18.05.2017
Filmstart »Alien: Covenant«

Von Menschen und Monstern

»Alien« – ein Film, mit dem Regisseur Ridley Scott 1979 Kinogeschichte schrieb. Mit »Alien: Covenant« (ab 18. Mai im Kino) erweitert der bald 80-jährige Scott das Weltraum-Grusel-Epos um eine Vorgeschichte. Es geht um Schöpfer, Geschöpfe, viele weitere religiöse Bezüge – und natürlich fließt wieder eine Menge Blut. Sich selbst zu übertreffen gelingt Scott aber leider nicht.
»Alien: Covenant«: Michael Fassbender spielt in einer Doppelrolle die Androiden Walter und David.
Geschöpf, Schöpfer, sterile Humanität: Michael Fassbender spielt in einer Doppelrolle die Androiden Walter und David.

Absolute Stille herrscht an Bord des Raumschiffs »Covenant«. Die rund 2000 Passagiere an Bord befinden sich in künstlichem Tiefschlaf. Lediglich der Android Walter (Michael Fassbender) wandert durch die endlosen Gänge. Die Science-Fiction-Arche ist unterwegs ans Ende der Galaxie, wo die Menschheit hofft, neuen Siedlungsraum zu finden. Und auf etwas stößt, was sie besser nicht gefunden hätte.

So beginnt »Alien: Covenant«, die Fortsetzung von »Prometheus«, den Meisterregisseur Ridley Scott 2012 ins Kino brachte. Beide Filme erzählen im zeitlichen Abstand von zehn Jahren die Vorgeschichte dessen, was 1979 erstmals als »Alien« auf die Leinwand kam.

Der Brite Ridley Scott – 2003 von der Queen zum Ritter geschlagen – hat Filmgeschichte geschrieben. Mit der Science-Fiction-Dystopie »Blade Runner« (1982), mit dem Emanzipations-Roadmovie »Thelma & Louise« (1991), vor allem aber mit seinem Weltraum-Grusel-Epos »Alien«, das 1979 in die Kinos kam. Im November wird Scott 80 Jahre alt. Fast die Hälfte seines Lebens hat ihn der Alien-Stoff beschäftigt.

 

»Alien: Covenant«: Was zunächst wirkt wie ein Paradies, erweist sich bald als Hölle.
Eine neue alte Welt: Was zunächst wirkt wie ein Paradies, erweist sich bald als Hölle.

»Im Weltall hört dich niemand schreien«: Bis heute lebt der Alien-Mythos von den düster-beklemmenden Bildwelten des Schweizer Neo-Surrealisten HR Giger, der damals das Produktionsdesign entwarf. Und die Hauptrolle spielte eine starke Frau, Sigourney Weaver. Das Action-Genre erhielt erstmals einen feministischen Zug.

Zuletzt, 2014, hat der bekennende Agnostiker Ridley Scott mit »Exodus: Götter und Könige« einen Bibel-Action-Film vorgelegt, in dem Gott dem Mose nicht im Dornbusch, sondern als Kind erscheint. In dem Film über zwei sehr unterschiedliche Brüder hat Scott auch den Tod seines Bruders Tony verarbeitet, der sich zwei Jahre zuvor das Leben nahm.

Scotts Alien-Filme sind ebenfalls voller religiöser Anspielungen. Auf der »Covenant« beginnt alles mit einer Abendmahlsszene. Der Kapitän trägt vor dem Reisekälteschlaf eine Decke um die Schultern, die ihn wie Jesus aussehen lässt. Aber dort, wo bei da Vincis berühmtem Gemälde Judas sitzt, steht nun ein schwules Pärchen. Dabei sollen die 2000 Paare auf dem Schiff doch – dem biblischen Auftrag »seid fruchtbar und mehret euch« gemäß – eine neue Menschheit begründen. Oder ist der wahre Judas ein ganz anderer?

 

»Alien: Covenant«: an Bord der »Covenant«.
Gläubiger Christ als Negativfigur: an Bord der »Covenant«.

Im Namen des Raumschiffs klingt doppelt an, dass es um Schöpfung und Geschöpfe geht: »Divine covenant« ist im Englischen der Bund Gottes mit seinem Volk, »marriage covenant« der Ehebund. Der Kapitän ist jedenfalls bald tot, und seine Frau Daniels muss zur Retterin werden – der erste »Alien«-Film lässt grüßen.

Nur ist da noch der Erste Offizier Christopher Oram, der eigene Pläne verfolgt. Er nimmt die Rolle des Gläubigen auf der Mission der »Covenant« ein. Er trägt nicht nur einen sprechenden Namen (Christopher bedeutet »Christusträger«) und stammt aus einer pfingstkirchlich-charismatisch geprägten Familie, er ist auch ambitionierter Wissenschaftler. Und hofft, die Reise werde ihn Gott näher bringen.

»Die Majestät der Schöpfung liegt nun vor uns«, sagt er angesichts des unglaublich fruchtbar wirkenden Planeten, der kolonisiert werden soll. Auf dem wächst gewaltiger Weizen (wie kommt dieses Ergebnis menschlicher Ackerbaukultur hierher?), aber es gibt keine Vögel, keine Tiere, nichts. Und der Weg zurück ins Paradies erweist sich bald als einer in die Hölle.

 

»Alien: Covenant«: Regisseur Ridley Scott mit Hauptdarstellerin Katherine Waterston (Daniels).
»Alien: Covenant«: Regisseur Ridley Scott mit Hauptdarstellerin Katherine Waterston (Daniels).

Die Sache mit der Schöpfung und dem Glauben wird um eine Dimension komplexer, wenn – wie stets in Scotts »Alien«-Filmen – ein Android hinzukommt. Ein großartiger Michael Fassbender spielt, einmal mit britischem, einmal mit amerikanischem Akzent, in einer Doppelrolle verschiedene Entwicklungsstufen des menschengemachten Homunkulus.

Dieser künstliche Mensch ist seinem Schöpfer, dem natürlichen Menschen, längst überlegen, auch wenn der Christ Christopher in ihm das Produkt menschlicher Hybris sieht. Es entsteht ein abgründiges Abbild des Menschseins, wenn sich Android Michael Fassbender in einer Szene als Walter und David selbst küsst und schlägt.

Also spricht – jedenfalls bei Ridley Scott – zuerst Gott zum Menschen: Ich habe dich erschaffen nach meinem Bilde, aber du bist mein Geschöpf. Dann sagt der Mensch zum Androiden: Ich habe dich geschaffen nach meinem Bilde, aber du bist mein Geschöpf. Doch wie es eben so ist bei einseitigen Bundesschlüssen: Der Sündenfall bleibt nicht aus. Und ein weiteres Geschöpf wird selbst zum Schöpfer – mit fatalen Folgen für alle.

Eine gängige Klage über das US-Kino lautet, die Kreativität der Filmfabrik erschöpfe sich in »Prequels« (wie »Alien: Covenant«) und »Sequels«, also Weitererzählungen erfolgreicher Stoffe. Im Oktober kommt mit »Blade Runner 2049« die Fortsetzung eines weiteren Scottschen Mythos ins Kino. Der Meister produziert den Film. Clint Eastwood, demnächst 87, arbeitet ebenfalls an seinem nächsten Film.

Die großen Alten Hollywoods haben noch lange nicht fertig. Selbst wenn sie einstige Höhen nicht mehr erreichen – gut genug für sehenswertes Kino sind sie immer noch.

 

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