10.06.2017
Frühchristliche Kunst

Neues Katakomben-Museum in Rom

Touristen besuchen in Rom vor allem die Katakomben an der Via Appia Antica, wenn sie sich auf die Spuren der frühen Christen begeben. An der Regina Viarium, der Königin der Straßen, können sie heute noch Ausflüge in vergangene Zeiten mit Schafherden auf dem Basaltpflaster, überwachsenen Mauern und Ruinen monumentaler Grabstätten unternehmen. Weniger bekannt als diese Grabanlagen, aber besonders reich an Malereien und Inschriften ist die größte der römischen Katakomben, die nach der Adligen Domitilla aus dem Kaisergeschlecht der Flavier benannt ist. Aktuelle Funde und Restaurierungen können Besucher dieser Katakombe bald in einem neuen Museum betrachten.
Schätze frühchristlicher Grabkultur erstrahlen nach 25 Jahren Restaurierung in neuem alten Glanz: ein »guter Hirte« in den Domitilla-Katakomben in Rom.
Schätze frühchristlicher Grabkultur erstrahlen nach 25 Jahren Restaurierung in neuem alten Glanz: ein »guter Hirte« in den Domitilla-Katakomben in Rom.

Heute liegt die Katakombe in einem modernen Wohnviertel am Stadtrand von Rom, an der Via delle Sette Chiese. Die Straße erhielt ihren Namen von der Siebenkirchenwallfahrt zu den römischen Hauptkirchen, die fromme Christen in der Fastenzeit unternehmen. Vom Petersdom führt der Weg über Santa Maria Maggiore am Hauptbahnhof Termini über San Lorenzo fuori le mura nach Santa Croce, die über eine Reliquie des heiligen Kreuzes gebaut ist. Vom Lateran geht es dann zur Via Appia mit der Kirche des Heiligen Sebastian an der gleichnamigen Katakombe und von dort über die Via delle Sette Chiese an der Domitilla-Katakombe vorbei zur Basilika St. Paul vor den Mauern über dem Grab des Apostels.

»Das Christentum hat sich in Rom anfangs an den Rändern ausgebreitet«, erklärt der Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts, Ortwin Dally, unter Bezug auf ein ganzes Netz aus Katakomben an damaligen Ausfallstraßen wie der Via Appia. Christen hätten sich im Unterschied zu anderen Römern in der Nähe von Heiligen bestatten lassen. Damit seien die Katakomben auch zu einem sakralen und rituell genutzten Raum geworden, betont der Archäologe hinsichtlich der im 5. Jahrhundert einsetzenden Prozessionen zu den Katakomben.

Grabstätte der Tochter des Apostels Petrus?

In der Domitilla-Katakombe wurde auch die heilige Petronilla begraben, die bereits dem Namen nach als Tochter des Apostels Petrus galt. Christliche Archäologen weisen die Zuschreibung zum Apostel ins Reich der Legenden. Die damaligen Christen hätten indes geglaubt, dass sie dessen Tochter gewesen sei, sagt der deutsche Archäologe.

Das kleine Museum an der Domitilla-Katakombe zeigt, wie sich römische und frühchristliche Kunst parallel entwickelten. Das Christentum habe nichts neu erfunden, sondern vorhandene Darstellungsformen neu interpretiert, erklärt Dally mit Blick auf einen Sarkophag mit einem in hügeliger Landschaft liegenden Endymion, dem Geliebten der Mondgöttin Selene. Unten in der Katakombe taucht die liegende Jünglingsfigur als biblischer Jonas in der Grabkammer eines Funktionärs der Annona, der Behörde für die Verteilung von Getreide, wieder auf.

Über 25 Jahre zogen sich die Restaurierungen an den Malereien der Grabkammern hin, zuletzt wurde mit Lasertechnik eine dicke schwarze Schicht entfernt, die die leuchtenden Farben verdeckte. Zwei unterschiedliche Epochen stellten die Forscher des Deutschen Archäologischen Instituts bei der Erstellung eines dreidimensionalen Plans der vierstöckigen Katakombe fest. In einer ersten Phase seien Gräber im frühen dritten Jahrhundert ausgemalt worden. Spätere Malereien in einem Stil, der sich an den überirdischen Monumentalgräbern vorchristlicher Gräber orientiert, stammen dagegen aus dem vierten Jahrhundert.

Abgeschlagene Genitalien

Reliefs mit Darstellungen aus einer Bäckerei und in einer Kellerei zeigen in dem Museum, wie wichtig der Alltag in den Katakomben im Unterschied zu eher repräsentativen Monumentalgräbern nicht christlicher Römer war. Die Herme (Steinpfeiler mit Kopf) am Eingang des Museums wurde offenbar bearbeitet, um unter Christen keinen Anstoß zu erregen. Die Buckellocken hätten den Kopf ursprünglich älter erscheinen lassen sollen, sagt Dally. Als sie in der benachbarten Calixtus-Katakombe gefunden wurde, waren die Genitalien am steinernen Schaft, auf dem der Kopf mit Schultern ruht, abgeschlagen.

Das kleine Museum soll binnen eines Monats eröffnet werden, wie der Präsident des päpstlichen Kulturrats, Kardinal Gianfranco Ravasi, bei der ersten Präsentation Anfang Juni ankündigte. Die päpstliche Kommission für Archäologie hat neben dem Deutsche Archäologischen Institut an der Entstehung mitgewirkt.

DOMITILLA-KATAKOMBEN

Die Domitilla-Katakomben liegen an der alten Via Ardeatina auf dem Grundbesitz der adeligen Römerin Flavia Domitilla, einer Nichte des Flavius Clemens, der im Jahre 95 n. Chr. Konsul war. Dieser hatte eine Nichte des Kaisers Domitian (81-96) geheiratet, die auch Flavia Domitilla hieß. Dieser Zweig der Flavier Familie war allem Anschein nach dem Christentum zugetan, denn wir wissen von den Historikern der Zeit, dass Domitian den Flavius Clemens aus religiösen Gründen zum Tode verurteilen ließ und dass seine Frau und seine Nichte auf die Insel Ponza verbannt wurden. Vor ihrem Exil stellte die Nichte des Konsuls ihren Grundbesitz an der Via Ardeatina der christlichen Gemeinde zur Verfügung. Auf diesem Gelände entstand später die größte christliche Katakombe von Rom.

Adresse: Via delle Sette Chiese, 282, I-00147 Rom
Besuch und Führung täglich außer Dienstag 9–12 und 14-17 Uhr.
Eintrittspreis: Voller Preis € 8, ermäßigter Preis € 5. Im Eintrittspreis ist die Führung einbegriffen.

Weitere Informationen und Reservierungen: www.domitilla.info

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