Luther für Zehntausend in der Münchner Olympiahalle

München — 
Nachdem Chöre ein gutes halbes Jahr im kleinen Kreis geprobt hatten, kam jetzt die große Aufführung. Über 2000 Chorsängerinnen und -sänger aus ganz Bayern führten das Pop-Oratorium »Luther« in der Münchner Olympiahalle auf.

Auf Ebene Vier herrscht fröhliches Gedränge: Pfarrer mit ihren Jugendgruppen, Dekane nebst Gattin, Familien und Freunde von 2069 Sängerinnen und Sängern tummeln sich am Samstagabend vor der Aufführung des Pop-Oratoriums »Luther« auf der Fressmeile der Münchner Olympiahalle. Die Stimmung gleicht einem großen Familienfest mit Kirchentagsflair.

Altötting und Ulm, Bayreuth und Landshut - aus ganz Bayern, das verraten die Autokennzeichen draußen, sind die 10.000 Zuhörer gekommen, um die zweistündige Kompaktfassung von Martin Luthers Glaubenskampf zu erleben. Erfolgsproduzent Dieter Falk hat das Musical für die Stiftung »Creative Kirche« komponiert, das im Reformationsjubiläumsjahr 2017 durch Deutschland tourt.

Am Dresscode »Schwarz-Weiß« erkennt man in München, dem achten Aufführungsort dieser Tournee, wer zum Chor gehört. Dabei macht die Mischung aus weißen Häkelpullis, Baumwollshirts und Festtagsblusen auf sympathische Weise deutlich, dass hier keine Konzertprofis am Werk sind, sondern lauter Laiensänger.

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So wie Christiane Scholle und Ursula Maderlechner aus Gröbenzell bei München: Die beiden Frauen, 69 und 79 Jahre alt, sind mit der Generalprobe vom Nachmittag zufrieden: »Der Klangeindruck das erste Mal mit Orchester und Band war imposant." Aus Himmelkron in Oberfranken kommen die 22-jährige Rebecca Fritz und ihre Freundinnen. Um neun Uhr morgens sind sie losgefahren, und vor Mitternacht werden sie nicht zu Hause sein. Rebeccas Eindruck von der Probe ist zwiespältig: »Die Band war sehr laut, ich habe eigentlich nur mich und meine Nachbarn gehört.« Bernd Bereth aus Augsburg wiederum genießt es, in der Männerstimme mal nicht unterbesetzt zu sein: »Das ist ein tolles Gefühl«, sagt der 50-Jährige.

In der Halle füllt der schwarz-weiße Chorblock die Ränge hinter der Bühne wie die Apsis einer Kathedrale - nur dass Kirchen meistens nicht bis auf den letzten Platz besetzt sind. Die Olympiahalle ist es an diesem Abend, an dem Luthers Verteidigungsrede vor dem deutschen Kaiser beim Reichstag zu Worms im Zentrum steht. 26 Orchestermusiker, eine sechsköpfige Band und zwölf Solisten liefern die perfekte Show. Die Musicalprofis, allen voran Frank Winkels in der Rolle des Reformators, singen so deutlich, dass man sie auch ohne die Texteinblendungen auf den beiden Leinwänden einwandfrei versteht.

Luther

Dem Chor hätte die Tonregie hingegen ein paar Dezibel mehr spendieren dürfen: Singt er zeitgleich mit den Solisten, dann bleibt den 2069 Stimmen trotz vollem Einsatz nur die Backgroundrolle. Was an Stimmwucht möglich wäre, erlebt man bei den Stücken, die der Chor ganz allein singt: Wo er sein »Amen!« hinter Luthers berühmtes Bekenntnis »Hier stehe ich, ich kann nicht anders« donnert, kribbelt endlich die Gänsehaut, die man von diesem Mammutchor erwartet hat.

Das Musical ist auch eine Geschichtsstunde: Von der Bedeutung des Buchdrucks über Details des Ablasshandels bis zum Freiheitsverständnis Martin Luthers packt Librettist Michael Kunze eine Menge Stoff in die mal rockige, mal elegische Musik. Das Publikum lauscht konzentriert, und so entsteht der Eindruck, als wolle der Funken nicht recht überspringen. Doch mit dem Schlussakkord gibt es für die Zehntausend in der Arena und auf den Rängen kein Halten mehr: brandender Applaus, Standing Ovations und ausgelassenes Tanzen beim Best-of-Medley der Zugabe zeigen, dass das Publikum begeistert ist.

 

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Christine Büttner

»Das war grandios, Kirchenstoff mal anders verpackt«, sagt eine Zuhörerin, »bombastisch und stimmgewaltig«, urteilt eine andere, ein Zuhörer ist beeindruckt »von den Massen im Chor, und dass das alles Amateure sind". Am meisten begeistern kann sich vielleicht sogar Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, der bei der Zugabe plötzlich mitten im Chor steht und mitsingt. »Ich hätte nie gedacht, dass theologische Grundbegriffe wie das 'sola fide' mal zum Ohrwurm werden, den man unter der Dusche singen kann«, hat der Theologe schon bei der Pressekonferenz gesagt.

Breit-Kessler

Und Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler, Teil des großen Luther-Chors, ist fast ein wenig traurig, dass es schon wieder vorbei ist: »So viel Substanz mit Musik, die fetzt - das ist für mich ein Höhepunkt des Jubiläumsjahrs und nur schwer zu überbieten.«

Fotoaktion am Stand

In der Pause konnten die Besucher am Sonntagsblatt-Stand in die Haut von Katharina und Martin Luther schlüpfen.

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