09.12.2017
Brauchtum & Weihnachtsmarkt

Münchner Krampuslauf bringt alten Brauch zurück

München — 
Der Krampus zählt im Süden Bayerns zu den Ureinwohnern: Wenn der Nikolaus die Geschenke verteilt, gehört die fellige Teufelsgestalt seit Jahrhunderten dazu. Eigentlich. Denn noch vor einigen Jahren war der Krampus in München und anderswo höchst unerwünscht. Heute ist das anders: Beim Münchner Christkindlmarkt treiben am 2. und 3. Advent zottelige Krampus-Gestalten ihren Spaß - und tausende Besucher schauen begeistert zu. Was macht der moderne Krampus besser?
Krampus-Chef Tom Bierbaumer.
»Ein guter Krampus weiß, wie weit er gehen kann«: Obmann Tom Bierbaumer freut sich, dass der alte Brauch des Krampuslauf Menschen wieder begeistert.

Tom Bierbaumer ist ausgewiesener Krampus-Experte. Im Jahr 2000 gründete er mit zwei Freunden die Gruppe »Sparifankerl-Pass«. Ein Jahr später brachten sie in München nach langer Zeit wieder einen Krampuslauf auf den Weg. Der geriet zur Erfolgsgeschichte: Wenn nun am 10. und 17. Dezember auf dem Münchner Christkindlmarkt etwa 25 Krampusgruppen unterwegs sind, könnten 60.000 bis 80.000 Menschen zusehen. So viele waren es laut Bierbaumer in den vergangenen Jahren – darunter viele eigens angereiste Touristen aus aller Welt.

Vor 17 Jahren sei »Sparifankerl-Pass« – das bedeutet Teufels-Gruppe – noch belächelt worden, so Bierbaumer. »Die allgemeine Meinung lautete: Beim Krampuslauf sind eh nur Besoffene unterwegs, da wird zugeschlagen und es geht rau zu.« Das Image zu bessern, dazu gehörten auch »klare Regeln und Abmachungen«: »Bei uns braucht kein Zuschauer Angst zu haben«, sagt der Krampus-Chef. »Wer sich vorgenommen hat, getarnt im Kostüm den Frust des vergangenen Jahres rauszulassen, ist bei uns falsch und muss gehen«, sagt Bierbaumer. Sogar ein striktes Alkoholverbot gelte für die Gruppenmitglieder vor dem Lauf.

Krampuslauf fasziniert Weihnachtsmarkt-Besucher

Ein guter, nüchterner Krampus bekomme dann schnell mit, wie weit er gehen kann: »Bei Kindern zum Beispiel machst du gar nichts – die sind, auch wenn sie noch an den Weihnachtsmann glauben, nicht so naiv wie manch einer glauben mag. Die verstehen schnell, dass ein Mensch in der Verkleidung steckt«. Probleme gebe es, wenn, dann eher wegen Eltern, die ihren Kindern »Schauermärchen« erzählen, erklärt Bierbaumer. Auch Touristen wolle man nicht verschrecken: »Stellen Sie sich vor, da bekommt jemand eine Krampusrute ab und geht mit Striemen nach Hause. Der erzählt seinen Freunden und Bekannten sicher nicht, ›Du, da musst Du mal hin.‹«

So etwas wäre also kontraproduktiv für das Hauptziel: uralte Bräuche authentisch zu präsentieren. Der Krampus als Teufelsfigur stammt, so sagt Bierbaumer, aus dem späten 16. Jahrhundert. Erst habe es nur den Krampus gegeben – später habe er als Begleiter des guten Nikolaus das Böse repräsentiert: Das habe damals »die Kirche so entschieden«. Auch im Kostüm der Perchten ist die Gruppe unterwegs.

Deren Stunde schlägt in den »Raunächten« zwischen Heiligabend und Heilig Drei König. Die Perchten sollten dem Brauch nach den Winter vertreiben – indem sie furchteinflößender sind als die Wintergeister. Dazu gehört ein weiteres Kostüm. »Die Perchten haben riesige Nasen, Ohren und Zähne und meist mehrere Hörner«, erklärt Bierbaumer. »Je mehr Hörner, desto mehr Glück im neuen Jahr, heißt es.«

Perchtentreffen auf dem Berg.
Perchtentreffen auf dem Berg.

Jedes Jahr legen sich die zehn Mitglieder der »Sparifankerl-Pass« neue Kostüme zu. Neben dem Fell gehören Krampusmasken vom Maskenschnitzer dazu, jede ein Unikat, ein »kleines Kunstwerk« – und bis zu 1.500 Euro teuer. Die Vorbilder sind zum Beispiel historische Teufelsdarstellungen, Inspiration finde man bisweilen sogar im Museum, sagt Bierbaumer. »Es soll traditionell sein und bleiben, das ist keine Geisterbahn«, betont er: »So lange ich Obmann bin, wird es bei uns keine Zombies oder Orks geben, die mitlaufen.«

Was aber ist so faszinierend an dem Brauch, dass Gruppen wie die »Sparifankerl-Pass« viel Zeit und Geld für das Hobby aufwenden? Bierbaumer schwärmt vor allem von den Reaktionen der Menschen. »So ein Krampuslauf ist einfach etwas Besonderes. Die Kinder haben einerseits großen Respekt vor dem Krampus – andererseits freuen sie sich aber total auf ihn. Manchmal werden wir freudig umarmt und bekommen sogar selbstgemalte Bilder überreicht«, erzählt er. »Was mich auch immer wieder berührt ist, wenn alte Menschen auf uns zukommen und sagen: ›Toll, dass es das wieder gibt.‹«

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