05.04.2017
Neu im Kino

Über hundert

Sie sind mutig. Sie sind witzig. Sie sind weise. Und sie sind über 100 Jahre alt. Die bayerische Filmemacherin Dagmar Wagner hat acht Hochbetagten ein sehenswertes Dokumentarfilm-Denkmal gesetzt. Am 6. April kommt der Film »Ü100« in die Kinos.
Die Protagonisten von »Ü100« (im Uhrzeigersinn): Anna (103), Ruja (102), Hella (102), Franz (100), Gerda (100), Theresia (101), Ernst (102) und Erna (104).
Die Protagonisten von »Ü100« (im Uhrzeigersinn): Anna (103), Ruja (102), Hella (102), Franz (100), Gerda (100), Theresia (101), Ernst (102) und Erna (104).

Was fragt man eine 100-Jährige in einem Interview?

Zum Beispiel: »Was war Ihnen im Leben immer wichtig?« Leider hört Theresia Steinberger nicht mehr gut. »Frühstück?«, krächzt die alte Dame unsicher zurück. – »Wichtig! Wichtig! Was war Ihnen immer wichtig?«, versucht es die Interviewerin mit erhobener Stimme. Die alte Dame muss lachen: »Was immer zum Frühstück gebn hat?«, amüsiert sie sich über die rätselhafte Frage, und ihr Gebiss schaukelt lustig im Mund.

Nein, die Einschränkungen im Alter beschönigt der Film »Ü100« von Dagmar Wagner nicht. Schlecht hören, wenig sehen, sich nur noch mühsam bewegen können, das ist kein Spaß. Aber es ist berührend und spannend, acht über hundert Jahre alten Menschen zu begegnen und zu sehen, mit wie viel heiterer Würde hochbetagte Menschen ihr Leben meistern.

Die Filmemacherin Dagmar Wagner hat 1993 für ihre Abschlussarbeit an der Münchner Filmhochschule gleich einen Bayerischen Filmpreis abgeräumt. In »Das Ei ist eine geschissene Gottesgabe« erzählte sie in einer Langzeitbeobachtung den Niedergang der Familie Geisberger und ihres einst stattlichen Sprengenöd-Hofs bei Eurasburg, östlich von Seeshaupt am Starnberger See.

»Man bleibt immer ich«

Wagner hat mit Helmut Dietl und Georg Stefan Troller zusammengearbeitet, Drehbücher geschrieben, war Moderatorin und Dozentin. In den letzten Jahren verlegte sie sich auf Biografien für private Auftraggeber – in Buchform oder als Film. Aus dieser Biografiearbeit und der Auseinandersetzung mit dem Älterwerden erwuchs das Dokumentarfilmprojekt »Ü100«.

Hella (102) bringt es gleich zu Anfang der Dokumentation auf den Punkt: »100-jährig, das ist ja kein Verdienst. Man wartet nur ab. Man wird geehrt, aber eigentlich wird man selber ja nicht wirklich geehrt, sondern nur das Alter. Ich glaube, für Außenstehende ist das viel wichtiger. Für einen selber geht das Leben einfach so weiter.« Und: »Man bleibt immer ich«.

Hella, Theresia, vier weitere Frauen sowie zwei Männer lässt Dagmar Wagner von ihrem Leben erzählen. Drei der Protagonisten leben noch nahezu selbstständig zu Hause, fünf in einem Alten- oder Pflegeheim.

Erfrischend ist, wie sehr die Dokumentation ihre Protagonisten in die Gegenwart holt: Auf abgefilmte Fotos oder biografische Stationen verzichtet Dagmar Wagner und lässt die alten Menschen einfach erzählen, wie ihr Leben jetzt, heute, als »Ü100« aussieht. Begleitet sie beim Fußball- oder Aus-dem-Fenster-Schauen, zeigt auch die Einsamkeit und das Kreisen um die Erinnerungen. Lässt sie von ihrem Glauben erzählen, über das Sterben nachdenken und über das, was danach kommen könnte.

Die Alten werden immer jünger

Dass wir immer älter werden, verleiht der Dokumentation zudem Aktualität: Lag der Anteil der 80-Jährigen an der Bevölkerung 1950 gerade mal bei einem Prozent, sind es heute schon sechs Prozent. Jedes Kind, das heute geboren wird, hat realistische Chancen, 100 Jahre und älter zu werden, sagen Altersforscher.

Rund 17 000 Hundertjährige gibt es heute in Deutschland. 2060 könnten es fast 200 000 sein. Gleichzeitig verlängern sich auch körperliche und geistige Fitness: Die 80-Jährigen von heute sind ungleich »jünger« als die 80-Jährigen der 50er-Jahre. Auch diese Tendenz wird sich fortsetzen.

Das alles stellt die Gesellschaften Europas vor große Herausforderungen. Wo in den Diskussionen darüber mit Begriffen wie »Überalterung« oder »Rentnerschwemme« (Unwort des Jahres 1996) hantiert wird, lässt das für die Zukunft der Alten nichts Gutes ahnen.

Vor diesem Hintergrund ist »Ü100« auch deswegen ein wichtiger Beitrag: Weil der Film zeigt, dass das Leben auch mit 100 noch längst nicht vorüber ist. Weil er ein warmes und dennoch ehrliches Licht darauf wirft, was es mit dem »Altern in Würde« auf sich hat. Und was es bedeutet, wenn Aussehen und Statussymbole keine Rolle mehr spielen.

An diesem Ende des Lebens winkt eine große Freiheit.

 

Internet: www.ü100-derfilm.de und www.älterwerden.net (Internetseiten von Dagmar Wagner)

Galerie Bild Referenz
Filmplakat zu »Ü100« (Ausschnitt).
Filmplakat zu »Ü100« (Ausschnitt).
Die Protagonisten von »Ü100« (im Uhrzeigersinn): Anna (103), Ruja (102), Hella (102), Franz (100), Gerda (100), Theresia (101), Ernst (102) und Erna (104).
Die Protagonisten von »Ü100« (im Uhrzeigersinn): Anna (103), Ruja (102), Hella (102), Franz (100), Gerda (100), Theresia (101), Ernst (102) und Erna (104).
Hella (102): »Man bleibt immer ich!«
Hella (102): »Man bleibt immer ich!«
Erna (104) schaut am liebsten Fußball.
Erna (104) schaut am liebsten Fußball.
Ruja (102) spielt immer noch Klavier.
Ruja (102) spielt immer noch Klavier.
Rujas Hände laufen noch höchst flink über die Tasten.
Rujas Hände laufen noch höchst flink über die Tasten.
Ernst (102) hat einen Einbrecher in seinem Haus zuerst verarztet und dann hinausgeworfen.
Ernst (102) hat einen Einbrecher in seinem Haus zuerst verarztet und dann hinausgeworfen.
Die Filmemacherin und Autorin Dagmar Wagner.
Die Filmemacherin und Autorin Dagmar Wagner.
Filmplakat zu »Ü100«.
Filmplakat zu »Ü100«.
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Sonntagsblatt