Nordhausen).

Die Reformation vor 500 Jahren war keineswegs ein bedauerlicher Zwischenfall in der Geschichte der Kirche, sondern ihr Ernstfall: Eine Kirche lässt sich vom Evangelium her erneuern, damit Gottes Gegenwart religiös spürbar und in der Welt erfahrbar wird. Doch hatte diese Reformation ein besonderes Gepräge, einen evangelischen Stil, der die sehr unterschiedlichen reformatorischen Bewegungen miteinander verband.

Am Anfang steht die Rede vom gnädigen Gott, der sich selbst erschließt und dessen Gnade nicht mühsam erarbeitet werden muss. Das ist das Evangelium, das steht allen offen und ist in der Heiligen Schrift nachlesbar. Gott spricht keine Fremdsprache, sondern redet die Menschen in ihrer Muttersprache an. Hier wurzelt die Befreiung des Einzelnen: frei Kirche neu zu gestalten, frei für die eigene Arbeit als Fürst oder Hausvater, als Lehrerin oder Mutter, wo man eben gebraucht wird. Das ist der neue Gottesdienst in der Welt. Dabei wird Bildung zur Chance, den Glauben zu entfalten. Mit der evangelischen Reformation ist eine bis heute nachwirkende Alphabetisierungskampagne verbunden.

Das war das Programm einer nach Gottes Wort reformierten Kirche für eine bessere Welt. Doch blieb diese Reformation unvollendet, an vielen Punkten. Unvollendet blieb die Reformation innerevangelisch. Da gab es die Gruppe der Täufer, die in ihrem Glauben lieber auf den Geist als auf Kirchenobrigkeit vertrauten. Diese Gruppe wurde verfolgt - ob in lutherischen Gegenden oder im reformierten Zürich, wo man sie in der Limmat ersäufte. Die einzelnen Glaubensrichtungen bauten um ihren Glauben feste Mauern und schlossen andere aus oder stürzten sie notfalls von der Mauer.

Es ist ein Zeichen der - wenn auch späten Einsicht des Protestantismus, dass 1973 die Leuenberger Kirchengemeinschaft gegründet wurde. Damals erst, 450 Jahre nach der Reformation, gelang damit die gegenseitige Anerkennung evangelischer Kirchen in Europa. Nun sitzt man an einem Abendmahlstisch, Christinnen und Christen aus knapp hundert evangelischen Kirchen von Norwegen bis Italien, von Frankreich bis Rumänien. Ein hoffnungsvolles Bild.

Martin Luther als Professor - Porträt aus der Werkstatt Lucas Cranach d.Ä. 1529 (Ausschnitt)

Unvollendet blieb die Reformation auch innerkirchlich. Die Reformation war eine sehr vielgestaltige Bewegung, vorangetrieben von Priestern und Professoren, aber auch von Fürsten und Handwerkern. 1529 legten evangelisch gesinnte Fürsten auf dem Reichstag von Speyer Widerspruch gegen den Kaiser ein und retteten so die Reformation. Der Protestantismus war geboren. Erst ein Jahr später, 1530 auf dem Reichstag von Augsburg, wurde die theologische Grundlegung der evangelischen Kirche, die Confessio Augustana, öffentlich.

Auf den Protestantismus als Volksbewegung folgte die Amtskirche. Die Amtskirche als Institution ist es aber, der heute im Zeichen allgemeiner Ent-Institutionalisierung Akzeptanz fehlt. Vielleicht ist dies wieder eine Chance für den Protestantismus als Teil einer neuen europäischen Zivilgesellschaft.

Unvollendet blieb die Reformation auch, weil sie sich sehr bald an die herrschende Obrigkeit anlehnte. Das Evangelium in der Muttersprache zu verkünden, das führte auch dazu, es an Vater Staat, an die Nation zu binden. Die Nationalisierung des Protestantismus war mit ein Grund, warum die evangelischen Kirchen so wenig Friedenskraft hatten und fast widerstandslos in die europäischen Weltkriege zogen.

Nur langsam wächst der Gedanke, dass es einen europäischen Protestantismus gibt, der die Grenzen der Länder und Konfessionen überschreitet und ein neues Miteinander in Europa möglich machen kann. Das Motto der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) kann auch ein Motto eines neuen Europa werden: Einheit in versöhnter Verschiedenheit. Die Verschiedenheit bleibt und bereichert, aber sie trennt nicht mehr.

2017 - das Symboljahr der Kirchen der evangelischen Reformation.

Die evangelischen Kirchen feiern, mutig und dankbar, in Zürich und Debrecen, in Wittenberg und Straßburg, in Prag oder Oslo. Jede Kirche tut dies in ihrer Verantwortung der eigenen Geschichte gegenüber. Eine Einheitsfeier braucht es nicht. Aber es braucht mehr als die Feier.

Aus der Erinnerung der Reformation entsteht die Verpflichtung zu Reformen. Die Reform der Kirche ist ein ökumenisches Anliegen. Mag die katholische Amtskirche die evangelische Kirche auch nicht als Kirche anerkennen (was mehr über die katholische Amtskirche denn über den Status der reformatorischen Kirchen aussagt) - in der Verpflichtung zur Reform, 500 Jahre nach Luther oder 50 Jahre nach dem Zweiten Vatikanum, haben die Kirchen dieselbe Aufgabe.

Damit ist nicht in erster Linie der kirchliche Reformaktivismus gemeint. Der führt europaweit eher zu einer neuen Verunsicherung denn zu einer Gewissheit. Die Gewissheit jedoch bleibt Werk des Heiligen Geistes. Die Reformation geht, wie es in einem Lied der Böhmischen Brüder heißt, das auch im Evangelischen Gesangbuch steht (EG 243), auf Gottes Barmherzigkeit zurück, die das Notwendige sieht.

Nicht viel, möchte man meinen. Aber genug auch für mutige Schritte auf überraschend neuen Wegen. In manchen traditionellen Waldensergemeinden Italiens hört man mittlerweile neben Orgelklängen Trommeln afrikanischer Migranten. Integration gottesdienstlich.

Auch ein Stück neues Europa.

Buch-Tipp

Thomas Greiff: Die Reformation in Europa

Reformation in Europa

 

 

 

 

 

 

 

 

Thomas Greiff: Die Reformation in Europa. Wo die protestantische Idee bis heute fortwirkt. 25 Ortstermine

352 S., Claudius Verlag, München 2016

ISBN 978-3-532-62486-9

22,00 €

Share Facebook Twitter Google+ Share
Sonntagsblatt