12.07.2017
Moderne Kunst

Pablo Picassos »Guernica« wurde vor 80 Jahren erstmals öffentlich gezeigt

Ein riesiges Wandgemälde gilt als Picassos bekanntestes Werk: »Guernica«. Die visuelle Anklage gegen Faschismus und Krieg wurde vor 80 Jahren erstmals gezeigt. Das Werk sorgte beim Publikum für viel Aufsehen – und ist heute so aktuell wie damals.
»Guernica« von Pablo Picasso (Museo Reina Sofía, Madrid).
»Guernica« von Pablo Picasso: Vorbild der Lichtträgerin ist für viele Kunsthistoriker die New Yorker Freiheitsstatue. In dem monumentalen Gemälde formulierte Picasso mit dem am Boden liegenden Schwertträger 1937 eine Utopie, die sich bald zerschlug: dass es mit dem Franco-Putsch ein schnelles Ende haben werde.

 

Es ist ein erdrückendes Szenario in Schwarz, Grau und Weiß. Pablo Picassos Manifest gegen die Barbarei des Kriegs und die spanischen Faschisten bedeckt eine Fläche von 27 Quadratmetern. Zwar zeigt »Guernica« keinen Tropfen Blut, doch das Bild verstört den Betrachter auch noch 80 Jahre nach seiner Entstehung. Zu sehen sind tote und verstümmelte Menschen, verzerrte Gesichter, Pferd und Stier, denen Glieder fehlen. Ein Haus steht in Flammen, eine abgetrennte Hand hält Schwert und Blume umklammert. Chaos, Leid und Verzweiflung – Picassos abstrakte, bis heute gültige Anklage gegen Krieg, Gewalt und Terror.

Picasso (1881-1973) hatte das Bild bewusst in den Dienst einer Idee gestellt: »Ich bin davon überzeugt, dass ein Künstler, der mit geistigen Werten lebt und umgeht, angesichts eines Konflikts, in dem die höchsten Werte der Humanität und Zivilisation auf dem Spiel stehen, sich nicht gleichgültig verhalten kann«, sagte der Meister im Dezember 1937.

Gezielter Terror gegen Zivilisten

Die Entstehungsgeschichte des Werks ist voller Wendungen. Im Januar 1937 tobte in Spanien der Bürgerkrieg, ein halbes Jahr vorher hatte der General und spätere faschistische Diktator Francisco Franco gegen die Republik und die gewählte linke Regierung geputscht. In dieser Situation erhielt Picasso den Auftrag für ein explizit politisches Bild: Er sollte für die spanische Republik ein kolossales Wandgemälde für den Pavillon der Pariser Weltausstellung malen – um Front zu machen gegen Franco und den Krieg.

 

Menetekel für zerstörte deutsche Städte: die baskische Stadt Gernika (Guernica) nach den Luftangriffen durch die deutsche »Legion Condor« am 26. April 1937.
Menetekel für zerstörte deutsche Städte: die baskische Stadt Gernika (Guernica) nach den Luftangriffen durch die deutsche »Legion Condor« am 26. April 1937. Doch warum sind auf Picassos berühmten Gemälde »Guernica« keine Bomben, Soldaten oder Flugzeuge zu sehen, dafür ein Stier, eine Lichtträgerin, eine Glühbirne?

 

Picasso plagte sich mit Entwürfen, verwarf sein ursprüngliches Konzept für den Auftrag »Der Maler und sein Modell« wieder. Offenbar fehlte ihm monatelang die zündende Idee. »Eigentlich war Picasso der vielleicht denkbar schlechteste Künstler für den Auftrag. Er hatte kaum mit einem solch großen Bildformat gearbeitet, befand sich in einer tiefen Krise als Person und Künstler und machte auch keine politische Kunst«, urteilt Kunsthistoriker Manuel Borja-Villel, der Direktor des Madrider Museo Reina Sofía, das das Werk heute im Besitz hat.

Dann kam es am 26. April 1937 zum Fanal: Die deutsche und die italienische Luftwaffe mischten sich an der Seite der spanischen Faschisten in den Spanischen Bürgerkrieg ein und griffen die baskische 5000-Seelen-Stadt Gernika (spanisch Guernica) an. Sie warfen knapp 40 Tonnen Bomben ab, legten die tausend Jahre alte Siedlung in Schutt und Asche. Dabei starben nach heutigen Erkenntnissen rund 300 Menschen. Es war der menschenverachtende Testlauf für eine neue Form moderner Kriegsführung: Der gezielte Terror gegen Zivilisten, deren Moral mit allen Mitteln gebrochen werden sollte. »Guernica gilt als das erste zivile Flächenziel, das durch einen Luftangriff völlig zerstört wurde«, schreibt der Politikwissenschaftler Gerhard Piper.

Das Bild wird nie wieder auf Reisen gehen

»Als es ruhig wurde, verließen wir den Bunker. Doch draußen gab es nichts mehr. Überall lagen Leichen. Es roch nach verbranntem Fleisch – von Tieren und Menschen. Die ganze Stadt brannte. Ich verlor viele Freunde und Bekannte«, erinnert sich der baskische Zeitzeuge Luis Iriondo.

Picasso erfährt aus Rundfunk und Zeitungen von der Bombardierung. Plötzlich hat er eine Vision, für die er womöglich (siehe Buchtipp) auf den eigenen Ideenfundus zurückgreift: Eine Radierung aus dem Jahr 1935 mit Namen »Minotauromachie« enthält bereits jene Elemente, die jetzt wieder auf die Leinwand kommen: Stier und Pferd, das Mädchen mit Kerze. Picasso setzt auf Abstraktion. Das Ergebnis beschreibt Borja-Villel so: »Es ist Kubismus, Friedrich Nietzsche, Goya, Sexualität, christliche Passionsikonografie und ein zeitloses Manifest gegen Krieg und Gewalt.« Erstmals gezeigt wurde das Bild am 12. Juli 1937.

Nach der Weltausstellung ging das Meisterwerk auf Reisen, wurde in mehr als 30 Städten in Europa und den USA ausgestellt. Von 1958 bis 1981 hing es im New Yorker Museum of Modern Art. Picasso hatte verfügt, dass das Bild erst nach dem Tod Francos und der Wiedereinführung der Demokratie an Spanien als Auftraggeber übergeben werden dürfe. Franco starb 1975 – zwei Jahre nach Picasso. Seit 1992 hängt »Guernica« im Museo Reina Sofía in Madrid – und darf wegen seines angegriffenen Zustands mit 129 Beschädigungen und Rissen in der Farbschicht nie mehr auf Reisen gehen. Deshalb wird das Bild wohl auch nicht im Baskenland ausgestellt, wie das lokale Politiker seit Jahren fordern.

Kunstfreunde kommen dennoch auf ihre Kosten: Noch bis zum 4. September ist eine »Guernica«-Sonderausstellung mit Leihgaben aus 30 Museen in Spaniens Hauptstadt zu sehen. Museumsdirektor Manuel Borja-Villel: »Es ist die größte Ausstellung, die jemals über das Bild und seine Geschichte gemacht wurde.«

 

INFO

Die Ausstellung »Piedad y terror en ­Picasso. El camino a Guernica« (Frömmigkeit und Schrecken oder Erbarmen und Entsetzen bei Picasso. Der Weg zu Guernica) ist noch bis zum 4. September 2017 im Museo Reina Sofía, Edificio Sabatini in Madrid zu sehen.

Internet: www.museoreinasofia.es

Buch-Tipp

Was haben der Stier, die Lichtträgerin, die Glühbirne auf Picassos Bild eigentlich mit Guernica oder dem Krieg zu tun?

Der Münsteraner Kunsthistoriker Jörg Martin Merz hat für dieses Rätsel eine überzeugende Antwort. Er verweist auf eine Erklärung Picassos vom Mai 1937: »In dem Bild, an dem ich arbeite und das ich Guernica nennen werde, und in allen meinen jüngst entstandenen Werken drücke ich deutlich meine Abscheu vor der militärischen Kaste aus, die Spanien in ein Meer von Leid und Tod gestürzt hat.«

Merz verweist damit die Annahme, der deutsche Luftangriff auf die baskische Stadt Guernica habe Picasso zu dem Werk angeregt, ins Reich der Legende: Bombardierung und Bild korrelieren zwar zeitlich, hängen aber nicht kausal zusammen. Den Titel »Guernica« habe das Bild erst erhalten, als es im Wesentlichen fertiggestellt war. Picassos Dichterfreund Paul Éluard und der Kritiker Christian Zervos hätten dieses aktuelle Stichwort dann auf das Bild projiziert, um es politisch »links« zu vereinnahmen.

In Picassos 1935 entstandener Radierung »La Minotauromachie« sind mit Pferd, Lichtträgerin, Stier und Frau die gleichen Figuren zu sehen wie in »Guernica«. Sie haben dort eindeutig privat-mythischen, erotischen Charakter. Vor allem ist Guernica eine Abrechnung mit dem rechtskatholischen Militärdiktator Francisco Franco. Den verhassten Putschisten hat Picasso immer wieder als »molluskenhaften Popanz« mit Schwert und Standarte auf verschiedenen von ihm geschundenen Reittieren karikiert. »Guernica« zeigt in die Zukunft: Der Diktator (oder sein Reiterstandbild) liegt zerschmettert auf der Erde, sein Schwert ist zerbrochen. (ms)

Jörg Martin Merz: Guernica oder Picassos »Abscheu vor der militärischen Kaste«. Quellen zur Kunst, Band 35, 88 Seiten, zahlreiche Abbildungen, gebunden, 18 Euro. ISBN 978-3-7930-9879-9

Thumbnail
Share Facebook Twitter Google+ Share

Weitere Artikel zum Thema:

Sonntagsblatt